Autor Thema: Lieblingsgedichte  (Gelesen 7458 mal)

FeeVerte

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #15 am: 31. März 2011, 10:52 »
Ich finde das Bachmannsche abbüßen ist zu religiös konnotiert und die buchhalterische Lakonie, die in scontare steckt, geht verloren. Begleichen finde ich gut oder einfach abzahlen abtragen.

Möglicherweise wäre den Tod verdient man sich lebend auch nicht ganz abwegig. Aber die Vielschichtigkeit von scontare geht in jedem Fall verloren. Traduttore, traditore.

Mich irritierte dann aber , dass  Bachmann in ihrer Übersetzung das Si sta am Anfang – in stare schwingt bleiben mit !-  weggelässt und damit die leise Ironie im Vergleich mit den herbstlichen Blättern verschenkt .

Ja, stimmt, das Bild ist in der deutschen Fassung ein völlig anderes - ich sehe da lediglich ein paar kümmerliche zu Boden trudelnde Herbstblätter vor mir. Bei der italienischen Version assoziiere ich dagegen ganze Wälder voll von prachtvollem Herbstlaub, von dem ich aber schon jetzt, im Moment meiner Bewunderung seiner Schönheit, weiß, dass es unweigerlich und bereits in wenigen Tagen herabfallen wird. Nicht nur die Ironie, auch die als herbstliche Nostalgie maskierte Todesahnung wird hier verschenkt. Gute Gedichte sind eben unübersetzbar.

Hach, ich glaube, ich werde demnächst auch mal auf amazon.it vorbeischauen.... gute Idee...  :smile:

Offline JMaria

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #16 am: 1. April 2011, 10:58 »
Allegria di  naufragi
                Giuseppe Ungaretti
 
E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare


Freude der Schiffbrüche
                Giuseppe Ungaretti

Und plötzlich nimmst du
die Fahrt wieder auf
wie
nach dem Schiffbruch
ein überlebender
Seebär

Hallo Gontscharow, hallo FeeVerte

ich habe eure Diskussion mitverfolgt und ihr habt mich dadurch auf Guiseppe Ungaretti aufmerksam gemacht. Das obige Gedicht (insbesondere) und auch die weiteren, die ihr angegeben habt, sprechen mich sehr an. Danke für den Tipp.

Gruß,
Maria
Aktuell:

Offline Hubert

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Guiseppe Ungaretti
« Antwort #17 am: 4. April 2011, 00:26 »

Soldati

Si sta come
d'autunno
sugli alberi
le foglie.


Liebe Fee,
liebe Gontscharow,

mir geht es wie Maria, vielen Dank für eure Hinweise auf Guiseppe Ungaretti. Ich habe mir, auch um mein Italienisch wieder aufzufrischen, eine zweisprachige Ausgabe bestellt.

Ist euch eigentlich aufgefallen das Soldati, wenn man den Titel einmal weglässt (der natürlich das Gedicht erst genial macht), ein fast perfektes Haiku ist?

LG

Hubert

Offline Hubert

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Septembertag
« Antwort #18 am: 29. September 2011, 22:34 »
Weil der September morgen schon wieder zu Ende geht, noch schnell:

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit ...


Christian Morgenstern
(1871 - 1914)

Offline Theresa

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #19 am: 2. Oktober 2011, 10:36 »
Jetzt ist zwar schon Oktober, aber "Septembertag" hat mich an mein Lieblingsherbstgedicht erinnert:

September
Hermann Hesse

Der Garten trauert,
kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
nieder vom goldenen Akazienbaum,
Sommer lächelt erstaunt und matt
in den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen
bleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh.
Langsam tut er die großen
müdgeword`nen Augen zu.

Offline captainmarlowe

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #20 am: 28. April 2012, 14:13 »
Da will ich einmal ein wenig Wiederbelebungs-Arbeit leisten, und eines meiner Lieblingsgedichte aufschreiben:

    Abend

    Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
    die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
    du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
    ein himmelfahrendes und eins, das fällt;     

    und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
    nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
    nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
    wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt -     

    und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
    dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
    so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
    abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

   Rainer Maria Rilke (Das Buch der Lieder)
Es grüßt captainmarlowe :-)

Offline thmann

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #21 am: 26. Juni 2012, 16:03 »
"M'illumino d'immenso" - Ungaretti
„Denken und danken sind verwandte Wörter; wir danken dem Leben, in dem wir es bedenken.“ T. Mann

Offline montaigne

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #22 am: 26. Juni 2012, 19:05 »
"M'illumino d'immenso" - Ungaretti

Und warum ist dieses kürzeste aller Gedichte dein Lieblingsgedicht?

Offline captainmarlowe

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #23 am: 5. Juli 2012, 00:38 »
Da ich am Meer geboren bin, und es nach mehr, als 40 Jahren Abwesenheit immer noch so sehr vermisse, spricht mir hier eine große Dichterin aus der Seele:

Gabriela Mistral
DER TOD DES MEERES            Für Doris Dana

Eines Nachts starb das Meer
von einem Ufer zum andern,
sich faltend, schrumpfend,
ein Mantel, den man fortnimmt.

Gleich einem trunkenen Albatros,
wie flüchtiges Raubzeug,
lief es mit zehn Wellenschlägen
bis zum äußersten Horizont.

Als die beraubte Welt
das Tageslicht wieder sah,
war das Meer ein zerbrochenes Horn,
das auf den Ruf keine Antwort mehr gab.

Wir Fischer gingen hinunter
zur geschändeten Küste,
runzelig und kahl lag sie da
wie eine ausgezehrte Füchsin.
 
Das Schweigen war so groß,
dass es die Brust bedrängte.
Und die Küste breitete sich endlos weit
wie einer angeschlagenen Glocke Ton.

Wo das Meer einst brüllte, gezüchtigt
von dem Gott, der es bändigen wollte,
und seinem Gott Antwort entgegenwarf
mit zornigen Hirsches Sprüngen,

wo Burschen und Mädchen
sich salzige Munde reichten
und in goldener Flechte
nur den Reigen des Lebens tanzten,

verblieben Perlmutter,
die bleichen Schnecken,
die ihrer Liebe, ihres Selbst
entleerten Quallen.

Verblieben Dünengespenster,
verwitweter als Asche,
starrten auf die Höhle ihres Leibes,
der so viel Freude gekannt.

Und der Nebel griff mit seiner Hand
in kahl gewordene Gefieder,
fuhr tastend über tote Albatrosse,
streifte umher wie Antigone.

Waisenblick warfen
Steilküsten und Buchten
auf den getilgten Horizont,
der ihre Liebe nicht erwiderte.

Und obschon uns das Meer nie gehörte
wie ein geschorenes Lamm,
wiegten die Frauen es alle Nächte
als wäre es ihr Kind.

Und obschon uns das Meer in den Traum
Kraken und Alpdruck hineinwarf,
und es an die Schwelle unserer Häuser
die Ertrunkenen ausspie,

das Meer nicht zu hören, nicht zu schauen,
davon starb man langsam dahin,
und es schwand aus unseren wüstentrockenen Wangen
Feuer und Blut.

Sähen wir nur, wie es aufspränge
mit dem plötzlichen Sprung von Färsen,
wie es Quallen und Tang
keuchend emporhöbe,

wie es uns schlüge
mit seinen salzigen Wogen
und seine Wellen hochstiegen
von Wundern brandend -

wir würden Lösegeld zahlen
gleich einem besiegten Volksstamm,
würden unsere Häuser hingeben,
unsere Söhne, unsere Töchter.

Keuchend unser Atem,
wie der des Erstickenden im Schacht,
und schon auf unseren Lippen sterben
Loblied und Preisgesang.

Mit starren Augen
rufen wir Fischer noch immer nach ihm,
klammern uns weinend
an die geschmähten Barken.

Wir wiegen sie, wiegen unaufhörlich,
wie das Meer sie gewiegt hat,
kauen versengte Algen,
der Ferne zugewandt,

oder beißen in unsere Hände
wie Skythensklaven.
Und wenn die Nacht da ist,
fassen wir uns bei der Hand,

heulen wie Alte und Kinder
wie verlorene Seelen:
„Thalassa, alte Thalassa,
grüne, flüchtige Rücken!

Wenn wir verlassen,
rufe uns zu dir, wo immer du weilst,
und bist Du gestorben, dann wehe
der Wind von Erinnas Farbe.

Er soll uns nehmen, er soll uns werfen
an eine andere gesegnete Küste,
die Buchten dort zu zählen
und zu sterben auf ihren Inseln
Es grüßt captainmarlowe :-)

Offline montaigne

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"Der Mohn" von Ludwig Uhland
« Antwort #24 am: 11. Juli 2012, 21:16 »
Der Mohn
[von Ludwig Uhland (1787-1847)]

Wie dort, gewiegt von Westen,
Des Mohnes Blüte glänzt!
Die Blume, die am besten
Des Traumgotts Schläfe kränzt;
Bald purpurhell, als spiele
Der Abendröte Schein,
Bald weiß und bleich, als fiele
Des Mondes Schimmer ein.

Zur Warnung hört ich sagen,
Daß, der im Mohne schlief,
Hinunter ward getragen
In Träume schwer und tief;
Dem Wachen selbst geblieben
Sei irren Wahnes Spur,
Die Nahen und die Lieben
Halt' er für Schemen nur.

In meiner Tage Morgen,
Da lag auch ich einmal,
Von Blumen ganz verborgen,
In einem schönen Tal.
Sie dufteten so milde!
Da ward, ich fühlt es kaum,
Das Leben mir zum Bilde,
Das Wirkliche zum Traum.

Seitdem ist mir beständig,
Als wär es nur so recht,
Mein Bild der Welt lebendig,
Mein Traum nur wahr und echt;
Die Schatten, die ich sehe,
Sie sind wie Sterne klar.
O Mohn der Dichtung! wehe
Ums Haupt mir immerdar!




Offline captainmarlowe

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #25 am: 15. Juli 2012, 17:20 »
Rainer Maria Rilke

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen,
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt...

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, -
denn er muß meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten -
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.
Es grüßt captainmarlowe :-)

Offline Fräulein_Bürstner

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #26 am: 22. Juli 2012, 22:56 »
Liebes-Lied
Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Rainer Maria Rilke

Offline montaigne

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Trauriges Erwachen
« Antwort #27 am: 19. August 2012, 20:27 »
Trauriges Erwachen
von Theodor Fontane
1838


Der Mond, der alte Lauscher,
Steht vor dem Fensterlein;
Er horcht und schaut wie neidisch
In Liebchens Kämmerlein.

Ich lag zu ihren Füßen,
- O welch ein Götterlos! -
Und wiegte wonnetrunken
Mein Haupt in ihrem Schoß.

Sie spielte mit den Händchen
In meinem dunklen Haar
Und strich es zärtlich kosend; -
Wie schön das Mädchen war!

Mit ihrem lieben Auge,
Wie Demant rein und klar.
Versprach sie ewge Treue; -
Wie schön das Mädchen war!

Aus ihren süßen Küssen
Da fühlte ich fürwahr
Schon Seligkeit entsprießen; -
Wie schön das Mädchen war!

Die purpurfarbnen Lippen,
Die sagten endlich gar,
Daß sie mich herzlich liebe; -
Wie schön das Mädchen war!

Da, all die Lust zu fassen,
Hat meine Brust nicht Raum
Und selig rufend: Vanda!
Erwach' ich aus dem Traum.

Da war die Lust entflohen
Und bitterböser Schmerz,
Der Gram um ewge Trennung
Erfüllte nun mein Herz.

Zwar stand der Mond, der Lauscher,
Vor meinem Fensterlein;
Doch war er bald verschwunden,
Denn ich - war ganz allein.

Offline JMaria

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #28 am: 1. Dezember 2012, 17:12 »
Passt gut zum 1. Advent :




Der Abend kommt

Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann presst er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen,
und innen horchen sie hinaus.

Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926
Aktuell:

Offline finsbury

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Antw:Lieblingsgedichte
« Antwort #29 am: 2. Dezember 2012, 10:08 »
Dieses Jahr haben mich die vier Reclambändchen mit Jahreszeitengedichten begleitet: In jedem von ihnen ist folgender moderner Klassiker abgedruckt:

Christian Morgenstern

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt

Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär
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In diesem Sinne:

einen schönen Zehenbär wünscht

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)