Autor Thema: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread  (Gelesen 26128 mal)

Offline Poppea

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #90 am: 20. September 2010, 11:54 »
Was ist mit Bieri? Zu populärwissenschaftlich?

O Gott, hör mir mit dem auf! Wer so ein schreckliches Buch schreibt wie "Der Klavierstimmer", kann der als Philosoph was taugen?

Gruß
Anna

Hähä Anna,

das geschieht Dir Recht! Warum bist Du auch vom Pfad der Tugend, äh, der Klassiker abgewichen? Ich kenne es nicht, kann ergo nicht mitreden. Aber es ist doch immerhin möglich, dass er ein guter Denker und ein mieser Schriftsteller ist. Ich kann ja auch besser reden als denken  :zwinker:

 :winken:
Poppea

Offline scheichsbeutel^

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #91 am: 20. September 2010, 12:45 »
Was ist mit Bieri? Zu populärwissenschaftlich?

O Gott, hör mir mit dem auf! Wer so ein schreckliches Buch schreibt wie "Der Klavierstimmer", kann der als Philosoph was taugen?

Das ist doch Pascal Mercier. Man wollte mir immer den "Nachtzug nach Lissabon" einreden, und ich bin ebenfalls - wegen ständiger Vergriffenheit des Zugs in der Bibliothek - beim Klavierstimmer gelandet. Ein ziemlicher Inzest- und Genieschmarrn; ein Bekannter von mir meinte, dass Mercier (wie auch Schlink) typische Auftragsschreiber sind. Bedienen alle Klischees und Themen, die gerade von den Medien auf und ab kommentiert werden. Wobei ich bei Mercier das Gefühl hatte, dass er so schlecht gar nicht schreibt. Aber Anna Magdalena hat natürlich Recht: Wer so ein Buch wie den Klaiverstimmer verbricht, kann als Philosoph wohl kaum noch was taugen.

Grüße

s.

Offline scheichsbeutel^

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #92 am: 20. September 2010, 12:52 »
Ich hoffe, dass dieses Jahr noch auf litteratur.ch die Leserunde zu David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand zu Stande kommt.

Schaffen wir. Dass du allerdings ausgerechnet Habermas zum einzigen noch lebenden Philosophen befördern willst, stimmt mich bedenklich.

Grüße

s.

Offline Anna Magdalena

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #93 am: 20. September 2010, 13:20 »
Wobei ich bei Mercier das Gefühl hatte, dass er so schlecht gar nicht schreibt.

Hatte ich auch. Ich habe mir den „Klavierstimmer“ gekauft, weil mir „Nachtzug nach Lissabon“ ganz gut gefallen hat. Aber auch das Buch hat Schwächen. Die Figur des Amadeu de Prado, dessen Lebensspuren der Protagonist in Lissabon verfolgt, wirkt fürchterlich übertrieben, eine von allen geliebte und bewunderte hehre Lichtgestalt. Außerdem wird der Roman in der zweiten Hälfte deutlich schwächer. Ich hatte den Eindruck, Mercier hatte Mühe, sein Thema über die Runden zu bringen, und das darf einem guten Romanautor natürlich nicht passieren. „Perlmanns Schweigen“ war Merciers erster Roman und gilt wohl allgemein als sein bester. Zuletzt erschienen ist „Lea“, von dem ich, nach allem, was ich darüber gelesen habe, ganz sicher die Finger lassen werde.

Gruß
Anna

Offline sandhofer

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #94 am: 20. September 2010, 13:30 »
Das ist doch Pascal Mercier.

Ich musste auch zuerst überlegen. Gelesen habe ich von ihm nichts. Weder Belletristisches noch Philosophisches.

Aber Anna Magdalena hat natürlich Recht: Wer so ein Buch wie den Klaiverstimmer verbricht, kann als Philosoph wohl kaum noch was taugen.

Hm ... Schelling war auch ein schlechter Dichter und ein ... hm ... na ja ...

Dass du allerdings ausgerechnet Habermas zum einzigen noch lebenden Philosophen befördern willst, stimmt mich bedenklich.

Ich sagte, dass ich da mit mir reden liesse. Er ist - soweit ich den Überblick habe (aber ich bin seit über einem Vierteljahrhundert aus dem Business raus) - der letzte, der noch eine originelle und einigermassen konsistente Denke verfolgte.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Anna Magdalena

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #95 am: 20. September 2010, 14:08 »
Ich habe Peter Bieri alias Pascal Mercier nur einmal als Philosoph in Aktion gesehen. Im „Nachtstudio“ – übrigens eine gelegentlich durchaus interessante Sendung – ging es um das Thema Willensfreiheit, Geisteswissenschaftler vs. Naturwissenschaftler. Die Hirnforscher, allen voran Gerhard Roth, behaupteten, nach den neuesten Forschungen sei die Willensfreiheit stark eingeschränkt, das Unbewusste bestimme in viel stärkerem Maße als bisher angenommen unsere Entscheidungen, der Verhaltensspielraum des Menschen sei dementsprechend begrenzt. Bieri und seine Kollegen setzten dagegen, dabei herausgekommen ist erwartungsgemäß nichts. Bieri hat ein Buch über dieses Thema geschrieben:

Gruß
Anna


Offline scheichsbeutel^

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #96 am: 20. September 2010, 15:15 »
Zuletzt erschienen ist „Lea“, von dem ich, nach allem, was ich darüber gelesen habe, ganz sicher die Finger lassen werde.

Allein die Tatsache, dass dort das Wunderkindthema wieder fröhliche Urständ feiert, lässt es mir angeraten scheinen, die Finger davon zu lassen. Wobei diese Wunderkinder meist so simpel konstruiert sind, dass sie in jeder Reality-Soap oder beim Gummibärli-Fetischisten wohl aufgehoben wären. Wieviel trivialer, profaner ein solches Leben in realiter sich darstellt sehe ich am knapp vierjährigen Sprössling meiner Bekannten: Reduzierte Kindheit, Arbeit, Schweiß. Die Eltern beide Musiker, der Kleine - vielleicht - talentiert, interessiert der Eltern wegen. Natürlich: Er spielt bereits besser, als es die meisten je schaffen werden. Aber dieses "Wunderkinddasein" hat in Wirklichkeit nichts Literarisches, Wundersames, sondern wie bei allem monomanisch von früh auf Betriebenem (etwa auch im Sport) etwas Beängstigendes, Einengendes, das mit großen Einschränkungen verbunden ist.

Das Thema verkauft sich wohl nur deshalb so gut, weil das Spiel mit der Thematik des unverstandenen, einsamen "Genies" auf fruchbaren Boden fällt bei so vielen. Denn wenn das Menschlein auch noch so einfach gestrickt und bar jeder Kreativität durch die Welt hampelt, irgendwann hatte es doch das Gefühl des Ungenügens, Unverstandenseins - und findet sich dann wieder in der dargestellten Figur. Auf ähnliche Weise funktionieren tragische Liebesgeschichten mit Fürstensöhnen und -töchtern, der Bergdoktor, Rosamunde Pilcher oder die Schwarzwaldklinik. Nur dass in diesen Fällen mit dem noch populäreren Thema der großen Gefühle hantiert wird.

Grüße

s.

Offline scheichsbeutel^

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #97 am: 20. September 2010, 15:20 »
Aber Anna Magdalena hat natürlich Recht: Wer so ein Buch wie den Klaiverstimmer verbricht, kann als Philosoph wohl kaum noch was taugen.
Hm ... Schelling war auch ein schlechter Dichter und ein ... hm ... na ja ...

Naja, man kann zweifelsohne ein schlechter Schriftsteller sein und ein guter Philosoph. Merciers Bücher aber gefallen mir gerade wegen der dort transportierten, im weitesten Sinne philosophischen Inhalte nicht. Deshalb scheint mir in diesem Fall ein Rückschluss zulässig.

Grüße

s.

Offline Anita

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #98 am: 20. September 2010, 15:42 »
Das Thema verkauft sich wohl nur deshalb so gut, weil das Spiel mit der Thematik des unverstandenen, einsamen "Genies" auf fruchbaren Boden fällt bei so vielen.

Nur, davon handelt "Lea" nicht  :zwinker:

Zitat
Wobei ich bei Mercier das Gefühl hatte, dass er so schlecht gar nicht schreibt. Aber Anna Magdalena hat natürlich Recht: Wer so ein Buch wie den Klaiverstimmer verbricht, kann als Philosoph wohl kaum noch was taugen.

"Das Handwerk der Freiheit" kann ich für den interessierten Laien durchaus empfehlen.

Übrigens, liest sich euer Gespräch über Bücher, die ihr noch nicht gelesen habt, durchweg amüsant  :breitgrins:

LG
Anita

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline sandhofer

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #99 am: 20. September 2010, 16:17 »
Naja, man kann zweifelsohne ein schlechter Schriftsteller sein und ein guter Philosoph.

Man kann ein guter Schriftsteller sein und ein schlechter Philosoph. (Die meisten guten Schriftsteller sind allenfalls als Philosophen mässig.) Schlechte Schriftsteller sind immer auch schlechte Philosophen. (Wären sie gute, würde ihnen ihr Denken nicht erlauben, schlecht zu schreiben.) Wird ein guter Philosoph sich überhaupt mit Lyrik oder Belletristik einlassen? Hm ...
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Offline Gontscharow

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #100 am: 20. September 2010, 16:27 »

...mir „Nachtzug nach Lissabon“ ganz gut gefallen hat. Aber auch das Buch hat Schwächen.

Das kann man wohl sagen! Verschnarcht wie der Bärenplatz in Bern, wo der Roman auch spielt. Meine Enttäuschung beim Lesen dieses Buches war umso größer, als ich die Hälfte meiner literarisch interessierten Bekannten schwer enttäuschen musste, die mir den Roman in den höchsten Tönen empfohlen hatten! Ich war dann auch ganz erleichtert, als sein nächstes Buch Lea die schlechten Kritiken bekam, die schon der Nachtzug verdient gehabt hätte, und es um Bieri stiller wurde.

Offline Gontscharow

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #101 am: 20. September 2010, 16:44 »

Man kann ein guter Schriftsteller sein und ...  Wird ein guter Philosoph sich überhaupt mit Lyrik oder Belletristik einlassen? Hm ...

Ist das dein Ernst? Gib zu, du willst nur provozieren. :breitgrins:

Offline sandhofer

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #102 am: 20. September 2010, 16:58 »

Man kann ein guter Schriftsteller sein und ...  Wird ein guter Philosoph sich überhaupt mit Lyrik oder Belletristik einlassen? Hm ...

Ist das dein Ernst? Gib zu, du willst nur provozieren. :breitgrins:

Gib mir ein Gegenbeispiel. Schon Platon wollte die Dichter aus seinem Idealstaat verbannen. Seine Dialoge - jedenfalls die frühen - sind zwar durchaus artistisch durchkomponiert, aber dennoch keine aufführbaren Dramen.
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Offline scheichsbeutel^

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #103 am: 20. September 2010, 17:00 »
Übrigens, liest sich euer Gespräch über Bücher, die ihr noch nicht gelesen habt, durchweg amüsant  :breitgrins:

Och, von Lea hab ich genug Rezensionen gelesen (positive als auch negative), dass ich mir durchaus ein Bild zu machen vermag. (Außerdem ist das Sujet so weit vom Klavierstimmer nicht entfernt, den zu lesen ich das zweifelhafte Vergnügen hatte). Letzteren könnte man ja auch als Groschenromanschmus mit Anspruch bezeichnen - und bei Lea scheint dies noch potenziert. Bei Coelho reicht im übrigen auch ein Elaborat, um seine Distanz zu allem, was mit Denken und Schreiben zu tun hat, festzustellen. Der krawattierte Idealschwiegersohn, welcher mir vor kurzem seine Wachturmbroschüre zur gefälligen Lektüre empfahl, argumentierte im übrigen ähnlich. Alles muss man nicht gelesen haben - und vermag manchmal doch eine entfernte Ahnung davon zu besitzen, was auf dem geduldig vor sich hinleidenden Papier da alles steht.

Rezensionen:

Zitat von: Josph Hanimann
"Pedantische Ausdrücklichkeit, geschwätzige Wortwiederholungen wie „Doch jetzt machte es nichts. Irgendwie machte es nichts” und an Kitsch grenzende Gefühlsbeschreibung verderben das Ganze."

Zitat von: Martin Halter
"Mercier geht verschwenderisch um mit Adjektiven wie "sakral", "geheimnis-" und vor allem "seelenvoll". Es leuchtet nicht ganz ein, warum sein Biokybernetiker den Lackaffen David für Wörter wie "sublime" tadelt, wo er doch selber "hallucinant" verwendet und immer ins Französische, Italienische und Kursive fällt, wo es um Delikates oder Schicksalhaftes geht, was sich auf deutsch kitschig anhören würde. So geht die "geheimnisvolle Violinprinzessin" den langen "entsagungsvollen Weg durch die Welt der Töne in einem verzehrenden Fieber" bis zum bittersüßen Ende. "Lea" ist ein Schmachtfetzen erster Güte, auf kostbar getrimmt von der altarmenischen Grabinschrift des Mottos bis zu den Chintz-Orgien Leas. Mercier zitiert Dichter wie Auden und Whitman, tapeziert seine Provence mit Van-Gogh-Bildern und französischen Autorenfilmen; Lea hat er nach dem Ebenbild von Emmanuelle Béart in "Ein Herz im Winter" gemalt."

und

Zitat von: Martin Halter
"Im "Nachtzug nach Lissabon" entgleiste ein Lehrer; diesmal holt Mercier - weniger philosophisch, dafür eintöniger, pathetischer orgelnd - auf die alte Künstlertragödie aus dem Geigenkasten."

Schmachtfetzen allererster Güte - auf kostbar getrimmt: All das gilt mutatis mutandis auch für den Klavierstimmer.

Grüße

s.
« Letzte Änderung: 20. September 2010, 17:18 von scheichsbeutel^ »

Offline scheichsbeutel^

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Re: Allgemeiner Bücher-, Lese- und Lebensthread
« Antwort #104 am: 20. September 2010, 17:06 »
Man kann ein guter Schriftsteller sein und ...  Wird ein guter Philosoph sich überhaupt mit Lyrik oder Belletristik einlassen? Hm ...

Gib mir ein Gegenbeispiel. Schon Platon wollte die Dichter aus seinem Idealstaat verbannen. Seine Dialoge - jedenfalls die frühen - sind zwar durchaus artistisch durchkomponiert, aber dennoch keine aufführbaren Dramen.

Mir deucht, dass solche Aussagen auch dann nicht aufrecht zu erhalten wären, wenn Voltaire nie gelebt hätte  :zwinker: (Allerdings ist mir das Einschlagen auf Platon - von welcher Seite immer - meist recht ... )

Grüße

s.