Autor Thema: Mai 2010: H.v.Doderer - Die Strudlhofstiege  (Gelesen 13297 mal)

Offline JMaria

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Hallo zusammen,


   Aber Mary gab es nicht. (S.782). Diese Aussage verwirrt mich - bezieht sich das auf die vorher beschriebene, ideelle Person oder auf Mary als Kunstfigur ?


für mich schwierig zu deuten. Mir erschien es, als ob hier gemeint ist, dass Mary nicht wie üblich in ihrer "Mitte" ruhte, sondern an den Rand gedrängt wurde. Ihre Innenwelt stimmte nicht mit ihrer Außenwelt überein, dies zeigten die vorherigen Seiten, bevor dieser Satz "Aber Mary gab es nicht" in Erscheinung trat.
Ihre Unsicherheit war unüblich. Nach dem Bad tat sie alles sehr langsam mit Bedacht, doch auch dies half im Grunde nicht.



Zitat von: Steffi

Achja, Melzer geht an seinem freien Sonntag zur Messe - also katholisch ! S.765: Nach der Messe kein Spaziergang.  Auf jeden Fall ist er sicherlich vielfältigen Gedanken und Einflüssen offen.


oh, das hatte ich übersehen.



Zitat von: Steffi
Man könnte ja sagen, Ethelka stirbt, weil sie ihre wahre Liebe erkannt hat, diese aber aufgrund der Konventionen nicht leben kann. Ich frage mich, ob Melzer und René auf der Suche nach der wahren Liebe sind, ob es sich lohnt, danach zu suchen oder wann erkennt man überhaupt die wahre Liebe ? Könnte man sie nur erkennen, wenn man sich selbst erkennt ?


sehr schöne Fragen. Zumindest dürfte vieles leichter im Leben fallen, wenn man sich selbst erkennt.
Über die "wahre Liebe" zu sprechen ist wirklich ein "weites Feld".

Viele Grüße
Maria
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Offline Anita

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Hallo ihr Zwei  :winken:

Zu Mary K. und ihr nicht vorhanden sein, ich denke, das betrifft in diesem Abschnitt die Zukunft, innerlich verunsichert, sie stolpert mehrfach, da ist schon was im Busch  :zwinker:
In Erinnerung habe ich einen Ausspruch ungefähr so: als schöne Frau hatte sie ihre Daseinsberechtigung ...

Ja dieses Hin.- und Herspringen von katholisch zu islamisch ist zum Schluss sehr betont, deshalb ist es mir ja auch ins Auge gefallen  :zwinker: (Anmerkung zu Maria, dass Melzer evtl. auch zum Islam hingeneigt sein könnte statt umgekehrt, halte ich für unwahrscheinlicher, weil ich die Entwicklung zum Katholischen, wenn es denn so sei, als logischer empfände. Wenn er wirklich Moslem gewesen wäre oder auch nur seine Eltern, dann hätte er bewusst den Weg zu seiner Religion gefunden und es wäre wirklich eine Selbstfindung. Neugierde symbolisiert wieder das auf der Suche sein.)

Wahre Liebe und Etelka. Eigentlich hier das gleiche Bild bei Etelka wie bei Melzer --> man muss einen Grad der Reife mit sich bringen um den eigenen Weg zu finden. Viel zu jung war Etelka mit Pista zusammen, das war ja eine Jugendliebe, dem gegenüber liegt doch wenn man als Kind eine Religion aufgesetzt bekommt und sie sich nicht selber "gesucht" hat. Und das findet sich dann auch bei René, der vom Katholischen über die Philosophie zur Ewigen Philosophie, wenn nicht gar zum Buddhismus findet. Für ihn ist die Versuchung der Zwillinge auch nicht so tragisch als wenn Melzer in diese Falle tappen würde  :breitgrins:

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline JMaria

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Hallo zusammen,

noch ca. 50 Seiten und ich bin mit der Strudlhofstiege durch. Melzers Menschwerdung gipfelt in Blut und Liebe (Marys Bein und Thea Rokitzer).

Wenn ich auf Melzer die 900 Seiten zurückschaue, dann ist mit ihm viel Blut in Verbindung: Jagd, Krieg, Marys Unfall, Liebe (Thea mit dem Blut von Mary befleckt). Eine archaische Form der Menschwerdung?

Gruß,
Maria
« Letzte Änderung: 1. Juli 2010, 09:36 von JMaria »
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Offline Steffi

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Ja, gegen Ende wird das Blut als Symbol auffällig ! Ich habe auch noch so ca. 50 Seiten.

Die Spannung bis zu Marys Unfall war sehr gut aufgebaut und zeigte auch nochmal ganz Doderers Können. Ich konnte mich gar nicht losreissen, so spannend und doch schön zirkuliert waren die Abschnitte. Auch erkennt man jetzt besser die Unterschiede Melzer-René

man muss einen Grad der Reife mit sich bringen um den eigenen Weg zu finden.

Ein wichtiger Punkt !  :smile:

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline JMaria

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Hallo zusammen,

Auf den Seiten 868 und 869 erklärt sich Doderer wieder selbst durch Melzers Gedanken:

Ihm zerriß der sänftigende Schleier, der uns im Halbschatten immer wieder vermeinen macht, daß ein Vergangenes wirklich nach rückwärts fallen, abgestrichen, ja unter Umständen verneint und verleugnet werden könne. Dem war nicht so. Durch Sekunden wenigstens fühlt' er's bis zur absoluten Evidenz und Präsenz: wie das Volk des Gewesenen in dichtem und buntem Gedränge sich staut hinter den Kulissen der jetzt eben gespielten Szene.... bereit, hervorzubrechen und die Bühne zu überschwemmen,....Sie galten. sie waren wohl unsichtbar, jedoch nahe....

und genau deshalb hat Doderer diesen Kosmos Strudlhofstiege aufgebaut, mit all seinen Personen und Zeitsprüngen in die Vergangenheit.

Ich habe mir bereits weitere Bücher von Doderer gekauft. :-)

Gruß,
Maria
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Offline JMaria

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Hallo,

noch zu etwas anderem, wo ich mich auf unsicherem Boden bewege. Hattet ihr auch das Gefühl, dass hier die Menschwerdung Melzers am Ende mit Marys Unfall sehr religiös angehaucht ist. Zuvor die Hinweise auf Mariä Himmelfahrt (15. August) bis zum Tag des Unfalls, Marys Blut, Mary/ Maria, Marys Blut auf Melzer und Thea. Thea das Lämmchen! Lamm als christliches Symbol. Irgendwann zuvor wurde auch Theas Reinheit erwähnt.

in der Christenheit ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes ein Begriff. In der Strudlhofstiege die Menschwerdung Melzers durch eine Frau mit einer Frau  ... ?....

Auch die Szene am Bett im Spital sei noch erwähnt, die segenshaft daher kommt:

..so dann taten sie einige leise und verhaltene Schritte vor und knieten beide nebeneinander vor dem Bette nieder. Melzer küßte Marys am Rande liegende Hand. Auch das Lämmlein berührte diese zart mit dem milchigen Mäulchen. Mary legte die Hand auf Melzers Kopf....

Gruß,
Maria
« Letzte Änderung: 1. Juli 2010, 13:50 von JMaria »
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Offline Anita

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Ich habe mir bereits weitere Bücher von Doderer gekauft. :-)

Hat aber hoffentlich noch Zeit oder. Also direkt wieder, nein danke. Etwas später, schaun wir mal. Nach gewisser Zeit bestimmt wieder  :winken:
Macht nämlich Spaß mit euch  :smile:

noch zu etwas anderem, wo ich mich auf unsicherem Boden bewege. Hattet ihr auch das Gefühl, dass hier die Menschwerdung Melzers am Ende mit Marys Unfall sehr religiös angehaucht ist. Zuvor die Hinweise auf Mariä Himmelfahrt (15. August) bis zum Tag des Unfalls, Marys Blut, Mary/ Maria, Marys Blut auf Melzer und Thea. Thea das Lämmchen! Lamm als christliches Symbol. Irgendwann zuvor wurde auch Theas Reinheit erwähnt.

Ja, die Menschwerdung Melzers ist absolut religiös. Ich denke, das passt alles richtig gut ins Bild. Auf ein Re-read in ein paar Jahren bin ich gespannt  :breitgrins:

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline JMaria

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Hallo zusammen,
hallo Anita,


Hat aber hoffentlich noch Zeit oder. Also direkt wieder, nein danke. Etwas später, schaun wir mal. Nach gewisser Zeit bestimmt wieder  :winken:
Macht nämlich Spaß mit euch  :smile:


ja, mir hat die Leserunde auch viel Freude gemacht und sie hat viel zum verbesserten Verstehen bei mir beigetragen. War sehr schön mit euch ! Das schon mal vorweg. Ein paar Seiten fehlen mir jedoch noch zum Ende des Buches. Ich glaube, so recht möchte ich nicht zum Ende kommen, weil ich es hinauszögere  :breitgrins:


Zitat
Ja, die Menschwerdung Melzers ist absolut religiös. Ich denke, das passt alles richtig gut ins Bild. Auf ein Re-read in ein paar Jahren bin ich gespannt  :breitgrins:


durchaus, durchaus. Die Stiege gehört zu den Büchern, bei dem es immer etwas zu entdecken gibt.

Wenn wir gerade von 'Entdecken' sprechen:
Das Buch das Mary Melzer schenkte und wo er dann das Stück blutdurchtränkten Stoff deponiert heißt "L'Automne d'une femme" (1893)  (Der Herbst einer Frau ???) von Marcel Prevost, begann er, sich in Romanen wie .... L'Automne d'une femme .... für das er bekannt werden sollte: die Erforschung des Wesens der Frau, betrachtet ausschließlich aus männlicher Sicht. lt. Wikipedia.

Der zitierte Satz aus diesem Buch lautet in der Übersetzung ungefähr so:

Oh dunkel und trübe, unsere menschlichen Herzen , auch die aufrichtigsten !
(Oh! ténébreux et troubles, nos cœurs humains, même les plus sincères!)

Gruß,
Maria
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Offline Anna Magdalena

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Hallo miteinander!

Ich bin noch nicht ganz soweit wie Ihr und hoffe, es stört Euch nicht, wenn ich meine Leseeindrücke nachreiche.

Nach dem etwas ernsthafteren dritten Teil tritt im vierten Abschnitt zunächst das Humoristische wieder stark in den Vordergrund. Doderer kann beides: psychologische Vorgänge sehr subtil und geduldig nachzeichnen, aber auch auf kurze, knappe und ironische Weise, sozusagen schlaglichtartig, das Wesen einer Person oder die Art von Beziehung, die zwischen zwei Menschen besteht, erhellen (wie zum Beispiel das Verhältnis der Schwestern Pastré zueinander oder das von Mimi zu Eulenfeld). Ich bewundere auch immer wieder, wie geschickt er die Bilder wählt, mit denen er schwer zu fassende psychologische Abläufe beschreibt. Es ist fast so, als gäbe es zu jeder inneren Regung ein Pendant in der Außenwelt, als wäre jedem inneren Vorgang ein äußerer zugeordnet. Deswegen wirken Doderers Metaphern auf mich immer sehr passend und trotz ihrer Ungewöhnlichkeit fast selbstverständlich, als könne nur dieses Bild und kein anderes an dieser Stelle stehen.

Wenn man sich Doderers Kenntnis der menschlichen Natur vor Augen führt und seine Fähigkeit, das, was in Menschen vorgeht, bis in die kleinste Nuance beschreiben zu können, wenn man sieht, dass er seine Figuren zwar mit Ironie, aber auch mit Sympathie behandelt (ich habe das Gefühl, dass Doderer mit seinem 1951 erschienen Buch geradezu zur Ehrenrettung des Menschen - vielleicht auch zu seiner eigenen? - angetreten ist), dann frage ich mich, wieso jemand wie er Mitglied der NSDAP und Antisemit, wenn auch kein ausgeprägter, sein konnte. Das gleiche gilt für Knut Hamsun. Dessen Romanfiguren haben zwar fast alle schon etwas Amoralisches an sich, aber auch er konnte Seelenregungen sehr sensibel und präzise darstellen, auch er hatte einen genauen und verständnisvollen Blick für die Schwächen und Eigenarten der Menschen. Natürlich muss ein guter Schriftsteller nicht automatisch auch ein guter Mensch sein, aber mir bleibt es trotzdem ein Rätsel. Doderer würde sich vermutlich auf die „innere Mechanik“ herausreden.

Doderer kommt nicht zum Punkt und erzählt von allem anderen (über die Hausmeister musste ich lachen!) nur nicht über das, was man erwarten würde. Dieses Hin und Her finde ich außerordentlich interessant und ja, irgendwann kommt es bestimmt noch raus, und wenns bloß in einem Halbsatz ist.

Dieses „Nicht auf den Punkt Kommen“ ist bei Doderer Programm und gefällt mir ganz besonders gut. Das Leben kommt schließlich auch nie auf den Punkt. :breitgrins: Man ahnt zwar, dass diese Tabakschmuggelgeschichte noch Folgen hat, schließlich sind neben den Pastrè-Zwillingen auch noch Melzer und Thea Rokitzer darin verwickelt, aber bis dahin lässt Doderer sich Zeit, macht einige Bemerkungen zum Thema Fotografie und Künstlertum, spricht über das Rauchen und Trinken und beschreibt den Zihalismus in der Tabakregie. Diese Abschweifungen auf Nebengeleise, die Verzettelung mit scheinbaren Bagatellen bereichern die Lektüre sehr.

Jetzt fällt mir auch auf, dass direkt vom 1. Weltkrieg nicht gesprochen wird, überhaupt das Politische weitgehend ausgeklammert bleibt. Nur indirekt nimmt man als Leser die Zeit wahr, z.B. durch die Tabakaktion.

Obwohl sie von den beiden Erzählzeiträumen des Romans eingerahmt werden, sind diese beiden einschneidenden Ereignisse 1.Weltkrieg und Zusammenbruch der Monarchie tatsächlich kein Thema und werden immer nur beiläufig erwähnt. Sie haben auch keinen nennenswerten Einfluss auf das Leben der Romanfiguren, das nach dem Krieg mehr oder weniger genauso weiter geht wie vorher. Dass Doderer die Kriegsereignisse und den politisch-gesellschaftlichen Wandel ausspart, liegt vermutlich daran, dass er das Leben als überwiegend episch, nicht als dramatisch darstellen wollte. Der tägliche Lebensfluss mit all seinem Kleinkram, seinen Banalitäten und Unwägbarkeiten interessierte ihn, der das Dasein der Menschen bestimmende Alltag, nicht die Kriegserlebnisse Melzers und René Stangelers, die zu starke dramatische Akzente gesetzt hätten, wenn er sie beschrieben hätte.

Wahre Liebe und Etelka. Eigentlich hier das gleiche Bild bei Etelka wie bei Melzer --> man muss einen Grad der Reife mit sich bringen um den eigenen Weg zu finden.

Reife im Sinne Doderers als Menschwerdung durch Apperzeption. Die Wirklichkeit zu erfassen, wie sie ist, und zu ihrem eigenem Leben zu finden, ist Etelka Stangeler nie gelungen. Sie hat ihre Trópoi nicht befahren, sich nicht mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt, sie war übrigens auch nie auf der Strudlhofstiege. Von Anfang an hat sie in einer Scheinwelt gelebt. Aus einer Art inneren Leere heraus, aus Lebenslangeweile, auch als Reaktion auf den Vater, unter dem sie mehr noch als ihre Geschwister litt, hat sie immer nur nach der Sensation gesucht, nach dem Erlebnis einer großen, einzigartigen, absoluten Liebe, die es nicht gibt. Es ging immer nur um ihre Liebesaffären, sie hat nie zu ihrer eigenen Person, zu ihren Qualitäten gefunden. Ihre Liebe zu Imre von G. scheitert auch nicht an den Konventionen, sondern an Imres Schwäche. Aber selbst wenn es ein „Happy End“ für die beiden gegeben hätte, wie hätte diese Liebe den hohen Anforderungen Etelkas an sie jemals im Alltag standhalten können?

In den nächsten Tagen werde ich das Buch auch durchgelesen haben. Schade!

Gruß
Anna

Offline Steffi

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Hallo zusammen,

heute morgen habe ich die Strudlhofstiege nun beendet. Etwas wehmütig auch, obwohl es Doderer dem Leser ja leicht macht, denn am Ende betont er ja, dass er noch viel zu erzählen hätte, aber irgendwann muss das ja mal zu Ende gehen. Das sind auch meine Gedanken: welche Fülle steckt in dem Roman, ein ganzer Kosmos ist enstanden mit Wichtigem und Unwichtigem und trotzdem muss man sich irgendwann mal wieder etwas anderem zuwenden.  :zwinker:

Auch ich habe die Leserunde mit euch sehr genossen, es war eine Bereicherung und eure Gedanken haben mir immer sehr weitergeholfen  :winken:

Ja, die Menschwerdung Melzers ist absolut religiös. Ich denke, das passt alles richtig gut ins Bild. Auf ein Re-read in ein paar Jahren bin ich gespannt  :breitgrins:

Die ganze christliche Symbolik ist mir auch ins Auge gesprungen, das ist wohl auch das, was Anita so aufgefallen ist. Durchaus könnte man Anklänge an das vergangene Österreich-Ungarn mit seiner Bevölkerungsvielfalt sehen. Aber ein bißchen zu viel war es mir doch, wo bisher immer alles eher subtil war. Könnte man da nicht doch eine kleine Ironie Doderers herauslesen, so als ob er nun dem Leser einen recht kitschigen, stimmigen Schluß präsentiert, weil ein Happy End unabdingbar ist, um endlich zum Abschluß zu kommen ? Ein bißchen spielt er ja darauf an.

Ich kann mir auch vorstellen, dass man bei einem erneuten Lesen auf so manches trifft, das man dann erst verstehen wird.


Wenn wir gerade von 'Entdecken' sprechen:
Das Buch das Mary Melzer schenkte und wo er dann das Stück blutdurchtränkten Stoff deponiert heißt "L'Automne d'une femme" (1893)  (Der Herbst einer Frau ???) von Marcel Prevost, begann er, sich in Romanen wie .... L'Automne d'une femme .... für das er bekannt werden sollte: die Erforschung des Wesens der Frau, betrachtet ausschließlich aus männlicher Sicht. lt. Wikipedia.

Der zitierte Satz aus diesem Buch lautet in der Übersetzung ungefähr so:

Oh dunkel und trübe, unsere menschlichen Herzen , auch die aufrichtigsten !
(Oh! ténébreux et troubles, nos cœurs humains, même les plus sincères!)


Danke für diese Entdeckung - ich wollte auch schon danach suchen ! Herbst passt somit auch zur Jahreszeit am Ende, fast unbemerkt sind wir vom Sommer nämlich in den Herbst gekommen.

Die Zwillingsszene mit Eulenfeld und Melzer am Schluß hat mir auch nochmal sehr gefallen, wieder herrschte die Farbe weiß vor, diesmal in Pique und doch nicht unschuldig genug. Und am Ende bekam auch noch Melzers Brief an Editha, den Thea noch immer hatte, eine kleine Rolle.


Ich bewundere auch immer wieder, wie geschickt er die Bilder wählt, mit denen er schwer zu fassende psychologische Abläufe beschreibt. Es ist fast so, als gäbe es zu jeder inneren Regung ein Pendant in der Außenwelt, als wäre jedem inneren Vorgang ein äußerer zugeordnet.

Geht mir auch so, er spielt mit Sprache und Begriffen !


Dieses „Nicht auf den Punkt Kommen“ ist bei Doderer Programm und gefällt mir ganz besonders gut. Das Leben kommt schließlich auch nie auf den Punkt. :breitgrins:

Und doch muss Doderer uns einen Abschluß präsentieren, die Menschwerdung Melzers spielt sich ja im sozialen Kontext ab, Mary kann er zusammen mit Thea helfen, Laska konnte er allein nicht helfen, das steht auch im Gegensatz zum 1. Weltkrieg und zeigt für mich, dass im Krieg wohl keine Menschwerdung möglich ist.

Gruß von Steffi




Gruß von Steffi

Offline JMaria

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Hallo zusammen,

Zitat von: Steffi
Könnte man da nicht doch eine kleine Ironie Doderers herauslesen, so als ob er nun dem Leser einen recht kitschigen, stimmigen Schluß präsentiert, weil ein Happy End unabdingbar ist, um endlich zum Abschluß zu kommen ? Ein bißchen spielt er ja darauf an.


der Gedanke kam bei mir auch auf, als dann auch noch Melzers  und Theas Verlobung auf den Rosenkranzfeiertag fiel. Schon ein bißchen viel Religiösität auf einmal.


ich bin nun auch durch. Sehr schön spielt Doderer am Ende mit dem Leser. Sentimentalität lässt er garnicht erst aufkommen.


Zitat von: Anna Magdalena"
Wenn man sich Doderers Kenntnis der menschlichen Natur vor Augen führt und seine Fähigkeit, das, was in Menschen vorgeht, bis in die kleinste Nuance beschreiben zu können, wenn man sieht, dass er seine Figuren zwar mit Ironie, aber auch mit Sympathie behandelt (ich habe das Gefühl, dass Doderer mit seinem 1951 erschienen Buch geradezu zur Ehrenrettung des Menschen - vielleicht auch zu seiner eigenen? - angetreten ist), dann frage ich mich, wieso jemand wie er Mitglied der NSDAP und Antisemit, wenn auch kein ausgeprägter, sein konnte.


vielleicht spielt deswegen die Politik und Krieg nur eine Nebenrolle im Buch. Wie Steffi es oben so schön geschrieben hat, im Krieg und in der Politik gibt es keine Menschwerdung. Vielleicht hat Doderer das bitterlich gespürt und daraus ist dieser Roman entstanden, wie du es vermutest. Ein schöner Gedanke.

Gruß,
Maria

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Offline wanderer

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Hallo Zusammen!

Diese Leserunde geht zu Ende und ich bin immer noch auf Seite 104 geblieben. Eure Kommentare sind für mich sehr interessant. Leider habe ich beide, meine Freizeit und meine Fähigkeit als nicht Muttersprachler das Buch flüssig zu lesen, überschätzt. Aber ich freue mich, dass ich durch das Forum diesen Autor und dieses Buch entdeckt habe.

Beste Grüße
wanderer

Offline Anita

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Hallo ihr Lieben.

Es werden jetzt aber viele Gedanken zusammen getragen, echt klasse!  :smile:

Wie Steffi es oben so schön geschrieben hat, im Krieg und in der Politik gibt es keine Menschwerdung. Vielleicht hat Doderer das bitterlich gespürt und daraus ist dieser Roman entstanden, wie du es vermutest.

Ich bin der Meinung: gerade drum  :zwinker: Weil Melzer und Doderer den Krieg erlebt haben, konnten sie so reifen und diese Menschwerdung erleben.
Nach wie vor denke ich, dass der Krieg eine große Rolle im Roman einnimmt, obwohl er total außen vor bleibt. Gerade dies finde ich eins der raffiniertesten Schachzüge des Autors, kein Wort darüber geschrieben, aber so viel gesagt. 

@ Anna Magdalena
Deinen Hinweis, dass Etelka nie die Stiege erklommen hat, fand ich sehr aussagekräftig, danke!
Ja Etelka hat nie zu sich selber gefunden, der Reifungsprozess hat nie stattgefunden und letztendlich war ihr Leben nur noch ein Scherbenhaufen.

LG
Anita
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Offline Anita

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Warum der I. Weltkrieg dennoch ziemlich präsent ist?

Alleine dadurch, dass Melzer sehr geprägt ist vom Krieg. Der Tod seines Kameraden geht ihm nicht aus dem Kopf, die Erlebnisse haben seine Entwicklung wesentlich getragen. Das sieht man auch sehr gut bei diesem besagten blutigen Unfall, Melzer wusste direkt Bescheid was zu machen ist. Und wenn man an den I. Weltkrieg denkt, gehören Beinamputationen und spritzendes Blut einfach dazu. Genau wie die Bärengeschichte empfand ich den Unfall auch als eine indirekte Anspielung.

Mehr noch, meiner Meinung, das hatte ich aber schon formuliert, der Ton ändert sich ja im letzten Teil, der Krieg hat die Leute verändert. Jetzt kann man sagen mit dem Alter wird man Ernster. Hm, diese Lottergesellschaft hält normalerweise das Verschmockte bei, aber Pyjama-Feten werden nicht mehr gefeiert. Oder solche Albernheiten mit dem Badezimmer, was auf der Stiege endete. Ich empfand alles zusammen, dass die Gesellschaft am Krieg gereift war.

Und dann noch, dass jetzt eben nicht mehr alle Österreicher waren, dass man ein Visum brauchte um über manche Grenzen zu fahren. Alles ohne Worte, dennoch hat der Krieg deutlich stattgefunden.

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline JMaria

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Hallo zusammen,

was ich noch nicht auf die Reihe kriege, ist, dass das Doderer-ABC von Melzers Menschwerdung spricht, von René jedoch von einer Selbstfindung! Wenn mich jemand fragen würde, ich könnte es jetzt nicht erklären, wo der Unterschied liegt bzw. nur sehr vage vielleicht. Eine Menschwerdung scheint doch eine erhöhte Stufe der Selbstfindung zu sein....

Die Antwort liegt sicher auch in dem Unterschied derer Persönlichkeiten, denke ich mal.  :rollen:


@wanderer,
es war jedenfalls sehr mutig von dir, als Nichtmuttersprachler sich an der "Strudlhofstiege" zu versuchen. Respekt!  :winken:


Grüße,
Maria
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