In meiner Umgebung ist das nicht mehr gratis, da die Komunen einfach sparen (am falschem Ende m. M. n.) und nun auch von Kindern und Jugendlichen 10 € Jahresbeitrag berappen, und so viel ich weiß gilt dort keine Sonderregelung für Hartz IV Kinder. Das ist ein geringes Entgelt, sicherlich, aber für manche doch unerschwinglich. Und da ich nicht möchte, dass eine künftige Leseratte dieses Geld klaut, könnte man doch ...
Natürlich sollte es gratis sein. Aber an den 10 Euro liegt's sicher nicht. Das sind Beträge, die dann für etwas bereit stehen, wenn dieses etwas als erstrebenswert angesehen wird. (Es dürfte ja offenkundig sein, dass, selbst wenn man diese 10 Euro für die Bibliotheksbenützung abschaffen würde, es deshalb in der betreffenden Stadt nicht einen jugendlichen Hartz IV-Benutzer mehr gäbe. Oder verfolge das Gedankenbeispiel von zuvor weiter: Wer von den plötzlich mit den 3000 Euro Bedachten wird dann erstmal erleichtert feststellen, dass er nun endlich die bisher unerschwinglichen 10 Euro für die Bücherleihe zahlen könne

.) Die Frage stellt sich anders: Wie schafft es die Gesellschaft, Bildung (Bücher, Lesen) nicht als langweilig, antiquiert, verstaubt darzustellen, sondern als spannend, interessant, wichtig, "cool", als ein Akzidens, das in einer Peer-Group vorzeigbar ist, den Status erhöht? Das lässt sich nicht auf Knopfdruck ändern, kann wahrscheinlich nur vorgelebt werden (von Eltern, Lehrern, Politikern ...).
Wichtig aber ist nicht nur diese Statuserhöhung durch Wissen (sonst endet man wie Guttenberg & Co, die ihre Doktortitel einzig des Renomees wegen haben wollten), noch wichtiger scheint, dass man den Spaß an Bildung vermittelt. Ich lese ja auch nicht, um zu imponieren oder Geld zu verdienen (das mag ein angenehmer Nebeneffekt sein), sondern weil's mir Freude macht. (Sodass ich, wenn ich spät nachts das Licht lösche und das Buch weglege, mich auf den nächsten Morgen freue, der mir ein Weiterlesen verspricht.) Ob Geistes- oder Naturwissenschaftliches: Das Schöne, Spannende, Interessante daran muss vermittelt werden - und das kann man auch. Ist allerdings anstrengend und stößt auf Schwierigkeiten: Meiner Erfahrung nach sind diese vor allem bürokratischer (in allen Bildungsinstitutionen wird hauptsächlich auf "Pläne" geachtet, diese dienen als Feigenblatt für Unsinnigkeiten und eingebildete Notwendigkeiten) bzw. gesellschaftlich-psychologischer Natur (ob klein, ob groß, die Frage nach dem "und wozu kann ich das brauchen", wobei "brauchen" für ökonomischen Nutzen steht, kommt allerorten, nicht nur der Schüler, auch der Student beschwert sich "Sprachphilosophie, ach, brauch ich nicht, ich geh ja ohnehin nur unterrichten").
Frau Merkel ist im übrigen ein gutes Beispiel für die Nutzlosigkeit naturwissenschaftlicher Kompetenz, da ihre Entscheidungen von diesem ihrem Wissen offenbar nicht im mindesten berührt werden. Sie unterscheidet sich damit nicht vom civis communis, der seine Entscheidungen ähnlich pragmatisch-egoistisch trifft: Auch wenn der Einzelne vielleicht von der Unsinnigkeit einer Maßnahme überzeugt ist, so wird er sie dann begrüßen, wenn sie ihm einen (finanziellen) Vorteil verspricht.
Im Grunde enden solche Diskussionen immer in der Sehnsucht nach einem "neuen Menschen", einem Menschen, der nicht nur gebildet, informiert ist (die Voraussetzung), sondern der dieses sein Wissen verantwortlich einsetzt und seine Handlungen entsprechend setzt. Die Erfahrung aber zeigt, dass Wissensvorsprung, Kompetenz etc. sowohl für egoistische Interessen eingesetzt werden kann (weshalb der intelligente Verbrecher der gefährlichere ist) als auch für vernünftige, vielleicht uneigennützige Ziele, die das Wohl der Menschheit befördern. Diesen Menschentypus also gälte es zu "bilden", jenen, der mit dem erworbenen Wissen verantwortungsvoll umgeht. Utopia Ende.
Grüße
s.