Autor Thema: Juli 2010 - Joseph Conrad: Herz der Finsternis  (Gelesen 4687 mal)

Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #15 am: 4. Juli 2010, 17:14 »
Hallo Bluebell,

ich denke auch nicht, dass dir etwas entgehen wird. Mit so vielen Symbolen arbeitet Conrad meiner Ansicht nach nicht.

Katrin

Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #16 am: 5. Juli 2010, 12:25 »
Hallo,

ich bin nun fast am Ende des 2. Kapitels und diesen Nebel fand ich sehr gut beschrieben. Ich hatte das Gefühl Conrad beschreibt hier das Eindringen des weißen Mannes in die Welt der Schwarzen. Die Weißen waren blind (wie im Nebel) für die Anliegen der Afrikaner. Sie hatten keine Ahnung was sie anrichten und man sieht ja auch, dass sie diese Leute gar nicht als Menschen wahrnehmen, sondern als Tiere, die man wie Hunde dressieren kann.

Der Nebel lichtet sich zwar hin und wieder, aber die Erkenntnis hier etwas falsches zu tun, kommt nicht oder nur sehr, sehr zaghaft.

Conrads Erzählweise finde ich sehr bildgewaltig und ich konnte die Anspannung der Menschen auf dem Boot geradezu fühlen.

Katrin

Offline Bluebell

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #17 am: 6. Juli 2010, 09:59 »
Ich bin auch noch immer im Nebel (ca. Seite 80) - unserem gar nicht nebeligen Hochsommerwetter der letzten Tage sei Dank.  :zwinker:

Das Wort Finsternis gebraucht Conrad wirklich häufig

Mittlerweile ist mir noch ein anderes Wort aufgefallen: leer. Das leere Land, der leere Strom, leere Flussstrecken (du liebe Zeit, neue Rechtschreibung) ... das ist irgendwie ungewöhnlich, aber treffend und gefällt mir sehr gut.
Und noch eine Besonderheit im Ausdruck: Conrad schreibt des Öfteren "dort drinnen", wo ich intuitiv eher ein "dort draußen" erwarten würde. Er bezieht sich dann auf das Land, den Dschungel etc., also ist "drinnen" durchaus logisch - aber man ist eben eher an ein "draußen" gewohnt, wenn von drohender Gefahr die Rede ist. Es ist nur ein ganz feiner Unterschied, aber der erzeugt für mich trotzdem nochmal eine etwas "eigenere" Stimmung.

ich bin nun fast am Ende des 2. Kapitels und diesen Nebel fand ich sehr gut beschrieben. Ich hatte das Gefühl Conrad beschreibt hier das Eindringen des weißen Mannes in die Welt der Schwarzen. Die Weißen waren blind (wie im Nebel) für die Anliegen der Afrikaner. Sie hatten keine Ahnung was sie anrichten und man sieht ja auch, dass sie diese Leute gar nicht als Menschen wahrnehmen, sondern als Tiere, die man wie Hunde dressieren kann.

Der Nebel lichtet sich zwar hin und wieder, aber die Erkenntnis hier etwas falsches zu tun, kommt nicht oder nur sehr, sehr zaghaft.

Das beschreibst du sehr schön.
Man wirft Conrad ja durchaus auch Rassismus vor. Im ersten Teil wollte ich schon fast schreiben, dass ich das für sehr übertrieben halte und dass man an dieses Buch nun mal nicht unsere heutigen Maßstäbe der "political correctness" anlegen darf.
Im zweiten Teil gab es nun aber durchaus schon einige Stellen, wo ich verärgert die Stirn runzeln musste (auch wenn man Marlows Wahrnehmung nicht mit Conrads Einstellung gleichsetzen darf).
Mir kam es so vor, als ob Marlow den Afrikanern im ersten Teil noch mehr Sympathie und Mitgefühl und vor allem weniger Arroganz entgegen bringt. Wie er seinen Heizer beschreibt, ist absolut demütigend ("dressiert" trifft den Nagel auf den Kopf, Jaqui)! :grmpf: Im ersten Teil hatte Marlow ja auch noch kaum direkt mit den Einheimischen zu tun, während er jetzt richtig mit ihnen zusammen arbeiten und leben muss. Das ist psychologisch durchaus interessant, denn auch in heutigen Städten ist die Ausländerfeindlichkeit ja dort am stärksten, wo die Kulturen tatsächlich aufeinanderprallen und sich arrangieren müss(t)en.
"Date a girl who reads. Date a girl who spends her money on books instead of clothes. She has problems with closet space because she has too many books. Date a girl who has a list of books she wants to read, who has had a library card since she was twelve."

Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #18 am: 6. Juli 2010, 10:22 »
Im zweiten Teil gab es nun aber durchaus schon einige Stellen, wo ich verärgert die Stirn runzeln musste (auch wenn man Marlows Wahrnehmung nicht mit Conrads Einstellung gleichsetzen darf).
Mir kam es so vor, als ob Marlow den Afrikanern im ersten Teil noch mehr Sympathie und Mitgefühl und vor allem weniger Arroganz entgegen bringt. Wie er seinen Heizer beschreibt, ist absolut demütigend ("dressiert" trifft den Nagel auf den Kopf, Jaqui)! :grmpf:

Das stimmt sicher. Im ersten Teil beschreibt Marlow ja nur Ereignisse und Personen die er nicht kennt oder je gesehen hat. Und jetzt plötzlich trifft er auf sie. Ich habe aber schon das Gefühl, dass er fasziniert von den Schwarzen ist. Er will sie studieren und näher kennen lernen, aber als Ebenbürtig oder Gleichwertig sieht er sie nicht. Man darf halt wirklich nie vergessen in welcher Zeit das Buch geschrieben wurde. Zumindest wurde den Schwarzen damals schon zugestanden eine Seele zu haben.

Ich bin am Ende des 2. Kapitels angelangt und warte nun gespant auf die Begegnung von Marlow mit Kurtz. Den Mann gibt es also wirklich  :breitgrins:

Katrin

Offline Anita

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #19 am: 6. Juli 2010, 14:21 »
Hallo ihr zwei Lieben  :winken:

Ist mir ja nun wirklich peinlich, aber das Büchlein habe ich bereits Sonntag zuende gelesen  :redface:

Sicherlich muss/sollte man jedes Buch schon im Hinblick auf seine Entstehung lesen, und sich so ein wenig in diese Zeit hinein denken. Ich denke mal, dass Conrad seiner Zeit voraus war, auch wenn uns das aus heutiger Sicht nicht ganz so scheint.

Bezüglich zum Steuermann sagt er noch was Wunderbares --> irgendwie in die Richtung, dass er mehr Wert war als die meisten Weißen.

Und jetzt bin ich ganz gespannt darauf, dass ihr auch diesen Kurtz kennen lernt  :smile:

LG
Anita

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Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #20 am: 6. Juli 2010, 16:15 »
Hallo Anita,

muss dir ja nicht peinlich sein. Im Gegenteil, Conrad ist wunderbar zu lesen. Wird sicher nicht mein letztes Buch von ihm sein.

Kurtz ist mir unsympathisch, so ganz verstehe ich die Verehrung der anderen nicht. Er scheint ja nur mit Angst und Grausamkeit zu herrschen. Dass ihn alle anbeten (auch die Weißen) ist mir noch nicht ganz klar. Vielleicht kommt noch eine Erklärung die einleuchtender ist als, "er kann so toll Gedichte erzählen".

Katrin

Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #21 am: 6. Juli 2010, 19:52 »
Hallo ihr zwei,

ich bin auch fertig und sehr beeindruckt vom Schluss. Habe ich das missverstanden oder ist Kurtzs Freundin bei der Marlow am Schluss ist, schwarz?

Seite 123: Sie streckte ihre Arme wie nach einer entfliehenden Gestalt aus, streckte sie schwarz und mit verkrampften, blassen Händen über den....

Was ich davon halten soll, dass Marlow es nicht über sich gebracht hat der Frau die Wahrheit zu sagen, weiß ich noch nicht so genau. Immerhin hat Kurtz immer davon gesprochen, dass er die Wahrheit haben will. Auf der anderen Seite bringt es auch nichts jemanden die Illusionen zu nehmen, es stellt sich auch die Frage ob sie ihm geglaubt hätte. Immerhin scheint sie den Mann vergöttert zu haben. Genauso wie viele andere auch.

Der Schluss lässt mich sehr nachdenklich zurück. Marlow kennt die Wahrheit über Kurtz, aber wie wird er sich an ihn erinnern? So wie alle ihn sehen oder so wie er ihn kennen gelernt hat?

Conrad hat es wie kein anderer geschafft mich zum Nachdenken zu bringen und das finde ich wunderbar an diesem Buch.

Danke für eure Beiträge, es hat mir wieder sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich auf weitere Leserunden.

Katrin

Offline Anita

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #22 am: 6. Juli 2010, 20:16 »
1. ich bin auch fertig und sehr beeindruckt vom Schluss. Habe ich das missverstanden oder ist Kurtzs Freundin bei der Marlow am Schluss ist, schwarz?

Seite 123: Sie streckte ihre Arme wie nach einer entfliehenden Gestalt aus, streckte sie schwarz und mit verkrampften, blassen Händen über den....



2. Danke für eure Beiträge, es hat mir wieder sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich auf weitere Leserunden.

zu 1. Das war das schwarze Kleid oder?

zu 2. Wir sind doch noch gar nicht fertig, die Diskussion fängt doch jetzt erst an  :breitgrins:

Bis morgen dann,
Anita  :winken:
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Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #23 am: 7. Juli 2010, 08:44 »
Hallo,

Ja, das Kleid kann es auch sein, habe ich mal wieder zu viel hineininterpretiert  :redface:

Ich wollte mich ja auch nur schon vorab bedanken, klar können wir gerne weiterhin diskutieren, das Buch gibt ja eine Menge Stoff her.

Katrin

Offline Anita

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #24 am: 7. Juli 2010, 09:24 »
Hallo ihr Zwei.

So jetzt könnt ihr mich Steinigen, aber ich fand diesen Kurtz gar nicht so ganz schrecklich und fürchterlich  :redface: Er tat mir gar Leid  :rollen:
Ich habe mir mal die Interpretationen durchgesehen und dort kam Kurtz überall ganz schrecklich davon. Doch ich war beim Lesen mehr auf der Mitleidschiene, da ich fand, dass man ihn einfach im Stich gelassen hatte. Die Dummheit und Arroganz der Kolonialisten wurde von Conrad so gut beschrieben, der gute Wille von Kurtz war vorhanden, er ist aber über alle Ziele hinweg hinaus geschossen. Vielleicht ist meine Einstellung so entstanden, da ich auch das Buch von Anna Enquist gelesen habe "Letzte Reise", James Cook ist ja auch so "verrückt" geworden, er hat sich auch als Gott verehren lassen. Und dieser Kurtz hat wohl auch durch seine Einsamkeit und dem Fremden gegenüber, also den Wilden Schwarzen, von seiner dunklen Seite der Seele überrollen lassen.
Ich denke, Marlow hat ähnlich gedacht, ansonsten hätte er Kurtz bei seiner Frau verraten, oder?

Und, was sagt ihr zu diesem Ende?

LG
Anita
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Offline Bluebell

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #25 am: 7. Juli 2010, 12:07 »
Hui, ihr seid schon fertig ... und mir fehlen sogar noch ein paar Seiten vom zweiten Teil. :redface:
Aber ich schwöre, das Wetter ist schuld!!  :engel:

Nichtsdestotrotz bin ich noch immer ganz im Bann der Geschichte und werde wohl in ein paar Tagen auch fertig sein.

Zu der Frage, ob die Freundin von Kurtz schwarz ist: das habe ich mich auch schon gefragt, dabei bin ich noch gar nicht an der von Jaqui zitierten Stelle! Aber irgendetwas muss mich schon bei ihrer ersten Erwähnung (irgendwo zwischen Seite 80 und 95 in meiner Ausgabe, kann leider gerade nicht nachsehen) darauf gebracht haben. *grübel*

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Offline sandhofer

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #26 am: 7. Juli 2010, 16:35 »
Stirb mir nicht den Heldentod, hörst Du, Mädel! Der afrikanische Dschungel ist nicht der Platz dafür. Überhaupt ist in Conrads Universum kein Platz für Heldentode ...  :breitgrins:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #27 am: 7. Juli 2010, 18:07 »
@Bluebell: Vor diesem Satz wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass sie schwarz sein könnte.

@Anita: Ich fand Kurtz einfach schrecklich, aber deine Erklärung klingt einleuchtend. Ich finde das Ende schon sehr gut. Ich weiß nicht wie ich es gefunden hätte wenn er Kurtz verraten hätte. Wahrscheinlich nicht so toll.

Katrin

Offline Bluebell

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #28 am: 8. Juli 2010, 12:12 »
Wie, keine Heldentode? Na, dann muss ich wohl durchhalten, denn kläglich verrecken werde ich ganz sicher nicht! :elch:
Nein, keine Sorge - ich bin nur etwas langsamer, aber das liegt absolut nicht am Buch und abbrechen ist gar kein Thema. Gefällt mir viel zu gut! :smile:

Ich bin jetzt im dritten Teil und hatte bereits eine etwas unschöne Begegnung mit aufgespießten Köpfen.  :entsetzt:
Marlow geht der ganze Kurtz-Kult schön langsam auf die Nerven und er meint sarkastisch, das liegt vielleicht daran, dass er ihn noch immer nicht reden gehört hat.

Übrigens habe ich noch einmal zurückgeblättert - da ist wirklich kein Hinweis im Text, dass Kurtz' Verlobte schwarz sein könnte. Wie komm ich bloß darauf?  :hm:
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Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #29 am: 8. Juli 2010, 12:15 »
Marlow geht der ganze Kurtz-Kult schön langsam auf die Nerven geht und er meint sarkastisch, das liegt vielleicht daran, dass er ihn noch immer nicht reden gehört hat.

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt wie es zu dieser Verehrung gekommen ist. Dass die Schwarzen Angst vor ihm hatten, kann ich ja verstehen, aber dass ihn die Weißen auch in den Himmel gehoben haben, ist mir unbegfreiflich. Das ist ein Mysterium dieses Buches dass ich wohl nie lösen werde.

Katrin