auch ich habe keine eigentlichen lieblingsgedichte. Ich hätte hier jetzt etwas von bachmann, huchel oder kaschnitz usw. wählen können. Stattdessen verlängere ich den zeitpfeil weiter nach hinten ins mittelalter:
barthold hinrich brockes
Gedanken bey dem Fall Der Blätter im Herbst
In einem angenhmen herbst, bey ganz entwölktem
heiterem Wetter,
Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser
Bäume geh',
Und den so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen
Rest beseh',
Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst
herabgesunkner Blätter.
Ein regen Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt'
und drehte sich,
Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer, doch selten im
geraden Strich.
Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck,
der sie bisher gezieret,
So lang wie möglich, zu behalten, und hindert' ihren
schnellen Fall.
Hierdurch ward die leichte last, im weiten Luft-Kreis
überall,
In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln
umgeführet,
Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß
berühret;
Um sie, bevor sie aufgelöst, uns sich dem Sichtlichen
entrücken,
Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische,
zu schmücken.
Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichen
Gewühl,
Und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen
Spiel,
Der bunten Tropfen schwebenden, in lindem Fall
formiertem, Drehn,
Mit offnem Aug', und ernstem Denken, eine zeitlang
zugesehn;
Als ihr von dem geliebtem Baum freywilligs Scheiden
(da durch Wind,
Durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind;
Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihrem ungezwungenem
Fällen)
Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum bilde
vorzustellen,
Von einem wohlgeführtem Alter, und sanftem Sterben;
Die hingegen,
Die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen
Frost, durch schweren Regen,
Von ihren Zweigen abgestreift und abgerissen,
kommen mir,
Wie menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl
gewaltsam fallen, für.
Wie glücklich, dacht' ich, sind die Mennschen, die den
freywilligen Blättern gleichen,
Und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh'' und
Fried' erreichen;
Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!
gruß hafis