Autor Thema: Februar 2011: A. Stifter: Der Nachsommer  (Gelesen 12088 mal)

Offline Lost

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #30 am: 12. Februar 2011, 20:15 »
, den Aufsatz von W.G.Sebald über Stifter lesen.

Falls du diesen Aufsatz als erleuchtend empfinden solltest, melde dich kurz, dann bestelle ich mir das Buch auch  :zwinker:

Dar Aufsatz "Bis an den Rand der Natur, Versuch über Stifter", findet sich in: W.G. Sebald, Die Beschreibung des Unglücks.

Sebald sieht im "Nachsommer"  einen utopischen Gegenentwurf zur zeitgenössischen Literatur. Anders als ich armer Leser, hat er natürlich die wissenschaftliche Distanz eines Pathologen und untersucht diesen Aspekt ohne zu werten. Den größten Teil seiner Betrachtungen über Stifter widmet er aber einem Psychogramm des Dichters, das er aus den Erzählungen entwickelt. Stifters Naturschilderungen werden zur "Portraitierung weiblicher Wesen", päderastische Neigungen werden Stifter unterstellt und von Fetischismus ist die Rede.

Wenn ich dieses mit meinen Eindrücken aus den ersten 6 Kapiteln verbinde, so  muss Stifter ein Mensch gewesen sein, der sich in jedem Detail unverstanden gefühlt hat, der seine Umwelt innerlich ablehnte, ihr mit Angst begegnete und  in literarische Tagträume einer idealen Welt flüchtete.

Die geologischen Betrachtungen haben mir übrigens gefallen, die Fragestellungen unseres Autodidakten lassen sich nachempfinden. Aufgefallen ist mir, dass Stifter in einigen Kapiteln die Himmelsrichtungen durch Tageszeiten benennt, im Kapitel, das zum Teil auf dem Sternenhof spielt, aber die direkten Bezeichnungen verwendet.
Das hat bestimmt tiefe tiefenpsychlogische Gründe, die tiefsinnig zu analysieren sind. Dazu sein meine Kenntnisse allerdings nicht vertieft genug ;-)

Offline Lost

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #31 am: 13. Februar 2011, 11:52 »
Im Kapitel "Die Annäherung" liest man folgende Stelle, nachdem die Marmorstatute eines Mädchens begutachtet wurde:
Zitat
Wenn nun vollends schon eine schwache Abenddämmerung eingetreten ist, so zeigt die Oberfläche des Marmors den Widerschein der Blitze, und während wir so auf und nieder gingen, war einige Male der reine, kalte Marmor wie in eine Glut getaucht, und nur die hölzernen Türen standen dunkel in dem Feuer oder zeigten ihre düstere Fügung.


Folgt man Sebald, so lassen sich diese Sätze in reine Pornographie übersetzen.

Offline Anita

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #32 am: 13. Februar 2011, 13:30 »
Sagen wir mal so, wo du das nun gerade so ansprichst aus Sebalds Mund, hier haben wir einen jungen Mann, namens Heinrich, der zwar ab und an eine gewisse Natascha anschaut, der Leser mitbekommt da könnten irgendwelche Gefühle aufkommen, aber von Verpaarungen im Menschengeschlecht ist nirgendwo Platz. Vögel verpaaren sich überall, aber noch nicht einmal der Alte geht andeutungsweise vielleicht so bisschen, so ein winziges bisschen mit Mathilde Händchen halten, nein nirgendwo ...  :angst:

So, wo du das sagst, eine sexuelle Anspielung bei dieser wunderschönen Marmorfigur eines Mädchen habe ich schon aus dieser Szene heraus gelesen, der Junge ist voll im Saft, er kann ja nicht nur in Wissenschaft und ab dem zweiten Band in Kunst leben, körperliche Ansprüche hat man doch auch ... oder?
« Letzte Änderung: 13. Februar 2011, 17:19 von Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Lost

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #33 am: 13. Februar 2011, 13:46 »
Tja Anita, die hormonelle Seite unseres Erzählers wird angedeutet bei seinen ersten Erwähnungen weiblicher Wesen. Was mich nun fragen lässt, nach Sebalds Aufsatz, ist: was steckt hinter den Umschreibungen was sich auf den Dichter Stifter selbst bezieht. Die ganze Erzählung ist ja ein Tagtraum, völlig undifferenziert, was die Beschreibung des Lebens angeht, erstaunlich differenziert, was Wissen und Erkenntnis betrifft.

Offline Anita

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #34 am: 13. Februar 2011, 17:25 »
Die ganze Erzählung ist ja ein Tagtraum, völlig undifferenziert, was die Beschreibung des Lebens angeht, erstaunlich differenziert, was Wissen und Erkenntnis betrifft.

Okay, wenn dies dann wirklich so sei, dann ist vielleicht das Küken noch zu jung, warten wir der Jahre ab bis es zur Knospe erwacht und sich der Akt völlig undifferenziert ins Lebens anschmiegt  :breitgrins:
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline sandhofer

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #35 am: 13. Februar 2011, 17:44 »
Pythagoras, bzw. die Scholastik, war der Meinung, man könnte Gott intellektuell, v.a. über die Mathematik erfassen. "Gott muss Mathematiker sein." Erinnert mich irgendwie an den jungen Ich-Erzähler hier bei Stifter.


Sebald ... ich war drauf und dran, mich für diesen Autor zu interessieren, aber, wenn er wirklich solchen Quatsch von sich gibt:

Stifters Naturschilderungen werden zur "Portraitierung weiblicher Wesen", päderastische Neigungen werden Stifter unterstellt und von Fetischismus ist die Rede.

Nö. Muss nicht sein.

Billige Laienpyschologie. Da hat einer zu viel Freud gelesen. Nu hat er rhethorisches Bauchgrimmen und intellektuelle Diarrhoë.  :grmpf:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Lost

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #36 am: 13. Februar 2011, 18:44 »
Pythagoras, bzw. die Scholastik, war der Meinung, man könnte Gott intellektuell, v.a. über die Mathematik erfassen. "Gott muss Mathematiker sein." Erinnert mich irgendwie an den jungen Ich-Erzähler hier bei Stifter.


Sebald ... ich war drauf und dran, mich für diesen Autor zu interessieren, aber, wenn er wirklich solchen Quatsch von sich gibt:

Stifters Naturschilderungen werden zur "Portraitierung weiblicher Wesen", päderastische Neigungen werden Stifter unterstellt und von Fetischismus ist die Rede.

Nö. Muss nicht sein.

Billige Laienpyschologie. Da hat einer zu viel Freud gelesen. Nu hat er rhethorisches Bauchgrimmen und intellektuelle Diarrhoë.  :grmpf:

Nicht abschrecken lassen. Sebalds Prosa (beim Nachsommer fand ich Stellen, die mir rhythmisch ähnlich klangen), hat einen eigenen Charakter.
Eine Biographie über Stifter habe ich nicht gelesen, die kurzen Lebensbeschreibungen aus dem Internet haben bei mir aber auch den Eindruck geweckt, Stifter hätte auf die Ledercouch gehört.

Offline sandhofer

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #37 am: 13. Februar 2011, 20:37 »
die kurzen Lebensbeschreibungen aus dem Internet haben bei mir aber auch den Eindruck geweckt, Stifter hätte auf die Ledercouch gehört.

Wie einer meiner Lieblinge, Zeit-, Religions- und Landsgenosse von Siegmund (nämlich Karl Kraus) einmal geschrieben hat: "Psychoanalyse ist die Krankheit, für deren Heilung sie sich hält." ...  :breitgrins:
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Offline Sir Thomas

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #38 am: 14. Februar 2011, 10:30 »
Billige Laienpyschologie. Da hat einer zu viel Freud gelesen.

Ich kann dieses Psychologisieren auch nur schwer bis garnicht ertragen. Wenn ich bedenke, wie viel Stuss in der Sekundärliteratur zu Kafka verfasst wurde, sollten wir Stifter vielleicht ein wenig verschonen ...  :zwinker:

Ich bin mittlerweile tief in den zweiten Band vorgestossen. Die Betrachtungen und Reflektionen über Literatur und Kunst gefallen mir ausgesprochen gut - jedenfalls besser als die naturwisschenschaftlichen Gedanken des ersten Bands. Ich muss meine Eindrücke noch ein wenig sortieren und komme ggf. später darauf zurück.

Viele Grüße

Tom 

Offline Sir Thomas

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #39 am: 14. Februar 2011, 13:57 »
Stifters Kunstverständnis und -ästhetik

Obwohl der sog. „Gastfreund“ das geschriebene Wort der Dichter in einem seiner langen Monologe als die höchste aller Künste preist und verehrt (und damit sicher die Meinung des Autors wiedergibt), verwendet er später ein Werk der bildenden Kunst, um seine ästhetischen Ansichten zu erläutern – und zwar die griechische Marmorstatue.

«Das ist eben das Wesen der besten Werke der alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der höchsten Kunst überhaupt, dass man keine einzelnen Theile oder einzelnen Absichten findet, von denen man sagen kann, das ist das schönste, sondern das Ganze ist schön, von dem Ganzen möchte man sagen, es ist das schönste; die Theile sind blos natürlich.» Darin scheint mir so etwas wie des Pudels Kern zu liegen. In diesem Sinne hat Stifter vielleicht auch den „Nachsommer“ als Werk konzipiert, dessen Einzelteile nur in der Gesamtschau zur Wirkung gelangen.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass die Werke der griechischen Antike als Ausdruck heiterster Gemütsverfassung interpretiert werden. Hier fällt Stifter weit zurück in die Zeiten Winckelmanns, Schillers und Goethes. Auch wenn Nietzsches „Geburt der Tragödie ...“ erst 15 Jahre nach dem „Nachsommer“ erschien: War die Sichtweise der griechischen Antike („glücklich, unbefangen und heiter“) zu Stifters Zeiten nicht längst einer realistischen Betrachtung gewichen? Ich bin nicht sicher und wüsste auch nicht, wo man das einmal nachschlagen könnte.

LG

Tom

Offline Anita

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #40 am: 14. Februar 2011, 14:57 »
«Das ist eben das Wesen der besten Werke der alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der höchsten Kunst überhaupt, dass man keine einzelnen Theile oder einzelnen Absichten findet, von denen man sagen kann, das ist das schönste, sondern das Ganze ist schön, von dem Ganzen möchte man sagen, es ist das schönste; die Theile sind blos natürlich.» Darin scheint mir so etwas wie des Pudels Kern zu liegen. In diesem Sinne hat Stifter vielleicht auch den „Nachsommer“ als Werk konzipiert, dessen Einzelteile nur in der Gesamtschau zur Wirkung gelangen.

Nicht nur in der Kunst, sondern generell, auch der Mensch soll aus diesem Schauplatz nicht herausfallen, sich einordnen und zur großen Harmonie eins werden. Ja, so lese ich auch den "Nachsommer"  :smile:
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Lost

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #41 am: 14. Februar 2011, 21:10 »
Ich kann mich mit dieser Erzählung auch nach 13 Kapiteln nicht anfreunden. Es gibt Dialoge, wenn die auf die Bühne bringt, bricht im Publikum eine Lachpanik aus. Diese total vergeistigten Figuren,  ohne jede Widersprüche, die sich nur gegenseitig Stichworte für Erörterungen geben und so ziemlich alles ausblenden, was in ihrer Zeit an bedeutenden Veränderungen geschehen sind, die, wenigstens bis jetzt, nichts davon  in ihre Debatten davon einfließen lassen, obwohl ihre Themen, Kunst, Naturwissenschaften, Geographie in Aufruhr waren, sie bleiben mir in Allem fremd, Aliens.

Offline Sir Thomas

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #42 am: 15. Februar 2011, 09:07 »
Diese total vergeistigten Figuren ... sie bleiben mir in Allem fremd, Aliens.

Natürlich sind uns diese Menschen, deren Gefühle und Empfindungen in edel knisterndes Seidenpapier eingewickelt sind und die sich gegenseitig mimosenhaft schonen zutiefst fremd. Ich glaube aber, dass Stifter für uns noch etwas bereithält und dass unter der Oberfläche des schönen Scheins der eine oder andere Abgrund sich öffnen wird.

LG

Tom   

Offline Lost

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« Antwort #43 am: 15. Februar 2011, 10:57 »
Diese total vergeistigten Figuren ... sie bleiben mir in Allem fremd, Aliens.

Natürlich sind uns diese Menschen, deren Gefühle und Empfindungen in edel knisterndes Seidenpapier eingewickelt ...   

Ich bewundere solche Worte  :winken:


Hoffen wir, dass Stifter wenigstens Agatha Christie gelesen hat und spätestens auf der letzen Seite das Kartenhaus zusammen fällt  :zwinker:

Offline Anita

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Antw:Adalbert Stifter: Der Nachsommer
« Antwort #44 am: 15. Februar 2011, 12:21 »
Ich glaube aber, dass Stifter für uns noch etwas bereithält und dass unter der Oberfläche des schönen Scheins der eine oder andere Abgrund sich öffnen wird.

Mir scheint es im Moment darauf hinaus zu laufen, dass nach Wissenschaft und Kunst, die Liebe ins Spiel kommt, und gar kein Abgrund. Vielleicht dann später ... denn:
Gestern kam mir der Gedanke, obwohl ich zunächst dachte, dass sich Stifter gegen die Romantiker ausgesprochen hätte, so las ich die Stelle mit den Schwulstdichtern, die die Natur erhöhen und ins falsche Licht rücken. Doch wie viel Romantik steckt in Stifter oder im "Nachsommer". Bisher ist alles nur schön und harmonisch, da fehlt noch was.
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