Autor Thema: Juli 2010 - Joseph Conrad: Herz der Finsternis  (Gelesen 4670 mal)

Offline Anita

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #30 am: 8. Juli 2010, 13:44 »
Ich habe mich die ganze Zeit gefragt wie es zu dieser Verehrung gekommen ist. Dass die Schwarzen Angst vor ihm hatten, kann ich ja verstehen, aber dass ihn die Weißen auch in den Himmel gehoben haben, ist mir unbegfreiflich. Das ist ein Mysterium dieses Buches dass ich wohl nie lösen werde.

Mir schien es so, als dass sich Kurtz zunächst auf die Schwarzen eingelassen hatte, deren Sprachen lernte, deren Leben und deshalb einen Zugang hatte. Er hätte ein Held werden können, wirklich zum Guten hin, wenn da nicht das Elfenbein gewesen wäre. Durch die Geldgier und durch die Einsamkeit ist es wohl so gekommen. Das war meine Lesart vom Buch ...

LG
Anita
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Offline Bluebell

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #31 am: 9. Juli 2010, 09:04 »
20 Seiten vor Schluss werde ich gerade nicht wirklich schlau aus dem Buch - aus den Menschen, aus ihren Handlungen, daraus wie sie zueinander stehen ...
Marlow hat nun endlich Mr. Kurtz kennengelernt (kurz zuvor hat ihm dieser seltsame Russe erzählt, was Kurtz veranlasst hat). Auch die kleine Verfolgungsszene im nächtlichen Urwald hat bereits stattgefunden.

Für mich hat die Geschichte nun etwas sehr Traumartiges bekommen - und das liegt nicht nur daran, dass Conrad mehrmals das Wort "Alptraum" verwendet hat. Dieser unglaublich naive russische Harlekin ... Marlows merkwürdiger "Spaß" daran, Kurtz nachzustellen ... Kurtz "positives" (?) Verhältnis zu den Schwarzen (was haben dann bitte die Köpfe auf den Pfählen verloren?) ... und noch einiges mehr.

Vieles wirkt gerade ziemlich surreal auf mich und mir schweben gerade doch einige Fragezeichen über allem ... ich werde das Buch wohl erst einmal zu Ende lesen und abwarten, ob mir dann noch einiges klarer wird.
"Date a girl who reads. Date a girl who spends her money on books instead of clothes. She has problems with closet space because she has too many books. Date a girl who has a list of books she wants to read, who has had a library card since she was twelve."

Offline Anita

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #32 am: 9. Juli 2010, 10:14 »
Vieles wirkt gerade ziemlich surreal auf mich und mir schweben gerade doch einige Fragezeichen über allem ...

Ganz genau, surreal, ich denke Kurtz ist richtig "verrückt" geworden  :smile: Eine "Ver"mischung aus Voodoo-Tanz, Geschrei und Elfenbeinrausch  :breitgrins:

LG
Anita
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Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #33 am: 9. Juli 2010, 12:07 »
Hallo Bluebell,

der Schluss ist wirklich sehr surreal, aber es wird auch einiges noch klarer. Ich war genau so ratlos wie du im Moment. Daher kann ich gut verstehen, dass man sich wie in einem Traum vorkommt.

Katrin

Offline Bluebell

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #34 am: 12. Juli 2010, 09:22 »
Kaum zu glauben, aber am Wochenende bin ich nun auch fertig geworden.  :zwinker:
Diese Schlussszene zwischen Marlow und der Verlobten brachte ja nochmal eine ganz neue Note hinein, finde ich ... die Frau kam mir auf ihre Weise (in ihrer Trauer) genauso verrückt vor wie Kurtz und ich konnte lebhaft mit Marlow mitfühlen - fand die Situation unheimlich beklemmend und beängstigend und wäre am liebsten auf und davon!  :entsetzt:

So, und nun zu Kurtz - ich geb's zu: ich habe diese Figur nicht verstanden. Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob ich vielleicht an irgendwelchen Schlüsselstellen unaufmerksam war oder ob ich wirklich so schlecht zwischen den Zeilen lese ... na gut, Conrad wirft dem Leser ja schon einige Brocken hin und man bekommt eine Ahnung davon, was mit Kurtz los war und wie sich alles entwickelt hat, und Anitas Erklärung finde ich auch sehr einleuchtend. Aber so wirklich schlau werde ich aus dem Kerl nicht ... vielleicht komme ich ja noch auf etwas, wenn ich das Buch ein bisschen setzen lasse, aber im Moment bin ich recht ratlos. Es lässt mich aber auch nicht los, ich bin schon ziemlich hineingekippt und dass ich das Gefühl habe, nicht alles enträtselt zu haben, knabbert nun noch.
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Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #35 am: 12. Juli 2010, 11:32 »
Hallo Bluebell,

verstanden habe ich Kurtz sicher auch nicht, seine Beweggründe sind auch mir nicht ganz klar. Vielleicht finde ich ja irgendwo noch Sekundärliteratur dazu.

Katrin

Offline Gronauer

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #36 am: 13. Juli 2010, 13:42 »
Ein Nachruf auf eine kur(t)ze Leserunde:

Hollywood hat den Stoff nach Vietnam verpflanzt, und zwar unter dem Titel Apocalypse now mit Marlon Brando als Colonel Walter E. Kurtz.

Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #37 am: 13. Juli 2010, 16:23 »
Davon habe ich schon gehört, danke Gronauer.

Vielleicht lohnt es sich den Film mal anzuschauen. Bisher ist er immer an mir vorbei gegangen.

Katrin

Offline Bluebell

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #38 am: 13. Juli 2010, 21:28 »
Vielleicht lohnt es sich den Film mal anzuschauen. Bisher ist er immer an mir vorbei gegangen.

Geht mir auch so.

Das Buch lässt mich nicht los ... das Buch und das Gefühl, dass es noch viel mehr zu verstehen gibt, als ich beim ersten Mal lesen erfassen konnte. Helft mir mal! :zwinker: Ich habe gerade die Stelle noch einmal gelesen, wo Marlow Kurtz' Aufsatz liest - diese edlen und gutherzigen (und optimistischen) Ansichten zum Kolonialismus, mit der plötzlich donnernden Randnotiz "Rottet sie alle aus, die Tiere!".
Also wie ist das nun mit den ominösen "Methoden" von Kurtz? Werden diese Methoden eigentlich irgendwo konkret geschildert? Dreht es sich dabei nun um Verständnis, Einfühlungsvermögen, Kommunikation etc. oder um Härte und Brutalität?
Wenn ersteres: was zur Hölle haben dann die gepfählten Köpfe zu bedeuten??
Wenn zweiteres: warum lieben ihn die Schwarzen? - tun sie das überhaupt in dem Ausmaß, wie es sich die Weißen im Buch einreden? Oder handelt es sich nicht vielleicht eher um ein aus Furcht geborenes Dienen?

Und wofür vergöttern ihn die Weißen nun wirklich - dafür, dass er (zumindest theoretisch) die Völkerverständigung predigt, oder für das viele Elfenbein, das er zusammenträgt? Glauben die wirklich, dass er diese Mengen mit ganz lieb Bitten zusammenbekommt? Oder sind sie einfach nur geil darauf und akzeptieren seine altruistische Fassade deshalb allzu bereitwillig ohne nachzufragen?

Eine Zeitlang dachte ich, dass sich Kurtz vielleicht selbst etwas vormachen will - dass er nicht nur dem Unternehmen den nächstenliebenden Intellektuellen vorspielt, sondern sich auch ein bisschen selbst austricksen möchte, um sein schlechtes Gewissen zu unterdrücken und seine Selbstachtung zu behalten. Aber wenn die Köpfe das sind, wofür ich sie halte - nämlich Machtdemonstration & eine Art "Statussymbol" einerseits sowie ein Selbstschutz durch Einschüchterung der Wilden andererseits - dann stimmt meine Theorie nicht mehr. Dass er sowas nur zu ihrem Besten macht, das kann sich kein Mann mehr einreden - es sei denn, er ist tatsächlich schizophren ... aber auf diese Art geisteskrank hat er auf mich nun auch wieder nicht gewirkt, das war für mich eine andere (durch die äußeren Umstände verursachte) Verrücktheit.

Wenn ich mich richtig erinnere, sind die Köpfe für Marlow ja so eine Art Beweis, dass es Kurtz im entscheidenden Moment an Selbstbeherrschung fehlt (oder so ähnlich). Seht ihr das auch so? Dann bin ich überhaupt vollkommen auf dem falschen Dampfer. Denn wie ein blindes Wüten wirkt die Sache gar nicht auf mich, eher wie eine zwar hasserfüllte, aber doch wohlüberlegte und gezielte Geste.

Und schließlich: idealistischer Entwicklungshelfer oder böser Kolonialist - wovon steckt wohl tatsächlich mehr in Kurtz? Solange er nicht persönlich auf der Bildfläche erschien, wusste ich überhaupt nicht, was ich von ihm halten sollte. Danach kam es mir zuerst so vor, als ob er eigentlich schon ein Idealist wäre, dessen Dämon eben zu gewissen Zeiten aufblitzt, später schien es mir eher umgekehrt. Und nun? Ich weiß nicht ...

Entschuldigt, falls der Beitrag etwas wirr geraten ist, ich habe vieles gerade erst beim Schreiben für mich selbst ausformuliert. Aber vielleicht habt ihr ja noch den einen oder anderen Kommentar und könnt noch ein bisschen Licht in mein Hirn bringen!  :zwinker:
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Offline Anita

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #39 am: 14. Juli 2010, 09:25 »
Ich denke, ich schreibe hier mal eine kurze Geschichte nieder  :zwinker:

Buddha sitz an einem Baum gelehnt und genießt das schöne Wetter, da kommt sein Lehrling daher, kniet sich zu Buddha und fragt: "Sag Meister, ich diene dir doch nun schon seit Jahren, war immer fleißig und flink, gehorsam und demütig, und bin dir stets treu zur Stelle gewesen. Ich habe nie gelogen oder gestohlen. Sag, wann werde ich auf dem Weg der Erleuchtung weiter kommen?"
Da äußert Buddha zum Lehrling: "Geh hin, lüge und stehle."

Ich hoffe, diese kleine Annekdote hilft ein wenig zum Verständnis weiter :smile:

LG
Anita
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Offline Jaqui

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #40 am: 14. Juli 2010, 22:06 »
Hallo Bluebell,

Mann, du machst dir aber viele Gedanken über das Buch. Ganz ehrlich: ich denke Kurtz wollte anfangs vielleicht den Guten markieren und ist vielleicht damit nicht gut angekommen. Also hat er um seine Stärke zu demonstrieren ein Exempel statuiert.

So würde ich das sehen, vielleicht ist nicht alles so glatt gelaufen wie er sich das vorgestellt mit der Zusammenarbeit mit den Schwarzen und dann hat er andere Methoden ausprobiert.

Katrin

Offline Bluebell

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Re: Joseph Conrad - Herz der Finsternis
« Antwort #41 am: 15. Juli 2010, 12:40 »
@Anita: Wie desillusionierend ...!  :breitgrins:

@Jaqui: Ich sag ja, es lässt mich nicht los. :zwinker: Aber mittlerweile ist die Geschichte doch irgendwie greifbarer für mich geworden (mir fällt gerade kein anderes Wort ein) und spukt mir nicht mehr ständig im Kopf herum.

Der muss schön langsam frei werden für neuen Lesestoff! :clown:
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