Autor Thema: Lieblingsgedichte  (Gelesen 5033 mal)

FeeVerte

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #15 am: 31. März 2011, 10:52 »
Ich finde das Bachmannsche abbüßen ist zu religiös konnotiert und die buchhalterische Lakonie, die in scontare steckt, geht verloren. Begleichen finde ich gut oder einfach abzahlen abtragen.

Möglicherweise wäre den Tod verdient man sich lebend auch nicht ganz abwegig. Aber die Vielschichtigkeit von scontare geht in jedem Fall verloren. Traduttore, traditore.

Mich irritierte dann aber , dass  Bachmann in ihrer Übersetzung das Si sta am Anfang – in stare schwingt bleiben mit !-  weggelässt und damit die leise Ironie im Vergleich mit den herbstlichen Blättern verschenkt .

Ja, stimmt, das Bild ist in der deutschen Fassung ein völlig anderes - ich sehe da lediglich ein paar kümmerliche zu Boden trudelnde Herbstblätter vor mir. Bei der italienischen Version assoziiere ich dagegen ganze Wälder voll von prachtvollem Herbstlaub, von dem ich aber schon jetzt, im Moment meiner Bewunderung seiner Schönheit, weiß, dass es unweigerlich und bereits in wenigen Tagen herabfallen wird. Nicht nur die Ironie, auch die als herbstliche Nostalgie maskierte Todesahnung wird hier verschenkt. Gute Gedichte sind eben unübersetzbar.

Hach, ich glaube, ich werde demnächst auch mal auf amazon.it vorbeischauen.... gute Idee...  :smile:

Offline JMaria

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #16 am: 1. April 2011, 10:58 »
Allegria di  naufragi
                Giuseppe Ungaretti
 
E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare


Freude der Schiffbrüche
                Giuseppe Ungaretti

Und plötzlich nimmst du
die Fahrt wieder auf
wie
nach dem Schiffbruch
ein überlebender
Seebär

Hallo Gontscharow, hallo FeeVerte

ich habe eure Diskussion mitverfolgt und ihr habt mich dadurch auf Guiseppe Ungaretti aufmerksam gemacht. Das obige Gedicht (insbesondere) und auch die weiteren, die ihr angegeben habt, sprechen mich sehr an. Danke für den Tipp.

Gruß,
Maria
Aktuell:

Offline Hubert

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Guiseppe Ungaretti
« Antwort #17 am: 4. April 2011, 00:26 »

Soldati

Si sta come
d'autunno
sugli alberi
le foglie.


Liebe Fee,
liebe Gontscharow,

mir geht es wie Maria, vielen Dank für eure Hinweise auf Guiseppe Ungaretti. Ich habe mir, auch um mein Italienisch wieder aufzufrischen, eine zweisprachige Ausgabe bestellt.

Ist euch eigentlich aufgefallen das Soldati, wenn man den Titel einmal weglässt (der natürlich das Gedicht erst genial macht), ein fast perfektes Haiku ist?

LG

Hubert

Offline Hubert

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Septembertag
« Antwort #18 am: 29. September 2011, 22:34 »
Weil der September morgen schon wieder zu Ende geht, noch schnell:

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit ...


Christian Morgenstern
(1871 - 1914)

Offline Theresa

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #19 am: 2. Oktober 2011, 10:36 »
Jetzt ist zwar schon Oktober, aber "Septembertag" hat mich an mein Lieblingsherbstgedicht erinnert:

September
Hermann Hesse

Der Garten trauert,
kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
nieder vom goldenen Akazienbaum,
Sommer lächelt erstaunt und matt
in den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen
bleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh.
Langsam tut er die großen
müdgeword`nen Augen zu.

Offline captainmarlowe

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #20 am: 28. April 2012, 14:13 »
Da will ich einmal ein wenig Wiederbelebungs-Arbeit leisten, und eines meiner Lieblingsgedichte aufschreiben:

    Abend

    Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
    die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
    du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
    ein himmelfahrendes und eins, das fällt;     

    und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
    nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
    nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
    wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt -     

    und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
    dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
    so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
    abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

   Rainer Maria Rilke (Das Buch der Lieder)
Es grüßt captainmarlowe :-)