In was für einem rachsüchtigen und brutalen Kosmos haben die Römer gelebt!
Genau das, Sir Thomas, denke ich auch die ganze Zeit!
Es ist ein kaltes grausames Universum mit sich widerstreitenden Machtbefugnissen und Kompetenzen. Es herrscht kein väterlicher fürsorglicher Gott, der alles aufs beste bestellt hat. Es gibt keine Gerechtigkeit. Auch das Leben nach dem Tod verspricht keine Kompensation für das Jammertal oder ausgleichende Gerechtigkeit.
Die Götterwelt ist getrieben von den menschlichsten und kleinlichsten Gelüsten und Gefühlen wie Geilheit, Eifersucht, Eitelkeit und Neid und die Menschen sind ihnen ausgeliefert. Juno z. B., Göttin der Haus- und Ehefrauen, lässt sich nur leiten von Eifersucht, Missgunst und Rachegefühlen. Was dabei herauskommt, ist schreiend ungerecht, entspricht aber seltsamerweise der kleinbürgerlichen Moral bis heute: Das Opfer hat die „Arschkarte“, das Verführungs- und Vergewaltigungsopfer ist schuld, entehrt und wird bestraft, Vergewaltigung ist ein Kavaliersdelikt etc.
Die Götter täuschen, tricksen und betrügen beinahe so oder schlimmer als die Menschen. Schlimmer, weil sie mit göttlicher Macht ausgestattet sind und es umso schlimmer treiben können und auch noch Ehrfurcht, Verehrung und Respekt verlangen dürfen. Das einzige, was vielleicht für sie einnimmt: Dass sie nicht allmächtig sind, auf Beziehungen angewiesen sind, leiden können … Im Grunde sind sie aber auf den Olymp projizierte, in ihren Lastern, Schwächen und Fehlern vergrößerte Menschen.
Frei nach Nietzsche stelle ich mir die Frage: Was waren das für Menschen, die sich solche Götter gaben?
Sie müssen stark gewesen sein, um mit einer Religion leben zu können, die keinerlei Trost, Geborgenheit, Entschädigung, Ordnung und Gewissheit bietet.
Was man sonst Religionen nachsagt, nämlich dass sie aus Wunschvorstellungen und Idealisierungen gestrickt seien, kann man von dieser nicht sagen! Diese hier, wie Ovid sie beschreibt, spiegelt realistisch bis pessimistisch jene Zustände auf der Welt, über die die Religion eigentlich hinwegtäuschen soll.

Die Metamorphosen sind vermutlich im Jahre 1 post Christum natum geschrieben.