Die ersten vier Briefe habe ich gelesen.
Mein Staunen über dieses Genre der Heroinen-Briefe, in denen weibliche Haupt- aber auch Nebenfiguren bekannter Mythen mit ihrer Sicht der Dinge zu Wort kommen, hat sich noch nicht gelegt! Wie ich gelesen habe, hat sich seit der Spätantike, über das Mittelalter, die Renaissance, bis ins Barock eine sich an Ovid orientierende Tradition der Heroinen- Briefe entwickelt und etabliert. Vor allem in Frankreich, Italien und England, aber auch in Deutschland gab es Heroinen-Literatur ( z.B. von Christian Hofmann von Hofmannswaldau).
Das war mir alles neu! Ich dachte immer, die subjektive, intime Äußerung des Individuums im fingierten Brief ( Stichwort: Briefroman! ) sei erst eine Erfindung des 18. Jahrhunderts!
Der erste Brief (
Penelope an Ulixes) ist im Vergleich zu den folgenden drei am unspektakulärsten.
Er ist geschrieben etliche Jahre nach Ende des Trojanischen Krieges und beklagt das lange Ausbleiben Ulixes’. Penelope zeigt sich zwar ein bisschen argwöhnisch bezüglich seiner Treue (und da ist ihre Hauptsorge, dass er sie als
Bauerntrampel hinstellen könnte), aber ihre Klage bezieht sich vor allem auf die Bedrängnis und Not, der sie ohne seinen männlichen Schutz ausgeliefert ist:
Wir Wehrlosen sind drei an der Zahl , ein schwaches Weib, der greise Laertes und dein Sohn Telemachos …du Hafen und Altar der Zuflucht für die Deinen.
Ich glaube, das ist echt. Der Brief schildert ihre prekäre Situation. Trotzdem lässt Ovid sie das mit Mutterwitz und einem respektlosen Realismus vortragen:
Priamus und das ganze Troja war den Aufwand doch nicht wert…. und:
Ganz gewiss werde ich … selbst wenn du sofort kommst – wie eine alte Frau aussehen.
Es hilft nichts, wenn du zurückschreibst, komm selbst!Im zweiten Brief beklagt
Phyllis, ähnlich wie wir das schon aus den
Metamorphosen von Medea und Dido kennen, dass sie viel für ihren Geliebten getan und aufgegeben hat, nun als Betrogene und Verlassene dasteht und keine Zukunft für sich sieht . Auch sie kündigt eine Gewalttat an, an der ihr Geliebter schuld sein wird. Allerdings nimmt ihre Geschichte einen anderen Verlauf als die Medeas oder Didos.
Ziemlich unglaubwürdig finde ich den dritten Brief (Briseis an Achilles). Warum sollte eine verschleppte Sklavin demjenigen, der zuvor ihre gesamte Familie massakrierte, einen Liebesbrief schreiben?
Das ging mir ähnlich. Ich konnte es mir nur so erklären, dass sie aus Überlebenswillen sich bis zur Selbstaufgabe mit dem Täter solidarisiert hat und nun, da sie seine Liebe verloren zu haben glaubt, sich als Treibgut des Krieges fühlt und Angst um ihr Leben hat:
… wenn ich nur nicht missachtet zurückgelassen werde - dies ist die Furcht, die mich peinigt, die mir elenden Frau die Gebeine erzittern lässt.
Oh rette lieber mein Leben, das ich ohnehin dir verdanke! Die Freundin bittet dich um das, was du als Sieger der Feindin schenktest.Sie entwirft im Brief aber noch weitere Szenarien der Unterwürfigkeit, so dass ich fast den Eindruck habe, dass da so etwas wie Devotismus durchgespielt wird. Der Kommentar spricht vom literarischen Motiv des
servitium amoris (
Liebesknechtschaft), die in Briseis’ Lebenssituation als Geliebte und Sklavin des Achilles in einer Person dargestellt sei.
Ich glaube im Nachwort gelesen zu haben, dass man Ovid Monotonie vorgeworfen hat. Ich kann das bis jetzt nicht bestätigen. Die ersten drei Briefe zeigen schon mal drei ganz unterschiedliche Frauen und der vierte Brief lässt einen weiteren gänzlich anderen Frauentyp zu Wort kommen:
Phädra wendet sich mit ihrem Brief an Hippolyt und gesteht ihm ihre Liebe. Dabei passt nichts zusammen: Es ist ihr Stiefsohn. Es wäre Inzest und Ehebruch. Er ist jung, sie alt. Er mag keine Frauen. Sie weiß im Grunde, dass er sie ablehnt und es total aussichtslos ist. Aber sie befindet sich im Liebeswahn: So zieht sie alle Register und versucht mit jeder Menge rationaler und scheinrationaler Argumente (Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode!) sich selbst und ihn davon zu überzeugen, dass er sie liebt, sie lieben soll, lieben muss. Ein aussichtsloses Unterfangen. Der Höhepunkt ihrer wahnwitzigen Argumentation ist die Berufung auf die Liebeserfolge ihrer Mutter:
Die Mutter konnte den Stier schwach machen; wirst du selbst unbeugsamer sein als ein wilder Stier?Ich glaube, neben dieser Phaedra nimmt sich die Phèdre von Racine wie eine Nonnenschülerin aus.
