Autor Thema: Lieblingsgedichte  (Gelesen 5033 mal)

Offline Ingrid

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Lieblingsgedichte
« am: 30. Juli 2003, 12:29 »
Hallo, nimue hat mich mit der Aufzählung von Klassikern auf Erich Fried aufmerksam gemacht und damit an eines meiner Lieblingsgedichte erinnert.  Es heißt

Meer


Wenn man ans Meer kommt
                                                soll man zu schweigen beginnen
                                                  bei den letzten Grashalmen
                                                  soll man den Faden verlieren

                                                     und den Salzschaum
                                              und das scharfe Zischen des Windes
                                                          einatmen
                                                        und ausatmen
                                                     und wieder einatmen

                                                Wenn man den Sand sägen hört
                                              und das Schlurfen der kleinen Steine
                                                       in langen Wellen
                                                  soll man aufhören zu sollen
                                                 und nicht mehr wollen wollen
                                                          nur Meer

                                                          Nur Meer

                                                         Erich Fried

Ich könnte mir denken, dass viele von euch auch ein Lieblingsgedicht haben. Möchtet ihr es nicht auch vorstellen? :zwinker:

Liebe Grüsse
Ingrid
Ich träume, also bin ich...

Offline Elfenkönigin

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Lieblingsgedichte
« Antwort #1 am: 30. Juli 2003, 15:00 »
TODESFUGE von Paul Celan

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt nun zum Tanz

 
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus und spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf


Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen



Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Offline Hubert

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Lieblingsgedichte
« Antwort #2 am: 31. Juli 2003, 02:50 »
Hallo Ingrid,

nein, ich habe kein Lieblingsgedicht, eher viele, zumindest von jedem Lieblingsdichter eines. Aber was soll man nach Celan's Todesfuge noch schreiben?

Da ich es erst vor kurzem wieder einmal hörte, wollte ich zuerst "Abel, steh auf" von Hilde Domin posten, aber jetzt krieg ich es nicht mehr ganz zusammen und so poste ich den Anfang von Goethes Römischen Elegien. Mit Goethe kann man ja nicht viel falsch machen, aber der eigentliche Grund ist, dass hier das gleiche Pauluswort angesprochen ist, das uns schon bei "Effi Briest" beschäftigte:

Johann Wolfgang Goethe
Römische Elegien

 Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich
Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?
Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer
Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht ich Kirch und Palast, Ruinen und Säulen,
Wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei: dann wird ein einziger Tempel
Amors Tempel nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom


Liebe Grüße

Hubert

Offline adia

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Lieblingsgedichte
« Antwort #3 am: 31. Juli 2003, 10:58 »
hallo Ingrid, Elfenkönigin und Hubert,
eigentlich ist es nicht mein Lieblingsgedicht (da würde mir auch eine ultimative wahl schwerfallen, es gibt so viele wertvolle gedichte, vielleicht 'das wort' von hilde domin, 'warum' von erich fried oder 'orpheus, eurydike, hermes' von rainer maria rilke), aber ich beschäftige mich gerade damit und habe es daher bei mir. ein tolles gedicht, wie ich finde:

The Enquiry von Katherine Philips

If we no old historian's name
  Authentique will admitt,
And thinke all said of friendship's fame
  But poetry and wit:
Yet what's revered by minds so pure
Must be abright Idea, sure.

But as our immortalitie
  By inward sense we find,
Judging that if it could not be,
  It would not be design'd:
So heare how could such copyes fall,
If there were no originall?

But if truth be in auncient song,
  Or story we beleive,
If the inspir'd and greater throng
  Have scorned to deceive;
There have been hearts whose friendship gave
Them thoughts at once both soft and brave.

Among that consecrated few,
  Some more seraphic shade
Lend me a favourable clew,
  Now mists my eyes invade,
Why, having fill'd the world with fame,
Left you so little of your flame?

Why is't so difficult to see
  Two bodyes and one minde?
And why are those who else agree
  So differently kind?
Hath nature so fantastique art,
That she can vary every heart?

Why are the bonds of friendship tied
  With so remisse a knot,
That by the most it is defyed,
  And by the rest forgot?
Why do we step with so slight sense
From friendship to indifference?

If friendship sympathy impart,
  Why this ill shuffled game,
That heart can never meet with heart,
  Or flame encounter flame?
What doth this crueltie create?
Is it th'intrigue of love or fate?

Had friendship nere been known to men,
  (The ghost at last confest)
The world had been a stranger then
  To all that Heav'n possess'd.
But could it all be heare acquir'd,
Not heaven it selfe would be desir'd.


lg, adia
It was still summer. I was still waiting. Then, the phone rang.

hafis50

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lieblingsgedichte
« Antwort #4 am: 31. Juli 2003, 11:16 »
auch ich habe keine eigentlichen lieblingsgedichte. Ich hätte hier jetzt etwas von bachmann, huchel oder kaschnitz usw. wählen können. Stattdessen verlängere ich den zeitpfeil weiter nach hinten ins mittelalter:
barthold hinrich brockes
Gedanken bey dem Fall Der Blätter im Herbst

In einem angenhmen herbst, bey ganz entwölktem
heiterem Wetter,
Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser
Bäume geh',
Und den so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen
Rest beseh',
Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst
herabgesunkner Blätter.
Ein regen Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt'
und drehte sich,
Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer, doch selten im
geraden Strich.
Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck,
der sie bisher gezieret,
So lang wie möglich, zu behalten, und hindert' ihren
schnellen Fall.
Hierdurch ward die leichte last, im weiten Luft-Kreis
überall,
In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln
umgeführet,
Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß
berühret;
Um sie, bevor sie aufgelöst, uns sich dem Sichtlichen
entrücken,
Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische,
zu schmücken.
Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichen
Gewühl,
Und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen
Spiel,
Der bunten Tropfen schwebenden, in lindem Fall
formiertem, Drehn,
Mit offnem Aug', und ernstem Denken, eine zeitlang
zugesehn;
Als ihr von dem geliebtem Baum freywilligs Scheiden
(da durch Wind,
Durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind;
Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihrem ungezwungenem
Fällen)
Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum bilde
vorzustellen,
Von einem wohlgeführtem Alter, und sanftem Sterben;
Die hingegen,
Die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen
Frost, durch schweren Regen,
Von ihren Zweigen abgestreift und abgerissen,
kommen mir,
Wie menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl
gewaltsam fallen, für.
Wie glücklich, dacht' ich, sind die Mennschen, die den
freywilligen Blättern gleichen,
Und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh'' und
Fried' erreichen;
Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!
gruß hafis

Offline JMaria

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Lieblingsgedichte
« Antwort #5 am: 2. August 2003, 10:50 »

Bettina von Arnim

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,
Vom Weg durchzogen, der hinüber leitet,
Das weiße Haus inmitten aufgestellt,
Was ist's, worin sich hier der Sinn gefällt?


Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Erstieg ich auch der Länder steilste Höhen,
Von wo ich könnt die Schiffe fahren sehen
Und Städte fern und nah von Bergen stolz umstellt,
Nichts ist's, was mir den Blick gefesselt hält.


Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Und könnt ich Paradiese überschauen,
Ich sehnte mich zurück nach jenen Auen,
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,
Denn der allein umgrenzet meine Welt.


Der Gedanke, daß jeder seinen eigenen persönlichen Hügel besitzt um die Welt zu sehen, läßt die Welt m.E. noch größer erscheinen, wenn man es erkennt! Deswegen berührt mich dieses Gedicht.

LG Maria
Aktuell:

Offline Hr.Enderlin

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Lieblingsgedichte
« Antwort #6 am: 18. Februar 2004, 23:23 »
hi all

mein lieblings gedicht stammt von PETER LAUSTER


Ich will dich treffen
und dann nicht hingehen,
ich will mit dir reden
und doch lieber schweigen,
will dich haben,
aber was dann?

Gib mir deine Hand,
damit ich sie loslassen kann.


lg enderlin
mein lieblingsbuch deutscher sprache: mein name sei gantenbein
mein nicht deutsches lieblingsbuch: der englische patient

Offline Dostoevskij

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Re: Lieblingsgedichte
« Antwort #7 am: 20. April 2007, 22:51 »
Moin, Moin!

Das kürzlich durch Liisa gepostete Gedicht Ödnis von Ricarda Huch gefiel mir so sehr und bewegt mich auch weiterhin, daß ich es ausdruckte und an die Pinnwand auf Arbeit hängte. Einen Tag danach hatte jemand drunter gekritzelt: "Braucht jemand Hilfe?" Wenig später las man ein "Ja." Lyrik am Arbeitsplatz mit Wirkung eben nicht nur bei mir. Ich bin erstaunt und berührt.
Keep reading, Markus Kolbeck
Leipziger Bücherlei http://www.buecherlei.de/

Offline gantenbeinin

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Re: Lieblingsgedichte
« Antwort #8 am: 29. April 2007, 13:27 »
Als Einstandsmorgengabe ein (eines von furchtbar vielen) Lieblingsgedicht.

Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,
wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch daß wir sprechen und uns nicht verstehen
und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
und das Verlangen, tief uns anzusehen,
durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.

Ingeborg Bachmann

Offline Bluebell

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Re: Lieblingsgedichte
« Antwort #9 am: 18. Mai 2007, 16:08 »
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehen,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke)
"Date a girl who reads. Date a girl who spends her money on books instead of clothes. She has problems with closet space because she has too many books. Date a girl who has a list of books she wants to read, who has had a library card since she was twelve."

Offline Hubert

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Frühling
« Antwort #10 am: 22. März 2011, 00:49 »
Hallo zusammen,

heute ist nicht nur Frühlingsanfang, sondern auch Tag der Poesie. Grund genug (und weil die Lyrik im Klassikerforum eh zu kurz kommt) mal unseren alten Lyrik-Thread auszugraben und an Eduard Mörikes schönes Frühlings-Gedicht zu erinnern:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!


Liebe Grüße

Hubert

FeeVerte

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #11 am: 25. März 2011, 00:11 »
Allegria di  naufragi
                Giuseppe Ungaretti
 
E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare


Freude der Schiffbrüche
                Giuseppe Ungaretti

Und plötzlich nimmst du
die Fahrt wieder auf
wie
nach dem Schiffbruch
ein überlebender
Seebär



Offline Gontscharow

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #12 am: 27. März 2011, 21:36 »

Zitat von: Autor: FeeVerte« am: 25. März 2011, 00:11 »
Allegria di  naufragi
                Giuseppe Ungaretti

Guiseppe Ungaretti! Das war auch mal mein Lieblingspoet! Schön, wenn durch Forumsbeiträge solche fast vergessenen Vorlieben wieder noch oben gespült werden!
Ist die Übersetzung des Gedichts von Ingeborg Bachmann? Ich wusste bis dato gar nicht, dass sie Ungaretti auch so gemocht und seine Gedichte übersetzt hat, habe das jetzt erst beim Stöbern im Internet erfahren.
 
Da ich mich durch ein Buch gerade gedanklich an der Dolomitenfront im 1.Weltkrieg befinde, hier ein Gedicht, in dem Ungaretti, der dort gekämpft hat, seinen Gefühlszustand in der für ihn charakteristischen einfachen, fast minimalistischen Sprache beschreibt:
 
SONO UNA CREATURA
Valloncello di Cima Quattro il 5 agosto 1916

Come questa pietra
Del S. Michele
Così fredda
Così dura
Così prosciugata
Così refrattaria
Così totalmente
Disanimata

Come questa pietra
È il mio pianto
Che non si vede

La morte
Si sconta
Vivendo.

Übersetzung von Ingeborg Bachmann:

ICH BIN EINE KREATUR
Valloncello di Cima Ouattro, 5. August 1916

Ich bin eine Kreatur
wie dieser Stein
des Hl. Michael
so kalt
so hart
so ausgetrocknet
so widerständig
unbeseelt
so ganz und gar

Wie dieser Stein
ist mein Weinen
man sieht es nicht

Den Tod
büßt man
lebend ab

FeeVerte

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #13 am: 28. März 2011, 01:05 »

Guiseppe Ungaretti! Das war auch mal mein Lieblingspoet! Schön, wenn durch Forumsbeiträge solche fast vergessenen Vorlieben wieder noch oben gespült werden!
Ist die Übersetzung des Gedichts von Ingeborg Bachmann? Ich wusste bis dato gar nicht, dass sie Ungaretti auch so gemocht und seine Gedichte übersetzt hat, habe das jetzt erst beim Stöbern im Internet erfahren.
 

Hallo Gontscharow,

ist ja witzig, ich wollte zuerst das Gedicht Sono una creatura posten, begann dann aber eingehender über den Sinn der letzten drei Zeilen und über eventuelle Nebenbedeutungen von scontare nachzugrübeln (bezahlen? begleichen? ausgleichen? ausbaden?) , was damit endete, dass ich mich zugunsten des unverdrossen seine Shanties schmetternden schiffbrüchigen Mutmachseebären umentschied. Ja, die Übersetzung der Allegria di naufragi ist auch von Ingeborg Bachmann. Ich kann mich mit der deutschen Fassung der Gedichte allerdings nicht so ganz anfreunden, ich finde, sie wird der Eleganz und der Musikalität des Originals nicht mal ansatzweise gerecht.

Das hier kennst du ja dann bestimmt auch:

Soldati

Si sta come
d'autunno
sugli alberi
le foglie.

So
wie im Herbst
am Baum
Blatt um Blatt.

G. Ungaretti - Soldati Bosco di Courton luglio 1918

Viele Grüße FeeVerte
« Letzte Änderung: 28. März 2011, 02:05 von FeeVerte »

Offline Gontscharow

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #14 am: 29. März 2011, 01:14 »

Hallo Gontscharow,

ist ja witzig, ich wollte zuerst das Gedicht Sono una creatura posten, begann dann aber eingehender über den Sinn der letzten drei Zeilen und über eventuelle Nebenbedeutungen von scontare nachzugrübeln (bezahlen? begleichen? ausgleichen? ausbaden?) , was damit endete ...

Ja, wirklich witzig diese Koinzidenzen.
Auch ich bin über das Wort scontare gestolpert! Ich finde das Bachmannsche abbüßen ist zu religiös konnotiert und die buchhalterische Lakonie, die in scontare steckt, geht verloren. Begleichen finde ich gut oder einfach abzahlen abtragen.

Soldati, dieses so bestechend einfache Gedicht, wollte ich auch erst posten, statt Sono una creatura. Mich irritierte dann aber , dass  Bachmann in ihrer Übersetzung das Si sta am Anfang – in stare schwingt bleiben mit !-  weggelässt und damit die leise Ironie im Vergleich mit den herbstlichen Blättern verschenkt .
 
Ich sehe schon , ich werde mir bei Amazon.it die Poesie Complete von Ungaretti bestellen. Schön, dass ich hier an ihn  erinnert wurde. GRAZIE!