Hallo ihr Lieben,
erst einmal Entschuldigung für die lange Funkstille! Ich hatte ja schon geahnt, dass ich ab März nicht mehr so viel im Forum sein kann, und das hat sich leider bewahrheitet.
Ich habe aber sowohl das "Urteil" als auch eure Kommentare gelesen und möchte natürlich zumindest ein bisschen was dazu sagen!
Genau wie Steffi habe ich die Geschichte als sehr intensiv empfunden - zu Beginn noch nicht so sehr, aber ab dem Beginn des Gesprächs mit dem Vater war da wieder dieser surreale, übermächtige Touch. Zum ersten Mal so richtig gestutzt habe ich aber erst, als Georg den vorher als hünenhaft beschriebenen Vater ("Mein Vater ist immer noch ein Riese", sagte sich Georg) plötzlich auf seinen Armen zum Bett trägt. Spätestens da war wieder der Eindruck da, mich in einem Traum zu befinden, wo ja ständig solche absurden Sachen passieren, ohne dass man sie groß in Frage stellt. Die vertauschten Rollen (Georg deckt den Vater dann auch noch wie ein kleines Kind zu etc.) hatten schon etwas Unheimliches für mich.
Gibt es den Freund in Russland wirklich, oder nur in Georgs Phantasie. Für beides gibt es Argumente – was meint ihr?
Ich habe mich noch nicht entschieden!

Während des Lesens war ich hin- und hergerissen - im ersten Teil der Geschichte nahm ich natürlich (?) einfach so hin, dass er real ist. Als der Vater seine Existenz dann leugnet, kam so der "Wow!"-Effekt und ich glaubte ihm gleich. Und als er wiederum zum Schluss behauptet, es gibt den Freund doch, war mein erster Gedanke: das sagt er jetzt nur, um seinen Sohn doch noch irgendwie auszutricksen - Hauptsache, er erlangt wieder die Macht über ihn. Dass ein erwachsener Mann die Korrespondenz seines Sohnes in dieser Weise sabotiert haben und dazu noch so Theater gespielt haben soll, kam mir einfach zu absurd vor.
So nach und nach war ich aber doch versucht, ihm zu glauben, und schließlich dachte ich: gut, er hat wohl die Wahrheit gesagt.
Und als ich fertig war, war ich mir plötzlich wieder gar nicht so sicher ...

Am Schluss hat mir besonders gefallen, dass er wirklich eine Handvoll plausibler Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Meine war wegen der von Hubert zitierten Stelle ("den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon") aber eigentlich auch:
4. Am Ende sind Georg und der Vater tot. (Das ist meine Sichtweise)
Für mich blieb außerdem der Eindruck zurück, dass der Vater am Ende eben doch irgendwie "gewonnen" hat. Er kann's halt nicht mehr auskosten!

Danke übrigens Hubert für die interessanten Infos zur Veröffentlichungsgeschichte!
Und zum Schluss noch ganz kurz etwas zu "Amerika":
Brunelda und den Handlungsstrang rund um sie fand ich dermaßen anstrengend, dass ich mich ganz schön zum Durchhalten überwinden musste.
Imo sagt dieser Handlungsstrang auch etwas über Kafkas Frauenbild aus, oder wie denkt ihr darüber?
So habe ich das noch gar nicht gesehen, bzw. hätte ich Kafka in dieser Hinsicht eigentlich nichts unterstellt ... werde ich mir aber noch durch den Kopf gehen lassen ...