Autor Thema: Jänner 2011: Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)  (Gelesen 9034 mal)

Offline busbian

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #15 am: 18. Januar 2011, 15:35 »
Ich finde den Gedanken, Karl als "Verteidiger" zu sehen, sehr reizvoll. Allerdings ist er ein sehr naiver und wehrloser Verteidiger, da er sich weder auf dem Schiff, noch bei seinem Onkel wirklich durchsetzen kann.

Gerade im Haus des Onkels zeigt sich, dass die Welt viel größer ist, als Karl sie verstehen kann. Ich finde, Kafka porträtiert eine Welt, in deren Komplexität man sich erst einarbeiten muss, bevor man sich darin bewegen kann. Deswegen lernt Karl Englisch und darf sich trotzdem nicht an allen Gesprächen beteiligen, geschweige denn Entscheidungen treffen. Darum will der Onkel auch nicht, dass Karl mit aufs Land fährt - denn Karl ist nicht bereit für die ihn erwartende Komplexität.

Darum möchte ich nochmal auf die These hinweisen, dass der Roman die aufkommende Moderne nachzeichnet und somit reflektiert.
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Offline minthy

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #16 am: 18. Januar 2011, 21:51 »

Ich hatte den Eindruck, dass er nicht will, dass Karl diesen Herrn Pollunder begleitet. Stellt sich nur die Frage, warum nicht?

Nun bin ich schon gespannt auf das Zusammentreffen von Klara und Karl.



Ich hatte diesen Eindruck auch ziemlich stark,schließlich äußert der Onkel stetig seine Bedenken...
Überhaupt muss ich sagen,war es schon ein bisschen skurril,wenn man gemerkt hat,wie die beiden Parteien (Pollunder und Jakob) hin- und hergerissen waren zwischen Höflichkeit und Entschlossenheit.Die Entschlossenheit Karl mitzunehmen in Pollunders Fall und in des Onkels Fall Karl aufzuhalten.

Meint ihr,dass Karl und Klara schon versprochen sind?

kk

Offline renquinist

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #17 am: 18. Januar 2011, 22:42 »
Meint ihr,dass Karl und Klara schon versprochen sind?


Jedenfalls nicht einander. Mitte des nächsten Kapitels ("Ein Landhaus bei New York") sagt ein Diener zu Karl, dass Herr Mack der Bräutigam - also wohl der Verlobte - von Klara ist. Aber ob er wirklich die Wahrheit sagt?

Niclas
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Offline André

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #18 am: 18. Januar 2011, 22:54 »
Habe nun Kapitel 3 abgeschlossen und war über den Brief des Onkels an Karl sehr überrascht. Ich habe vielmehr damit gerechnet, dass der Onkel seinem Neffen einen guten Job besorgt oder ihm irgendwie anders entgegen kommt. Doch Karls "indirekter Rausschmiss" kam für mich völlig unerwartet und erinnert stark an Kapitel 1, in welchem der Onkel ebenso plötzlich auf der Bildfläche erscheint. Zudem stellen sich mir folgende Fragen:

1. Sind diese nicht zu erwartenden Textpassagen typisch für Kafka?
    (Der Verschollene ist mein erstes Buch von Kafka, daher bin ich ziemlich ahnungslos)

2. Warum wird Karl von Herrn Green gehindert seinen Onkel rechtzeitig zu erreichen und somit seinen Rauswurf zu vermeiden?


     Gruß André
Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
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Offline Hubert

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #19 am: 19. Januar 2011, 00:08 »
Das Schwert könnte auch auf Justitia hindeuten. Schließlich wirkt das Treffen beim Kapitän durchaus wie eine Art Gerichtsverhandlung. Dass Karl als "Verteidiger" alles im Sinne seines Mandanten zu deuten versucht, wäre dann für mich auch einigermaßen plausibel.

Schöne Grüße, Niclas

Hallo Niclas,
hallo zusammen,

Natürlich ist das auch möglich, - zuerst wollte ich antworten aber Justitia wird ja nicht nur mit dem Schwert sondern zusätzlich mit Waage und Augenbinde dargestellt. Aber die Waage bedeutet ja, dass nach sorgfältiger Abwägung des Falles und ohne Ansehen der Person (Augenbinde) das Recht durchgesetzt wird (Schwert)  und Karl kämpft ja für den Heizer ohne Abwägung des Falles und mit Ansehen der Person also konnte Kafka auf die Attribute, Waage und Augenbinde verzichten. Sehr guter Hinweis!

Offline Hubert

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Lesestand: Anfang des 3. Kapitels
« Antwort #20 am: 19. Januar 2011, 00:13 »
Ich hatte den Eindruck, dass er nicht will, dass Karl diesen Herrn Pollunder begleitet. Stellt sich nur die Frage, warum nicht?

Hallo Katrin,
hallo zusammen,

das zweite Kapitel liest sich ja ganz flüssig: Karl genießt den Luxus im Hause des Onkels, er lernt Englisch, Klavier und Reiten und macht sich mit der ihm fremden Welt in New York vertraut. Das alles ist so anti-kafkaesk erzählt, dass man fast vergisst Kafka zu lesen. – Aber dann hat es mich doch noch umgehauen. Hier mal vier Zitate aus dem 2. Kapitel und ich hab’s eigentlich erst richtig beim vierten Zitat gemerkt (so selbstverständlich streut Kafka dies alles, sich steigernd in den Text ein):     

„Dieser Herr Pollunder schien überhaupt an Karl ein besonderes Gefallen zu finden, und während der Onkel und Herr Green wieder zu den geschäftlichen Besprechungen zurückkehrten, ließ Herr Pollunder Karl seinen Sessel nahe zu sich hinschieben,“

„Herr Pollunder schüttelte Karl ganz glücklich beide Hände, als wolle er sich so stark als möglich dessen vergewissern, dass Karl nun doch mitfahre.“

„Sie saßen eng beieinander, und Herr Pollunder hielt Karls Hand in der seinen, während er erzählte.“

„Karl aber lehnte froh in dem Arm, den Herr Pollunder um ihn gelegt hatte;“

Sicher kannte der Onkel diese homoerotische Seite von Pollunder und wollte nicht, dass Karl einen Nebenbuhler begleitete, denn Anfang des dritten Kapitels erfahren wir durch Green:

„… wie die Liebe des Onkels zu Karl zu groß sei, als dass man sie noch Liebe eines Onkels nennen könne.“

Offline Bluebell

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #21 am: 19. Januar 2011, 13:23 »
So, jetzt krieche ich auch kurz aus meinem Versteck.  :zwinker:
Ich habe "Amerika" ja ca. vor einem Jahr gelesen und war ganz hin und weg. Nun macht es Spaß, eure Gedanken mitzuverfolgen - manche passen ziemlich genau zu dem, was mir selber damals durch den Kopf ging, auf andere Interpretationen wäre ich nie gekommen. Und danke für diese Info:

da Kafka ja nie in Amerika war, konnte er sich natürlich nicht an die Freiheitsstatue erinnern, aber genau aus diesem Grund, hat er zu diesem Roman im Gegensatz zu allen anderen seiner Werke sehr viel recherchiert. D.h. er wusste genau was die Freiheitsstatue in Wirklichkeit in den Himmel hält.

Ich dachte nämlich auch eher, dass es ein Irrtum Kafkas war. So wie Shakespeare Böhmen ans Meer legte!  :breitgrins:
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Offline renquinist

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #22 am: 19. Januar 2011, 23:22 »
2. Warum wird Karl von Herrn Green gehindert seinen Onkel rechtzeitig zu erreichen und somit seinen Rauswurf zu vermeiden?


Ich denke, eben dies war der Auftrag des Onkels an Herrn Green. Er sollte dafür sorgen, dass Karl den Brief bekommt. Green jedenfalls bezeichnet das als "höheren Befehl". Dass die wahren Umstände (?) Karl von Beginn der Begegnung an planmäßig verschleiert werden liegt übrigens - soweit ich sehe - an Klara, die das Motiv für Greens Besuch Karl berichtet ("irgendein großes Geschäft für Papa"). Überhaupt ist das Verhältnis zu Klara wohl eher gestört und nicht einmal als bizarre Beziehung innerhalb des Nachvollziehbaren, oder?

Die eigentliche Problematik der bisherigen Verhältnisse wird dann - für mich völlig überraschend - sogar offen ausgesprochen: "Es lag ja schließlich nur an dem Mangel dieser offenen Aussprache, wenn er heute dem Onkel gegenüber etwas unfolgsam (...) gewesen war."

Die Zitate stammen übrigens allesamt aus Kapitel 3.

Schöne Grüße, Niclas
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Offline busbian

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #23 am: 20. Januar 2011, 09:12 »
Mal eine eher technische Frage: Wie sieht es denn mit der Lesegeschwindigkeit aus? Gibt es da irgendwelche Vorgaben? Jeden Tag ein halbes Kapitel, oder so? Anfang war ich etwas weiter, jetzt habe ich das Ende des dritten Kapitels schon erfahren, bevor ich es gelesen habe.

Ich finde aus dem dritten Kapitel folgende Stellen bezeichnend:

1. »Ich kann ja nichts«, sagte Karl nach Schluss des Liedes und sah Klara mit Tränen in den Augen an.
2. ...da ich noch keine Zeit hatte, hier wo alles erst noch im Werden ist,

Karl ist einfach nicht bereit für die Welt, die ihn in Amerika erwartet. Darum klammert er sich auch an die verschiedensten Rockzipfel (erst steht er Pollunder zwischen den Beinen, dann fasst er Green unten beim Rock), weil er nach einer Leitfigur (man könnte auch sagen Vaterfigur) sucht. Meine These  :zwinker:
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Offline Jaqui

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #24 am: 20. Januar 2011, 09:48 »
Hallo,

in punkto Lesegeschwindigkeit gibt es keine Vorgaben, der eine liest schneller, der andere langsamer. Um zu vermeiden, dass man was erfährt, was man nicht wissen will, sollte man am Anfang seines Beitrages dazu schreiben, wie weit man ist.

Katrin

Offline minthy

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #25 am: 21. Januar 2011, 08:59 »

2. Warum wird Karl von Herrn Green gehindert seinen Onkel rechtzeitig zu erreichen und somit seinen Rauswurf zu vermeiden?


Im ersten Moment dachte ich,dass für Herrn Green Karls Verschwinden eine wirtschaftliche Bedeutung hat,wenn Karl der Erbe des onkelschen Imperiums wäre...

Ich bin mittlerweile schon im Kapitel um das Hotel Occidental.

Beim Lesen ist mir folgender Satz aufgefallen:

["Dann sind Sie also frei?",fragte sie."Ja,frei bin ich" sagte Karl und nichts schien ihm wertloser.]

Karl ist schon wieder allein.Erst die Eltern,dann der Onkel und nun seine Wegbegleiter Robinson und Delamarche.
Das könnte das Hauptmotiv sein,passend zum Titel des Buchs "der Verschollene".
Obwohl in Karls Fall das ein ziemlich bitteren Beigeschmack hat,denn normalerweise macht man sich auf die Suche nach Verschollenen.Aber niemand sucht Karl,alle wolllen ihn loswerden und hören niemals wieder etwas von ihm.

Offline Hubert

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #26 am: 21. Januar 2011, 22:01 »
Sind diese nicht zu erwartenden Textpassagen typisch für Kafka?
(Der Verschollene ist mein erstes Buch von Kafka, daher bin ich ziemlich ahnungslos)

Hallo André,

obwohl „Der Verschollene“ imo sehr unkafkaesk ist, wenn man diesen ersten Roman mit den beiden folgenden „Das Schloss“ und „Der Prozess“ vergleicht, die sehr viel düsterer und undurchsichtiger sind, so kommen gerade auch unerwartete Textpassagen und unvorhergesehene Wendungen des Geschehens auch in diesen beiden Romanen vor.

Gruß

Hubert

Offline Hubert

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Nach Beendigung des 3. Kapitels
« Antwort #27 am: 21. Januar 2011, 22:04 »
Hallo zusmmen,

gestern Abend habe ich das dritte Kapitel zu Ende gelesen. Was haltet Ihr von folgender Interpretation?

Karl lebte bei seinem Onkel wie im Paradies. Er wird zu etwas Verbotenem verführt. (von Pollunder zu einem Besuch in dessen Landhaus). Dafür wird er jetzt im 3. Kapitel mit der Vertreibung quasi aus dem Paradies bestraft.

Eigentlich ist dies eine Variation des 1. Satzes von Kapitel eins.

Auch dort lebte Karl noch im „Paradies“ (bei seinen Eltern). Er wird zu etwas Verbotenem verführt (vom Dienstmädchen) und dafür mit der Verbannung (nach Amerika) bestraft.

busbian hatte ja schon darauf hingewiesen, dass wir den Roman nicht naturalistisch lesen dürfen, da Kafka Parabeln schreibt und beispielhafte Bilder.

Wenn aber in dem Roman „Der Verschollene“ beispielhafte Bilder für Genesis Kap. 3 (Die Vertreibung aus dem Paradies) beschrieben werden, kann man dann die Freiheitsstatue mit dem Schwert, nicht als Cherubim deuten, der nach der Vertreibung aus dem Paradies den Weg zum Baum des Lebens mit dem flammenden, blitzenden Schwert bewacht?

Grüße

Hubert


Offline Bluebell

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #28 am: 23. Januar 2011, 13:47 »
Hallo Hubert,

deine Interpretation mit der Vertreibung aus dem Paradies gefällt mir sehr gut! Und das ist tatsächlich ein Motiv, dass sich in gewisser Weise den Roman hindurch mehrmals wiederholt.

Übrigens kristallisiert sich durch deine Zusammenstellung der homoerotischen Stellen auch einiges heraus. Ich kann mich zwar erinnern, dass ich beim Lesen auch manchmal so eine diffuse Ahnung hatte, aber wirklich deutlich wurde es mir erst jetzt durch dein explizites Aneinanderreihen.

Ein Punkt, in dem ich übrigens mit dir übereinstimme, ist folgender:

Nun ja, ich will nicht zu hart urteilen: Karl ist Sechzehn. 

Für Alfa_Romea aus dem Literaturschockforum waren Karls Naivität und seine überstürzten Schlussfolgerungen einer der Hauptgründe, warum ihr das Buch ziemlich auf die Nerven ging. Das war bei mir nicht so, ich fand es eher beeindruckend, wie überzeugend sich der Autor in dieses sechzehnjährige Kind versetzen - fast bin ich geneigt, zu sagen "verwandeln" - konnte.

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Offline Jaqui

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Antw:Franz Kafka - Amerika (Der Verschollene)
« Antwort #29 am: 25. Januar 2011, 20:33 »
Hallo,

ich stecke nach wie vor mitten im dritten Kapitel und komme nur sehr langsam voran.

Das mit der ganzen Homoerotik wäre mir bewusst gar nicht aufgefallen, erst als ich es hier so aufgeschlüsselt gelesen habe, wurde mir klar, dass mir das die ganze Zeit schon ins Auge gestochen ist. Ich es aber nicht benennen konnte was es ist.

Eure ganzen Eindrücke über das Paradies und so finde ich aber sehr interessant. So habe ich das ganze noch gar nicht gesehen. Das erste Mal als ich das Buch las, habe ich es als Roman gelesen ohne groß auf Metaphern und ähnliches zu achten. Das ist beim zweiten Lesen ganz anders.

Katrin