Ich quäle mich ein wenig, nein so richtig, durch die Reise von Céline.
Das war der Eindruck, den ich immer hatte von Céline, dass da etwas menschenverachtendes mitschwingt,
Einspruch! Ich quäle mich nicht durch die "Reise" von Céline, ich lese sie im Gegenteil mit vielen Freuden. Es ist ein großartiges Buch und Céline ein großartiger Schriftsteller. Und was das Mitschwingen von etwas Menschenverachtendem angeht: Bardamu, Protagonist des Romans und alter Ego von Céline, tritt zwar als Zyniker und Menschenverächter auf, aber es ist eine Rolle, mehr noch eine Maske, hinter der sich Céline verbirgt. Ein Menschenverächter erhebt nicht sechshundert Seiten lang Anklage gegen die Sinnlosigkeit des Krieges und gegen die Unmenschlichkeit, mit der die Armen dieser Welt zu allen Zeiten und an allen Orten unterdrückt, gequält und ausgebeutet werden. Unter den ersten zweihundert Seiten, die ich gelesen habe, gibt es eine besonders beeindruckende Szene. Du kennst sie bestimmt, Anita. Sie spielt in einer französischen Kolonie in Afrika. Eine Eingeborenenfamilie kommt aus dem tiefsten Busch in den Ort, um einen großen Korb mit Kautschuk zu verkaufen, Sie haben noch nie ein Geschäft betreten, kennen kaum Weiße, sind mit der Sprache, dem Warenwert und der Münzwährung der Franzosen nicht vertraut und werden natürlich unter dem Gegröle der Umstehenden gründlich übers Ohr gehauen. Für die vielen Monate Arbeit wird ihnen ein hässliches grünes Tuch in die Hand gedrückt, das sie gar nicht haben wollten. Anschließend werden sie aus dem Laden gejagt und stehen dann noch Stunden auf der gegenüberliegenden Seite, unfähig zu begreifen, was ihnen widerfahren ist. So lakonisch diese Szene erzählt ist, so herzergreifend ist sie. Céline verachtet nicht den Menschen, sondern das, was der Mensch dem Menschen anzutun imstande ist. Ich weiß nicht, ob ein wahrer Menschenverächter überhaupt eine Zeile schreiben würde. Schriftstellernde Menschenverächter scheinen mir jedenfalls immer verkappte Moralisten zu sein.
@ Poppea, wenn Du den Céline liest, kaufe ich mir die rotleinernde Zürcher Bibel.

Gruß
Anna