Autor Thema: Theodor Fontane „Unwiederbringlich“  (Gelesen 4306 mal)

Offline Hubert

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Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« am: 30. Mai 2011, 02:25 »
Hallo liebe Mitleser,
hallo zusammen!

Hiermit ist die Leserunde zu Fontanes Roman „Unwiederbringlich“ eröffnet. Bisher sind wir vier Teilnehmer. Weitere Mitleser sind natürlich erwünscht. Erste Links habe ich im Materialordner hinterlegt. Bei mir ist die berufliche und private Beanspruchung weiter gestiegen, trotzdem hoffe ich heute Abend mit dem Roman beginnen zu können.

Liebe Grüße

Hubert

Offline Sir Thomas

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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #1 am: 30. Mai 2011, 14:11 »
Hallo,

schönen Dank für diesen Ordner, Hubert. Auf dass er ordentlich gefüllt werde ...

Ich habe gestern schon angefangen zu lesen - und einen Vergleich angestellt zwischen "Unwiederbringlich" und "Effi Briest" (einen Roman, den ich Gott sei Dank erst vor kurzem wiedergelesen habe). Ähnlich wie in „Effi Briest“ erweist sich Fontane von Beginn an als gewiefter Konstrukteur zerbrechlicher und gefährdeter Idyllen. Vom Briestschen Herrensitz mit dem ausführlich beschriebenen Garten ist es nur ein Gedankensprung zum Schloß der Holks. Distinguierter Reichtum und ein knochentrockener Konservativismus bilden das Lebenselement der Fontane-Figuren.

Anders als in „Effi B.“ sind jedoch die typischen Vorahnungen drohenden Unheils in unserem Roman alles andere als dezent angedeutet. Der ständige Wind, der die Flagge auf dem Schloss unruhig hin- und herwehen lässt und die früh erkennbaren Verstimmungen zwischen dem gräflichen Ehepaar sind deutliche Zeichen, wohin die Reise gehen wird. Schade, denn in „Effi B.“ musste der Leser noch sehr genau die Zeichen der Bedrohung erkennen: der fortschreitende Schatten in der ansonsten bewegungslos erstarrten Welt des Herrensitzes, die dunkle, unergründliche Wasseroberfläche des Teichs, die windschiefe Schaukel …  Diese Meisterschaft des Spätwerks vermisse ich bislang ein wenig in „Unwiederbringlich“, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut.

Ich bin gespannt auf Eure Eindrücke!

LG

Tom

Offline André

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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #2 am: 30. Mai 2011, 19:00 »
Hallo,
habe heute ebenfalls mit dem Roman begonnen und wünsche bei dieser Gelegenheit allen Mitlesern viel Spaß. Vielleich stoßen ja kurzfristig noch welche dazu.                         



Anders als in „Effi B.“ sind jedoch die typischen Vorahnungen drohenden Unheils in unserem Roman alles andere als dezent angedeutet. Der ständige Wind, der die Flagge auf dem Schloss unruhig hin- und herwehen lässt und die früh erkennbaren Verstimmungen zwischen dem gräflichen Ehepaar sind deutliche Zeichen, wohin die Reise gehen wird. Schade, denn in „Effi B.“ musste der Leser noch sehr genau die Zeichen der Bedrohung erkennen: der fortschreitende Schatten in der ansonsten bewegungslos erstarrten Welt des Herrensitzes, die dunkle, unergründliche Wasseroberfläche des Teichs, die windschiefe Schaukel …  Diese Meisterschaft des Spätwerks vermisse ich bislang ein wenig in „Unwiederbringlich“, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut.






Sehe ich genauso wie du.
Der Umzug der Holkschen in ein neues Schloss erinnerte mich sofort an Effis Einzug in das Haus von Innstetten. Ebenso wird die Spukgesichte in "Unwiederbringlich" angedeutet, die als Leitmotiv in "Effi Briest" vorhanden ist. Besonders gut hat mir in den ersten beiden Kapiteln das Gedicht von Uhland gefallen, dass bereits ein bitteres Ende antizipiert.

Gruß André
Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
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Offline Hubert

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„Unwiederbringlich“ nach dem 1. Kapitel
« Antwort #3 am: 31. Mai 2011, 00:55 »
Nach Kafka, mit dem ich allerdings immer noch nicht zu Ende bin, ist Fontane eine richtige Erholung und so habe ich das 1. Kapitel gleich durchgelesen.

Wie André hat mir die im 1. Kapitel erwähnte Ballade von Ludwig Uhland „Das Schloß am Meere“ sehr gut gefallen. Im Roman lässt Fontane nur die Strophen eins und fünf rezitieren, wobei die Gräfin der Meinung ist, dass die fünfte Strophe die letzte sei.

Tatsächlich hat diese Ballade aber acht Strophen, die man hier findet:
http://www.autoren-gedichte.de/uhland/das-schloss-am-meere.htm

Ich habe gestern schon angefangen zu lesen - und einen Vergleich angestellt zwischen "Unwiederbringlich" und "Effi Briest" (einen Roman, den ich Gott sei Dank erst vor kurzem wiedergelesen habe). Ähnlich wie in „Effi Briest“ erweist sich Fontane von Beginn an als gewiefter Konstrukteur zerbrechlicher und gefährdeter Idyllen.

Danke Tom für diesen Vergleich, ich kann Dir da nur zustimmen und natürlich ist „Effi Briest“ noch etwas meisterlicher, keine Frage, aber das ist ja auch drei bis vier Jahre später entstanden und natürlich hat sich Fontane weiter entwickelt, aber wenn wir „Effi Briest“ noch nicht kennen würden: „die Meeresbrise, die das Flaggentuch hin- und herschlägt“ – das ist schon eine gekonnte Andeutung.
 
Der Schluss des ersten Kapitels könnte imo einen guten Romanschluß abgeben, aber im ersten Kapitel, kommt mir so was zu früh, - „es wird“, ich wage die These: - und nicht nur um mal Werner Enke zu zitieren: „böse enden“!

Das Zitat:
»Bald ist es ein Jahr nun, Helmuth, daß wir zuletzt hier auf der Düne standen und du mich fragtest, ob ich hier glücklich sein wolle. Ich schwieg damals...«
»Und heute?«
»Heute sag ich ja.«

Offline André

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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #4 am: 31. Mai 2011, 19:52 »
Hallo,

ich habe heute ein wenig weitergelesen und bin bis zum siebten Kapitel gekommen.


Mir hat besonders das vierte Kapitel gefallen, da es Fontane gelingt ein wirklichkeitsgetreues Bild der damaligen Zeit zu zeigen. So wird besonders in den Aussagen von Holk deutlich, wie 1858 die politische Situation von den Menschen gesehen wurde.
Ich finde, dass das das folgende Zitat diese Vorstellungen hervorragend darstellt:

"Als Kleinstaat legte sich Preußen zu Bett, und als Großstaat stand es wieder."  (S. 28 Z. 8-10)

Als Mensch, der sich gerne und ausführlich mit der deutschen Geschichte beschäftigt ist mir sofort aufgefallen, dass Preußen im Jahre 1858 noch keine Großmacht war. Diese Großmachtsstellung erreichten sie erst in den drei Kriegen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71). Somit deutet Fontane bereits auf kommende Ereignisse hin.
Gerade solche politischen Diskussionen, wie sie Holk mit seiner Familie führt machen für mich dein Reiz dieses Buches aus. Ich hoffe, dass noch weitere Gespräche in dieser Art folgen werden.

In Kapitel sechs ist erstmals das vorher erwähnte Gedicht "Der Kirchturm" zu finden, welches die Gräfin nachhaltig berührte. Ich habe das Gedicht versucht im Internet zu finden, bin jedoch nur auf ein Gedicht von Mörike gestoßen, wobei es sich um ein anderes Gedicht handelt. Ist das Gedicht "Der Kirchturm" von Fontane selber verfasst worden oder ist es von einem anderen Dichter wie Z.B. Uhland verfasst worden?

  Gruß André
Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
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Offline Hubert

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Waiblinger: "Der Kirchhof"
« Antwort #5 am: 31. Mai 2011, 20:30 »
In Kapitel sechs ist erstmals das vorher erwähnte Gedicht "Der Kirchturm" zu finden, welches die Gräfin nachhaltig berührte. Ich habe das Gedicht versucht im Internet zu finden, bin jedoch nur auf ein Gedicht von Mörike gestoßen, wobei es sich um ein anderes Gedicht handelt.

Hallo André,

Mörike war schon ganz heiß, - das Gedicht ist von Mörikes Freund Wilhelm Friedrich Waiblinger (1804 bis 1830), der leider schon mit 25 Jahren starb.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Waiblinger

und es heißt nicht „Der Kirchturm“ sondern „Der Kirchhof“. Gucks Du gegen Ende des vierten Kapitels:

„Holk begnügte sich, Elisabeth zu fragen, von wem der Text sei.
»Von Waiblinger, einem Dichter, den ich bis dahin nicht kannte.«
»Ich auch nicht«, sagte Holk. »Und die Überschrift?«
»Der Kirchhof.«
»Drum auch
.«“


Das gesamte Gedicht findest Du hier:

http://www.zgedichte.de/gedicht_3014.html

Gruß

Hubert
« Letzte Änderung: 31. Mai 2011, 20:46 von Hubert »

Offline Sir Thomas

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Fontane - Unwiederbringlich
« Antwort #6 am: 31. Mai 2011, 21:16 »
... Mörikes Freund Wilhelm Friedrich Waiblinger (1804 bis 1830), der leider schon mit 25 Jahren starb.

Ist das nicht der Hölderlin-Freund, der den umnachteten Dichter in seinem Turmexil besuchte?

Ich habe mir heute das umfangreiche Material im Fontane-Thread angesehen. Dort wird immer wieder zurecht betont, wie gut der Dichter sich in die Frauenpsyche einfinden konnte. Auch unsere Gräfin Christine ist ein solches Prachtexemplar Fontaneschen Einfühlungsvermögens: Religiös bis ins Mark und gebildet, dabei eine preußische Patriotin, die an schwerer "Melancholie" zu leiden scheint - ein wahres Musterexemplar der gelangweilten und verwöhnten Frau, wie sie damals literarisch en vogue war. Wenig Neues also, aber das auf erfreulich hohem Niveau serviert. Mal sehen, ob die zweite Frau der Geschichte, die Gesellschafterin von Dobschütz, mal etwas Abwechslung in die Frauentypologie Fontanes bringt.

Auch die Männercharaktere entsprechen den mir bekannten Fontane-Entwürfen: Der wackere, etwas langweilige Holk und dessen Schwager könnten auch aus "Effi Briest" oder dem "Stechlin" stammen. Ich habe also ständig ein Déjà-vu-Gefühl, was aber nicht als Genörgel verstanden werden soll. Insgesamt finde ich den Roman nach fünf gelesenen Kapiteln gelungen.

Gerade solche politischen Diskussionen, wie sie Holk mit seiner Familie führt machen für mich dein Reiz dieses Buches aus.

Darauf könnte ich notfalls auch verzichten, weil die dahinter stehenden Entwicklungen mir zwar nicht völlig unklar, aber auch nicht in allen Details bekannt sind. Eigentlich möchte ich kein Geschichtsbuch konsultieren, wenn ich einen Roman lese. Aber das ist natürlich Geschmacksache. 

LG

Tom             

Offline Hubert

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Unwiederbringlich
« Antwort #7 am: 31. Mai 2011, 23:52 »
... Mörikes Freund Wilhelm Friedrich Waiblinger (1804 bis 1830), der leider schon mit 25 Jahren starb.

Ist das nicht der Hölderlin-Freund, der den umnachteten Dichter in seinem Turmexil besuchte?

Ja genau der. Übrigens empfehle ich Leuten, die sich für Waiblinger interessieren das folgende Buch von Peter Härtling:

http://www.kiwi-verlag.de/36-0-buch.htm?isbn=9783462024883#inhalt

Ich habe mir heute das umfangreiche Material im Fontane-Thread angesehen. Dort wird immer wieder zurecht betont, wie gut der Dichter sich in die Frauenpsyche einfinden konnte. Auch unsere Gräfin Christine ist ein solches Prachtexemplar Fontaneschen Einfühlungsvermögens: Religiös bis ins Mark und gebildet, dabei eine preußische Patriotin, die an schwerer "Melancholie" zu leiden scheint - ein wahres Musterexemplar der gelangweilten und verwöhnten Frau, wie sie damals literarisch en vogue war.

Danke, Tom, da hast du die Gräfin ja sehr schön charakterisiert: gelangweilt und verwöhnt, ganz sicher, gebildet? – ich weiß noch nicht!

Gerade solche politischen Diskussionen, wie sie Holk mit seiner Familie führt machen für mich dein Reiz dieses Buches aus.

Darauf könnte ich notfalls auch verzichten, weil die dahinter stehenden Entwicklungen mir zwar nicht völlig unklar, aber auch nicht in allen Details bekannt sind. Eigentlich möchte ich kein Geschichtsbuch konsultieren, wenn ich einen Roman lese. Aber das ist natürlich Geschmacksache.         

So habe ich lange auch gedacht (wenn ich was über Geschichte erfahren will, lese ich ein Geschichtsbuch und keinen Roman), aber
welches Geschichtsbuch gibt uns die Informationen über England Ende des 18. Jahrhunderts die wir von Jane Austen erhalten?

LG

Hubert

Offline Sir Thomas

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Antw:Unwiederbringlich
« Antwort #8 am: 1. Juni 2011, 07:26 »
... gelangweilt und verwöhnt, ganz sicher, gebildet? – ich weiß noch nicht!

Ja, Hubert, das Fragezeichen hinter der Bildung scheint gerechtfertigt. Ich habe gestern den Streit des Ehepaars um die Erziehung der Kinder gelesen. Christines Argumente zeugen mehr von religiöser Engstirnigkeit als von Weltoffenheit. Ihre "Bildung" will mir doch sehr einseitig, zum Teil sogar vorgetäuscht erscheinen. Aber auch der Ehemann ist in seiner Sorg- und Arglosigkeit kein Musterexemplar gehobenen Geistes. Das gefällt mir übrigens grundsätzlich an den Fontane-Figuren: Sie verweigern jegliche Identifikation, sind so durchschnittlich und medioker wie der Mensch im Allgemeinen halt ist. "Das Leben ist doch immer nur der Marmorsteinbruch, der den Stoff zu unendlichen Bildwerken in sich trägt." Das schrieb Fontane 1853 über sein Verständnis des literarischen Realismus. Nur zur Erinnerung: In etwa zur gleichen Zeit ließ Stifter eine durch und durch artifizielle Menschheit in Rosenhäusern über Ganzheitliches und Schönes philosophieren. Nichts gegen Stifter, aber Fontanes Figuren sind sehr viel näher am Leben, weshalb seine Literatur ein anderes Spiel spielt, weder ein besseres noch ein schlechteres, aber eben grundverschiedenes. Ich kann überhaupt nicht mehr verstehen, warum ich früher Autoren wie Stifter und Fontane in eine Schublade gesteckt habe.

Soviel für den Augenblick.

LG

Tom             

Offline André

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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #9 am: 1. Juni 2011, 19:39 »

Mörike war schon ganz heiß, - das Gedicht ist von Mörikes Freund Wilhelm Friedrich Waiblinger (1804 bis 1830), der leider schon mit 25 Jahren starb.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Waiblinger

und es heißt nicht „Der Kirchturm“ sondern „Der Kirchhof“. Gucks Du gegen Ende des vierten Kapitels:

„Holk begnügte sich, Elisabeth zu fragen, von wem der Text sei.
»Von Waiblinger, einem Dichter, den ich bis dahin nicht kannte.«
»Ich auch nicht«, sagte Holk. »Und die Überschrift?«
»Der Kirchhof.«
»Drum auch
.«“



Danke Hubert. Da ist mir ein peinlicher Schreibfehler passiert. Leider muss ich hier eine Wissenslücke offenbaren, da mir Waiblinger völlig unbekannt ist. Nun werde ich mich erstmal über Waiblinger informieren müssen!

Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
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Offline Hubert

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Antw:Waiblinger: "Der Kirchhof"
« Antwort #10 am: 1. Juni 2011, 21:23 »
Hallo zusammen,

vergleicht mal die dritte und vierte Zeile von Waiblingers Gedicht und dem was die Dobschütz rezitiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fontane Waiblinger verbessern wollte, eher wollte er zeigen, dass die Dobschütz  das doch nicht so gut auswendig kann, wie sie meint, oder? Was meint ihr? 

(1)

Die Ruh′ ist wohl das Beste,
Von allem Glück der Welt,
Mit jedem Wiegenfeste
Wird neue Lust vergällt,
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frühling giebt;
Wer haßt, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.
(Waiblinger)


(2)
Und nun sprach die Dobschütz langsam und leise vor sich hin:

»Die Ruh ist wohl das Beste
Von allem Glück der Welt,
Was bleibt vom Erdenfeste,
Was bleibt uns unvergällt?
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frühling gibt,
Wer haßt, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.«
(Fontane)
                                                                                                           

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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #11 am: 2. Juni 2011, 11:45 »
Hallo zusammen,

vergleicht mal die dritte und vierte Zeile von Waiblingers Gedicht und dem was die Dobschütz rezitiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fontane Waiblinger verbessern wollte, eher wollte er zeigen, dass die Dobschütz  das doch nicht so gut auswendig kann, wie sie meint, oder? Was meint ihr? 

(1)

Die Ruh′ ist wohl das Beste,
Von allem Glück der Welt,
Mit jedem Wiegenfeste
Wird neue Lust vergällt,
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frühling giebt;
Wer haßt, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.
(Waiblinger)


(2)
Und nun sprach die Dobschütz langsam und leise vor sich hin:

»Die Ruh ist wohl das Beste
Von allem Glück der Welt,
Was bleibt vom Erdenfeste,
Was bleibt uns unvergällt?
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frühling gibt,
Wer haßt, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.«
(Fontane)
                                                                                                           


Hallo Hubert,
ich glaube vielmehr, dass Fontane den Familienbruch, der sich im späteren Verlauf zeigen wird deutlicher hervorheben möchte. So finde ich, dass "Erdenfeste" einen bitteren Nachgeschmack hat und auch die Frage "Was bleibt uns unvergällt?" sehe ich deutlich negativer als das Original.

  Gruß André
Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #12 am: 2. Juni 2011, 12:05 »
quote]
Hallo Hubert,
ich glaube vielmehr, dass Fontane den Familienbruch, der sich im späteren Verlauf zeigen wird deutlicher hervorheben möchte. So finde ich, dass "Erdenfeste" einen bitteren Nachgeschmack hat und auch die Frage "Was bleibt uns unvergällt?" sehe ich deutlich negativer als das Original.

Hallo André,

danke für den Einwand, ich denke Du hast Recht - also Waiblinger nicht verbessert, sondern der Situation (dem Roman) angepasst. Das ist ja typisch für Fontane, dass man Stellen die am Anfang eines Romans zu lesen sind erst versteht wenn man den Roman zu Ende gelesen hat, weshalb man Fontanes Romane ja eigentlich alle zweimal lesen muß. (mindestens!) Ist das nicht genial? Ich frage mich ob Fontanes Zeitgenossen solche Stellen verstanden haben? Sie konnten ja nicht einfach Waiblingers Gedicht im Netz nachlesen.

Gruß

Hubert

Offline Sir Thomas

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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #13 am: 3. Juni 2011, 09:02 »
Ist das nicht genial?

Genial finde ich Eure feine Beobachtungsgabe, liebe Conlectores. Mir wäre diese Gedicht-Variation nicht aufgefallen.  :klatschen:

Ich habe den gestrigen Feiertag genutzt, um bis etwa zur Mitte des Romans vorzustossen. Ohne allzuviel vorwegzunehmen: Ich war überrascht, dass ab einem gewissen Zeitpunkt ausschließlich die Erlebnisse Holks am Kopenhagener Hof den Mittelpunkt der Geschichte bilden. Noch überraschter war ich, dass Fontane von diesem Zeitpunkt an erzählt, als wolle er Proust "vorwegnehmen". All das eitle, sich geistreich gebende Gespreize der dänischen Prinzessin und ihrer Höflinge hat mich an die Salonkonversationen der "Verlorenen Zeit" erinnert. Die Prinzessin kam mir stellenweise sogar wie eine direkte Vorläuferin der Herzogin von Guermantes vor. Hat Proust Fontane gekannt?

Ich werde heute eine Lesepause einlegen, um Euch nicht zu sehr vorauszueilen.

LG

Tom       

Offline André

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Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #14 am: 3. Juni 2011, 11:41 »

Ich werde heute eine Lesepause einlegen, um Euch nicht zu sehr vorauszueilen.
     

Hallo Tom,
auf mich muss du keine Rücksicht nehmen, da ich bereits achtzehn Kapitel gelesen habe.

Gruß André
Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
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