Stifters Kunstverständnis und -ästhetik
Obwohl der sog. „Gastfreund“ das geschriebene Wort der Dichter in einem seiner langen Monologe als die höchste aller Künste preist und verehrt (und damit sicher die Meinung des Autors wiedergibt), verwendet er später ein Werk der bildenden Kunst, um seine ästhetischen Ansichten zu erläutern – und zwar die griechische Marmorstatue.
«Das ist eben das Wesen der besten Werke der alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der höchsten Kunst überhaupt, dass man keine einzelnen Theile oder einzelnen Absichten findet, von denen man sagen kann, das ist das schönste, sondern das Ganze ist schön, von dem Ganzen möchte man sagen, es ist das schönste; die Theile sind blos natürlich.» Darin scheint mir so etwas wie des Pudels Kern zu liegen. In diesem Sinne hat Stifter vielleicht auch den „Nachsommer“ als Werk konzipiert, dessen Einzelteile nur in der Gesamtschau zur Wirkung gelangen.
Mir ist übrigens aufgefallen, dass die Werke der griechischen Antike als Ausdruck heiterster Gemütsverfassung interpretiert werden. Hier fällt Stifter weit zurück in die Zeiten Winckelmanns, Schillers und Goethes. Auch wenn Nietzsches „Geburt der Tragödie ...“ erst 15 Jahre nach dem „Nachsommer“ erschien: War die Sichtweise der griechischen Antike („glücklich, unbefangen und heiter“) zu Stifters Zeiten nicht längst einer realistischen Betrachtung gewichen? Ich bin nicht sicher und wüsste auch nicht, wo man das einmal nachschlagen könnte.
LG
Tom