Autor Thema: Juli 2010: Meyer:Jürg Jenatsch  (Gelesen 4154 mal)

Offline finsbury

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Juli 2010: Meyer:Jürg Jenatsch
« am: 17. Juli 2010, 05:58 »
Hallo zusammen,
 hiermit eröffne ich die Leserunde zu Meyers historischem Roman aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Teilnehmer:

JMaria
finsbury
sandhofer als sporadischer Beiträger



Ich lese den Roman als Teil einer zweibändigen Werkausgabe aus dem Aufbau-Verlag der Endsiebziger und wünsche uns eine schöne Leserunde.

finsbury


Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline JMaria

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #1 am: 17. Juli 2010, 08:54 »
Hallo zusammen,
hallo finsbury,


ich lese die Reclam-Ausgabe mit einem Nachwort von Paul Michael Lützeler. Darin wird erwähnt, dass der Grundkonflikt in der Feindschaft zwischen den Dynastien der Bourbonen und der Habsburgern im frühen 17. Jahrhundert bestand. Der Roman ist aber auch unter den Eindrücken entstanden des deutsch-französischen Kriegen 1870/71, sozusagen  eine Neuauflage des alten europäischen Grundkonflikts. 1876 erschien erstmals sein Werk „Jürg Jenatsch“.

Auszug aus dem Nachwort:
Etwas 250 Jahre später erlebte der Kontinent mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 eine Neuauflage.... Wieder verstand es die Schweiz, Neutralität zwischen den beiden Parteien zu wahren. Auch in der Schweiz hatte der deutsche Sieg von 1871 Folgen. Enerseits fühlte sich die deutschsprachige Bevölkerung in ihrer doppelten kulturellen Loyalität bestärkt, andereseits jedoch wuchs das Misstrauen vor einem preußisch geprägten deutschen Militärstaat und seinen eventuellen Expansionsabsichten. Im Werk von Conrad Ferdinand Meyer werden beide Tendenzen reflektiert....

ich freu mich auf unsere Leserunde.

Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 17. Juli 2010, 10:00 von JMaria »
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Offline finsbury

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #2 am: 18. Juli 2010, 10:33 »
Hallo Maria und alle,
eben habe ich sehr viel über den Roman geschrieben und alles ist mir abgestürzt. Mein blöder Laptop hat direkt neben dem A die Umstelltaste, die beim Schreiben im Netz diesen Effekt hat. Aber ich bin immer noch zu faul, das Ganze vorher in Word zu speichern, was ich jetzt aber doch mache.

Jetzt also nochmal in Kürze:

Danke für die Informationen aus dem Nachwort deiner Ausgabe, Maria. Ergänzend dazu nennen meine Einleitung sowie das Kindler den Widerspruch zwischen politischem Willen und ethischen Grundsätzen – hier verkörpert in dem Pfarrer und Machtmenschen Jenatsch – als Thema des Romans.

Bin bis zu I, 5 vorgedrungen.
Der Roman gefällt mir bisher sehr gut: Meyer hat hier einen echten Pageturner geschrieben, der mit plastischen Charakteren, eindrucksvollen Kulissen und schöner Sprache prunkt.
Es gelingt dem Autor, Situationen anschaulich und spannend zu schildern, ohne abgebrauchte Versatzstücke zu benutzen.
Die Hauptperson, Jürg Jenatsch, wird erst im vierten Kapitel direkt eingeführt: Vorher erhalten wir durch die Schilderungen und Erinnerungen seines Jugendfreundes Waser und seines Erzfeindes Planta eine Vorstellung von seinem widersprüchlichen Charakter.
So wird er dann auch in Kapitel vier dargestellt: Nachdem er seinen Freund Waser herzlich begrüßt hat, geht er ihm gleich mit dem Messer an die Gurgel, um ihm eine Information zu entreißen.
Auch sein Verhältnis zu seiner Frau ist – zumindest nach seinen Sprüchen zu schließen, von Nützlichkeitserwägungen bestimmt: Um wenigstens eine katholische Veltlinerin zum Protestantismus zu bekehren, habe er sie heiraten müssen, und ihre außerordentliche Schönheit stehe ihm schließlich zu. Haha ...

Man kann Meyer nicht vorwerfen, dass er unkritisch um Sympathien für seinen Helden wirbt.

Was mir an diesem Roman auch Spaß macht, ist zu gucken, wo das Ganze stattfindet. So bin ich mit Schweizer Karten erstmal auf die Suche nach den angegebenen  Gebirgspässen gegangen und habe schließlich das Veltlin im heutigen oberitalienischen Addatal wiedergefunden.
Noch einen schönen (Lese)Sonntag wünscht

finsbury

 
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Offline finsbury

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Juli 2010: Meyer:Jürg Jenatsch
« Antwort #3 am: 18. Juli 2010, 10:55 »
Hallo,

hier einige Materialien zu unserer Leserunde:

Den vollständigen Text findet ihr hier.

Eine Inhaltsangabe in Schülerdeutsch lest ihr hier.

Der Wikiartikel

Einen Artikel zum Schauplatz von Jenatschs Mord an Planta kann man hier lesen.

Auch ein Bild des historischen Jürg Jenatsch ist zu betrachten.


Und schließlich noch etwas zu C.F. Meyer:

Wikiartikel

Zu seinen Prosawerken


Viel Spaß beim Stöbern!

finsbury

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Offline JMaria

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #4 am: 18. Juli 2010, 18:05 »
Hallo finsbury,
hallo zusammen,

ich habe zwei Kapitel gelesen und bisher gefällt mir C.F. Meyers Stil sehr gut. Die Rückblende ziemlich am Anfang einzusetzen, passt sehr gut und hat mir die Hauptpersonen der Geschichte plastisch nahe gebracht. Wie er die Rückblende ansetzt und am Ende Kapitel 2 wieder herauskommt, ist elegant gemacht.

Ende Kapitel 1:
Vor dem eben Erlebten spannen sich Wasers Gedanken zu fliegenden Fäden in seine Knabenzeit zurück...

Ende Kapitel 2:
Hier verjagte der sausende Sturm die vor dem Blicke des jungen Wanderers gaukelnden Bilder seiner Knabenzeit...


Gestolpert bin ich über den Einsatz des Wortes „Weltkrieg“ (Planta sagt im 2. Kapitel „Ein Weltkrieg steht bevor“). Ich hätte eher vermutet, dass sich dieser Ausdruck erst im 20. Jahrhundert etablierte, nach dem 1. Weltkrieg. Dieses Wort im historischen 17. Jahrhundert zu finden, hat mich überrascht. Es könnte natürlich sein, dass man schon damals, wenn zwei herrschende Mächte sich bekriegten, von Weltkrieg sprach.



Was mir an diesem Roman auch Spaß macht, ist zu gucken, wo das Ganze stattfindet. So bin ich mit Schweizer Karten erstmal auf die Suche nach den angegebenen  Gebirgspässen gegangen und habe schließlich das Veltlin im heutigen oberitalienischen Addatal wiedergefunden.
Noch einen schönen (Lese)Sonntag wünscht

Das mach ich auch gerne und habe mir im Netz die röm. Säulen auf dem Julier Pass angeschaut.


@finsbury,
danke für die schöne Linksammlung in den "Leserunden-Materialien". Sehr hilfreich. z.B. der Link zum Bildnis Jürg Jenatsch. Ich dachte im ersten Moment, das wäre Wallenstein, muß an der Mode liegen und am Bartwuchs *g*

Wallenstein
Georg Jenatsch



Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 18. Juli 2010, 18:31 von JMaria »
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Offline sandhofer

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #5 am: 18. Juli 2010, 18:38 »
Gestolpert bin ich über den Einsatz des Wortes „Weltkrieg“ (Planta sagt im 2. Kapitel „Ein Weltkrieg steht bevor“). Ich hätte eher vermutet, dass sich dieser Ausdruck erst im 20. Jahrhundert etablierte, nach dem 1. Weltkrieg. Dieses Wort im historischen 17. Jahrhundert zu finden, hat mich überrascht.

Hiess der Erste Weltkrieg nicht lange einfach der "grosse Krieg"? Und - auch wenn die Geschichte im 17. Jahrhundert angesiedelt ist: Meyer hat selbstverständlich im 19. Jahrhundert geschrieben. Und ob seine Sprache historisch korrekt ist, z.B. in der direkten Rede, wage ich anzuzweifeln.  :zwinker:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline finsbury

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #6 am: 18. Juli 2010, 19:00 »
Gestolpert bin ich über den Einsatz des Wortes „Weltkrieg“ (Planta sagt im 2. Kapitel „Ein Weltkrieg steht bevor“). Ich hätte eher vermutet, dass sich dieser Ausdruck erst im 20. Jahrhundert etablierte, nach dem 1. Weltkrieg. Dieses Wort im historischen 17. Jahrhundert zu finden, hat mich überrascht.

Hiess der Erste Weltkrieg nicht lange einfach der "grosse Krieg"? Und - auch wenn die Geschichte im 17. Jahrhundert angesiedelt ist: Meyer hat selbstverständlich im 19. Jahrhundert geschrieben. Und ob seine Sprache historisch korrekt ist, z.B. in der direkten Rede, wage ich anzuzweifeln.  :zwinker:

"Weltkrieg" passt aber zum 30jährigen Krieg aus Sicht des 19. Jahrhunderts wirklich gut. Auch wenn man im 17. Jahrhundert  das Zeitalter der Entdeckungen zum großen Teil schon absolviert hatte, fand man sich doch hier in Europa sehr "welthaltig". Und von den europäischen Mächten waren ja die meisten - von Schweden bis zu Spanien und Tschechien - in diesen Krieg verwickelt.

finsbury
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Offline JMaria

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #7 am: 19. Juli 2010, 16:02 »
Gestolpert bin ich über den Einsatz des Wortes „Weltkrieg“ (Planta sagt im 2. Kapitel „Ein Weltkrieg steht bevor“). Ich hätte eher vermutet, dass sich dieser Ausdruck erst im 20. Jahrhundert etablierte, nach dem 1. Weltkrieg. Dieses Wort im historischen 17. Jahrhundert zu finden, hat mich überrascht.

Hiess der Erste Weltkrieg nicht lange einfach der "grosse Krieg"? Und - auch wenn die Geschichte im 17. Jahrhundert angesiedelt ist: Meyer hat selbstverständlich im 19. Jahrhundert geschrieben. Und ob seine Sprache historisch korrekt ist, z.B. in der direkten Rede, wage ich anzuzweifeln.  :zwinker:

"Weltkrieg" passt aber zum 30jährigen Krieg aus Sicht des 19. Jahrhunderts wirklich gut. Auch wenn man im 17. Jahrhundert  das Zeitalter der Entdeckungen zum großen Teil schon absolviert hatte, fand man sich doch hier in Europa sehr "welthaltig". Und von den europäischen Mächten waren ja die meisten - von Schweden bis zu Spanien und Tschechien - in diesen Krieg verwickelt.

finsbury



dass der Begriff "Weltkrieg" von C.F. Meyer benutzt wurde, hat mich gewundert. Hätte mich interessiert, wann der Gebrauch üblich wurde.
Ich habe nun das 1. Buch "Die Reise des Herrn Wasers" beendet. Alles gipfelt sich im Veltliner Protestantenmord, dessen Beginn Heinrich Waser miterlebte, ebenso den tragischen Tod der schönen Lucia. Weitere Berichte aus dieser Region erfährt Waser durch andere, da er bereits wieder zurück in Zürich ist. So ist dieser Teil der Geschichte sehr gerafft. Trotz der Kürze, fand ich diese Art dem Leser weiteres mitzuteilen, spannend, hervorgerufen auch durch prophetische Andeutungen und das Auftauchen dieses herrischen Kindes, Junker Wertmüller von Wampispach". Jürg taucht am Schluß des 1. Kapitels wieder auf, denn er ist auf den Weg nach Mansfeld (wird auch "Lutherstadt" genannt).

gekonnt wurde dem Leser auch die politische Situation dargelegt. Fein eingeflochten, ohne langweilig zu werden.
Das zweite Buch wird "Lukretia" betitelt. Ich bin sehr gespannt.

Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 19. Juli 2010, 16:06 von JMaria »
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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #8 am: 20. Juli 2010, 16:40 »
Hallo Maria und alle,

bin inzwischen auch mit dem ersten Buch fertig und im zweiten Buch bei der  Beschreibung der Begegnung von Rohan und Jenatsch.

Immer wieder erfreue ich mich an der schönen Sprache Meyers und seinem Blick für Kulisse und Perspektiven. Er wäre heute auch ein hervorragender Regisseur und Kameramann geworden.

Aus II, 2:

Mit diesen Worten stieß er beide Flügel weit auf. Der dunkle Steinrahmen der Tür umschloss ein Bild voller Farbenglanz, Leben und Sonne.

Zur Etymologie des Wortes "Weltkrieg": Turnvater Jahn hat es 1814 als erster für die Befreiungskriege verwendet. (Vgl. wiki)

finsbury
« Letzte Änderung: 22. Juli 2010, 06:23 von finsbury »
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
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Offline JMaria

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #9 am: 21. Juli 2010, 13:32 »
Hallo zusammen, hallo finsbury,


danke, finsbury! Das ist die Antwort, die ich suchte. Auf die Idee unter dem Stichwort "Weltkrieg" zu schauen, wäre ich nicht gekommen.

Zitat von: finsbury
Immer wieder erfreue ich mich an der schönen Sprache Meyers und seinem Blick für Kulisse und Perspektiven. Er wäre heute auch ein hervorragender Regisseur und Kameramann geworden.

oder auch für die Bühne. Die Leute stehen plötzlich da oder gehen ab, wie z.B.

II. Buch Ende 1. Kapitel:
"Weinschlauch! ... dies ist des denkwürdigen Dialogs beglaubigter Wortlaut", erscholl es mit heller, mächtiger Stimme von dem offenen Eingange her....

Jürg Jenatsch tritt auf, Wertmüller tritt ab ohne weiteren Kommentar. Jürg und Lorenz Fausch sind alleine.
an der Sprache erfreue ich mich ebenfalls sehr. Ich sollte wohl unbedingt auch seine Gedichte lesen.
Zwischen dem jungen Offizier Wertmüller  und dem älteren Helden Jürg könnten sich noch interessante Dialoge spinnen.

Ich komme zum 4. Kapitel im II. Buch.

Nebenbei:
ich habe zu Ricarda Huch "Der Dreißigjährige Krieg" gegriffen um mehr über diesen Teil europäischer Geschichte zu erfahren. Ein ganz schön fetter Wälzer.


Edit:
in den Horen las ich Goethes "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter" und u.a. erzählt man sich darin Geschichten von Bassompierre. Als ich im Wiki nachschaute, erhielt ich diese Info:

Als Gesandter in Spanien handelte er 1621 den - nie ausgeführten - Madrider Vertrag aus, der die Rückerstattung des Veltlins an Graubünden vorsah. http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_de_Bassompierre

wie eins das andere ergibt ist manchmal schon kurios.  :smile:
Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 21. Juli 2010, 13:45 von JMaria »
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Offline JMaria

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #10 am: 22. Juli 2010, 09:52 »
Hallo finsbury und alle,

II. Buch, Kapitel 5:
heute würde man sagen: "Ganz großes Kino".
Äußerst dramatisch die Begegnung zwischen Lukretia und Jürg;
unerbittlich die Seelen, so wie der Krieg selbst.

Von Vergeben keine Spur, auch der Rat Rohans wirkt nicht, Gott die Rache zu überlassen. Ein höheres und persönliches Ideal wird über den Glauben gestellt. Darin ähneln sich die Beiden.


Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 22. Juli 2010, 10:51 von JMaria »
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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #11 am: 23. Juli 2010, 12:07 »
Hallo Maria und alle,

befinde mich nun in III, 5 und das Verhältnis zwischen Rohan und Jenatsch wird nach langer guter Zusammenarbeit schwierig, denn es deutet sich an, dass der Herzog seine Versprechungen gegenüber den Bündnern nicht einhalten kann.
Bei Jürg Jenatsch selbst gleitet Meyer manchmal ein wenig ins Triviale ab: Er ist groß, stark, hat blitzende Augen und imponiert überall mit seinem  eindrucksvollen Auftritt.
Im Gegensatz zu ihm zeichnet Meyer die Nebengestalten viel differenzierter: den nüchtern-gemütlichen Waser, den nervös-kritischen, mageren Wertmüller, die hysterisch-gemütvolle Herzogin usw.
Insgesamt ein imponierender Roman, in dem der Autor auch sehr effektiv Zeitdehnung und -raffung einsetzt. Wie du schon schriebst, @Maria, ist es ihm um effektvolle Szenen zu tun; Auch dramatischen Handlungen zwischendrin lässt er im Bewusstseinsstrom oder Berichten der beteiligten Personen wiedergeben. So erinnert sich Lucretia - malerisch an einem Klosterfenster über dem Rheintal sitzend - an ihre Befreiung Jenatschs und die gemeinsame Flucht.

Bis bald

finsbury
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Offline JMaria

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #12 am: 24. Juli 2010, 09:21 »
Hallo finsbury,

ich komme zu III/ 5. Kapitel. Enttäuschend für die Bündner, dass der franz. König zu schwach ist um die Unterschrift zu leisten. Rohan schwer erkrankt, wird wohl kaum mehr etwas tun können, wenn er es auch versucht. Doch Jenatsch hat sich bereits innerlich von ihm abgewendet. Wenigstens waren sie bis dato ehrlich miteinander.


Zitat
Bei Jürg Jenatsch selbst gleitet Meyer manchmal ein wenig ins Triviale ab: Er ist groß, stark, hat blitzende Augen und imponiert überall mit seinem  eindrucksvollen Auftritt.
Im Gegensatz zu ihm zeichnet Meyer die Nebengestalten viel differenzierter: den nüchtern-gemütlichen Waser, den nervös-kritischen, mageren Wertmüller, die hysterisch-gemütvolle Herzogin usw.

Damit hast du recht. Jenatsch kann ich nur schwer einordnen; er ist mir nicht sympathisch, aber er zeigt derweilen Züge, die mich bewegen. Ergreifend war für mich Lukretias Warnung an Jenatsch, sich von ihr fern zu halten. Ich glaube, das wird er nicht ernst nehmen, denn er sieht in ihr eine stolze, aber schwache Frau.



Mir gefällt sehr gut, wie der Autor Kunst und Literatur einbaut,  passend zum Thema Freiheitskampf und Liebe:

S. 46 Blasius Alexander liest die Makkabäer, Jenatsch legt auf diese Seiten seine Notiz : Makkabäer = jüdische Freiheitskämpfer

S. 136 ein Dichter dessen Name wie ein Vogel klingt = Pierre Corneille, franz. Dramatiker, schrieb u.a. La Mort de Pompée, Der Tod des Pompeius, zwar eine andere Thematik und spielt in Ägypten, doch zumindest der Titel erinnert an unseren Pompejus (Planta).

S. 121 Grimani erwähnt Machiavelli, der u.a. darüber schrieb, dass die Religion als Mittel der Politik diene, weil durch sie sich die Menschen besser manipulieren lasse. Eigentlich macht es Jenatsch ähnlich, er benutzt beides, Religion und Politik, um an sein Ziel zu kommen, manipuliert er die zwei Machtstaaten, Frankreich und Spanien-Habsburg.

S. 119 ein Bild von Tizian oder aus der Schule Tizians, eine Venus wird beschrieben. Es gibt zwar Venusdarstellungen von Tizian, doch ohne den Parisapfel. Hier bin ich nicht fündig geworden.

Viele Grüße
Maria
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Offline JMaria

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Re: Juli 2010: Meyer:Jürg Jenatsch
« Antwort #13 am: 24. Juli 2010, 13:54 »

auf DRS kann man das 5-teilige Hörspiel anhören. Sehr gut inszeniert (mit Dialekt!) mit einer ausführlichen Einführung in die Geschichte:
http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/hoerspiel-drs-musikwelle/2937.sh10085744.html

Viel Spaß beim Anhören,
Maria
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Offline JMaria

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Re: Conrad Ferdinand Meyer: Jürg Jenatsch
« Antwort #14 am: 24. Juli 2010, 14:02 »
Hallo zusammen,

finsbury, falls du die Zeit dafür findest, empfehle ich dir das Hörspiel auf DRS:
http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/hoerspiel-drs-musikwelle/2937.sh10085744.html

der Dialekt gibt einen authentischen Zugang zu der Geschichte; mir gefällts gut, ich höre gerade den 1. Teil  :smile:
das Hörspiel wird immer wieder unterbrochen mit geschichtlichen Ereignissen in Jenatsch Leben (Schule, Studium...), die nicht im Roman angesprochen werden und füllt somit einige Lücken.


Gruß,
Maria
« Letzte Änderung: 25. Juli 2010, 08:12 von JMaria »
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