Autor Thema: Franz Kafka: Erzählungen  (Gelesen 15545 mal)

Offline Steffi

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Antw:Ranking der gelesenen Erzählungen
« Antwort #105 am: 14. Juni 2011, 12:35 »
Also dann versuche ich mich auch mal an einer Reihenfolge:


1. Die Verwandlung

2. Das Urteil

3. In der Strafkolonie

4. Ein Landarzt

5. Ein Hungerkünstler

6. Ein Bericht für eine Akademie


Das war jetzt eine ganz spontane Entscheidung. Die Verwandlung gefällt mir, weil sie so vielfältig ist und mir bei jedem Lesen viele neue Dinge auffallen, aber doch immer noch manches rästelhaft bleibt oder neue Rätsel entstehen. Beim Urteil gefiel mir die klare Aufteilung von Normalität, Wendepunkt, Irrsinn - auch wie die Abhängigkeit der beiden ausgearbeitet war und Schmerz dahinter. In der Strafkolonie war auch wieder dieser Irrsinn gepaart mit der Gewalt.
Landarzt und Hungerkünstler haben mich nicht so angesprochen, da passierte nicht so viel bei mir. Am schlechtesten kommt der Bericht für eine Akademie weg, ich mochte schon immer keine Erzählungen, in denen Tiere als Menschen dargestellt werden; Fabeln ausgenommen.

Gruß von Steffi

Offline Bluebell

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Antw:Franz Kafka: Erzählungen
« Antwort #106 am: 14. Juni 2011, 14:00 »
Ich würde die Trennlinie zwischen "besser" und "schlechter gefallener" Hälfte auch so ziehen wie Steffi. Mit der konkreten Reihung tue ich mich schwer, aber ich versuch's mal:

1. In der Strafkolonie

Dann ziemlich gleichwertig:

2. Das Urteil
3. Die Verwandlung

Und wiederum ziemlich gleichwertig:

4. Ein Bericht für eine Akademie
5. Ein Hungerkünstler
6. Ein Landarzt

Also eigentlich würde ich lieber einen ersten, zwei zweite und drei dritte Plätze vergeben, das käme meinen Eindrücken eher entgegen.
"Date a girl who reads. Date a girl who spends her money on books instead of clothes. She has problems with closet space because she has too many books. Date a girl who has a list of books she wants to read, who has had a library card since she was twelve."

Offline Hubert

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Zusammenfassendes Ranking
« Antwort #107 am: 18. Juni 2011, 23:31 »
Hallo Steffi,
hallo Bluebell,

dass die Bewertung von Kafkas Erzählungen unterschiedlich ausfallen würde hatte ich schon geahnt, aber manche Bewertungen sind ja gerade entgegengesetzt: So wird die „Strafkolonie“ von Bluebell auf Platz 1 und von mir auf Platz 6 gesetzt und den „Bericht ….“ sehe ich auf Platz 1, Steffi aber auf Platz 6, - umso erstaunlicher, dass wir alle Drei das „Urteil“ auf Platz 2 sehen.

Ich habe mal ein zusammenfassendes Ranking erstellt und dabei pro 1. Platz sechs Punkte, pro 2. Platz fünf Punkte usw. vergeben. Das ergibt folgendes Gesamtbild:

1. Das Urteil (15 Punkte)

2. Die Verwandlung (12 Punkte)

3. In der Strafkolonie (11 Punkte)

4. Ein Bericht für eine Akademie (10 Punkte)

5. Ein Hungerkünstler (8 Punkte)

6. Ein Landarzt (7 Punkte)

Fazit: Nicht jede Erzählung gefällt allen gleich gut, aber letztendlich hat Kafka für Jede/n etwas zu bieten!

Offline Hubert

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Danke
« Antwort #108 am: 26. Juni 2011, 03:12 »
Hallo Steffi,
hallo Bluebell,

leider ist unsere Leserunde schon zu Ende. Ich zumindest habe im Laufe der Leserunde viel über Kafka gelernt und mein Kafkabild hat sich innerhalb der Leserunde verändert. Dazu habt ihr Beide durch eure Beiträge, Anmerkungen, Fragen keinen unwesentlichen Anteil beigetragen. Dafür meinen aufrichtigen Dank verbunden mit der Hoffnung, dass wir uns hoffentlich bald in einer anderen Leserunde wieder zusammen finden.

Liebe Grüße

Hubert     

Offline Bluebell

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Antw:Zusammenfassendes Ranking
« Antwort #109 am: 26. Juni 2011, 12:18 »
Fazit: Nicht jede Erzählung gefällt allen gleich gut, aber letztendlich hat Kafka für Jede/n etwas zu bieten!

 :klatschen:

In diesem Sinne auch von mir ein Dankeschön für die Leserunde mit euch, bei Gelegenheit gerne wieder! Und ein extra Danke für Huberts umfangreiche Zusatzrecherchen, zu denen mir selber die Muße gefehlt hat - aber diese mundgerechten Happen habe ich gerne angenommen!  :breitgrins:
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Offline Steffi

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Antw:Franz Kafka: Erzählungen
« Antwort #110 am: 27. Juni 2011, 10:41 »
Ja, ich habe auch einige neue Einsichten zu Kafka bekommen und sicherlich auch eine neue, differenziertere Lesart für seine Metaphern. Vielen Dank für diese schöne und interessante Leserunde !
Gruß von Steffi

Offline Hubert

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Kafkas letzte Liebe
« Antwort #111 am: 4. September 2011, 21:48 »
Deinen Link zu dem Artikel von Martin Walser habe ich vorhin im Materialordner gelesen und kommentiert, und jetzt sehe ich gerade erst deinen Kommentar hier:

Diese Besprechung zeigt natürlich auch Walsers Meisterschaft der kurzen Form, gibt aber auch einen Einblick in Kafkas Schreibweise und hat , obwohl ich das nicht mehr für möglich hielt, mein Kafka-Bild noch mal verändert! (-> „Kafkas Stil und Sterben“). Erst von Walser habe ich erfahren, dass Kafka nicht nur an Lungen TB, sondern auch an Kehlkopf TB litt und deshalb selbst verhungerte! 

*unterschreib*

Was Walser in seinem Text „Kafkas Stil und Sterben“ erwähnt gibt’s jetzt als Roman:

Am Samstag hab ich wieder mal in einer Buchhandlung gestöbert und dabei das folgende Buch entdeckt: „Die Herrlichkeit des Lebens“ des in München geborenen und in Berlin lebenden Autors Michael Kumpfmüller. Erzählt werden die letzten Tage des Doktors (der Name Franz Kafka wird im Text nicht genannt), und die Liebe zwischen ihm und Dora Diamant. Kumpfmüller hat Kafkas Tagebuchnotizen und seine Briefe in die Erzählung eingearbeitet, aber imo wäre das Buch auch lesenswert, wenn man nicht wüsste, dass der Doktor einer der großen Autoren des 20. Jahrhundert ist, lesenswert als Roman über die Liebe und den Tod. 

Offline dolores69

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Antw:Franz Kafka: Erzählungen
« Antwort #112 am: 3. Oktober 2011, 02:20 »
Hallo,

da bin ich ja immernoch ein Neuling in der Runde, habe aktuell auch gar kein Kafka gelesen, aber trotzdem wollte ich gerne von einem Erlebnis mit Kafkas "In der Strafkolonie" erzählen:

Ich war im Literaturkurs der 12. oder 13. Klasse eines humanistischen Gymnasiums. Unser Lehrer, den ich sehr schätzte, stellte ein Tonband ein, und uns wurde in einer Audioaufnahme die Kafka Erzählung vorgespielt. Ich versuche mal - ungefiltert, wirklich unreflektiert - darzustellen, was damals mit mir geschah. Kurz vorweg gesagt, mir ging es damals psychisch sehr schlecht:

Es gab das Intro, die Einführung in die Szene. Da war dann der Mann, war er nicht Wächter, der auf das Folterinstrument gespannt wurde? Langsam aber kontinuierlich wurde ihm sein Vergehen in die Haut tätowiert. Die Aufseher sahen der Ausführung zu. So hatte es seine Richtigkeit. Alles ging seinen Gang. Der Deliquent wußte nichts von seinem Verbrechen, obwohl er - was für ein Hohn - an der Eintätowierung seines Verbrechens über kurz oder lang zu Grunde gehen würde.
Es wurde ihm auf dem Leib tätowiert, überall war er davon betroffen. Das Verbrechen! Welches Verbrechen? Egal, Du hast das Verbrechen begangen, Du gehst daran zugrunde. Alle könnten es jetzt sehen, aber ich weiß' nicht, wegen welchen Verbrechens ich gerade sterbe!
Alle können es sehen, ich gehe kaputt, aber ich weiß' es nicht, was habe ich denn gemacht! Es ist an meinem ganzen Körper, aber was ist denn nun meine Schuld?
Ich sterbe, werde ich nie wissen warum?

Ausgehalten habe ich das bis zu der Stelle mit dem Abfließen des Blutes in Rinnen, dann bin ich rausgerannt und fand mich heulend auf der Damentoilette wieder. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Mir ging es schlecht, ich hatte wenige Monate davor versucht, mich umzubringen, und diese Geschichte hatte alles beschrieben: Etwas schreibt mir eine Schuld in den Körper/in die Seele, die mich umbringt, die ich nicht kenne, gegen die ich mich nicht verteidigen kann. Die nicht zu ertragen ist, die ich nie mehr los werde.

Mein Deutschlehrer hat nach meinem Auftritt die Aufnahme, wie ich hörte, abgebrochen, ich selbst lebe auch immernoch....

Aber auch gerade Kafka hat mir in Bezug auf "die Sünden der Väter..." aus der Bibel die Augen geöffnet. Das ist keine Drohung, das ist eine Beschreibung.

Die Geschichte geht auch irgendwie zuende, das habe ich später gelesen und auch wieder vergessen. Bei mir endet die Geschichte mit dem Ablaufen des Blutes. Es war das Eindringlichste, was ich je gehört habe.