Autor Thema: Theodor Fontane „Unwiederbringlich“  (Gelesen 4306 mal)

Offline André

  • Jr. Member
  • **
  • Beiträge: 50
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #30 am: 9. Juni 2011, 16:55 »
Hallo,
ich bin bereits seit Montag fertig, habe allerdings mit meinem Beitrag gewartet, damit ich euch nichts vorwegnehme.

Fazit:
Ich finde, dass "Unwiederbringlich" ein unterhaltsamer Roman ist, der sich - fast - mit Effi Briest messen kann. Interessant fand ich vor allem, dass Fontane ebenso wie in Effi Briest reale Gegebenheiten in einem Roman verpacken konnte. Für mich stellte sich am Ende nur die Frage, was aus Holk geworden ist, nachdem sich seine Frau umgebracht hat? Ich denke, dass hier ein wenig mehr Auskunft angebracht gewesen wäre.

In Zukunft werde ich mir noch weitere Romane von ihm vornehmen. Welche habt ihr noch von Fontane gelesen und wie gefielen sie euch?

Gruß André
Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
- Tieck Übersetzung -

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1745
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #31 am: 9. Juni 2011, 17:06 »
In Zukunft werde ich mir noch weitere Romane von ihm vornehmen. Welche habt ihr noch von Fontane gelesen und wie gefielen sie euch?

Hi André,

empfehlenswert von Fontane: Der Stechlin - ein Roman wie ein ruhiger, träge dahinfließender Strom. Ich werde ihn evtl. in diesem Jahr noch einmal lesen.

Für mich stellte sich am Ende nur die Frage, was aus Holk geworden ist, nachdem sich seine Frau umgebracht hat?

Das ist genau die Frage, die ich mir nicht gestellt habe bzw. niemals stelle bei einem offenen Ende. Ein Buch endet dort, wo es endet - und das ist gut so. Alles andere ist Märchen ("Und so lebten sie glücklich und zufrieden ...").

LG

Tom

Offline André

  • Jr. Member
  • **
  • Beiträge: 50
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #32 am: 10. Juni 2011, 11:52 »




Das ist genau die Frage, die ich mir nicht gestellt habe bzw. niemals stelle bei einem offenen Ende. Ein Buch endet dort, wo es endet - und das ist gut so. Alles andere ist Märchen ("Und so lebten sie glücklich und zufrieden ...").

LG

Tom

Vergleicht man das Ende von "Unwiederbringlich" mit "Effi Briest", so handelt es sich bei "Effi Briest" ebenfalls um ein offenes Ende allerdings erfahren wir mehr, was aus Innstetten geworden ist. Ein "Märchenende" schwebt mir natürlich auch nicht vor.

LG  André
Miguel de Cervantes Saavedra:                           "Don Quixote von la Mancha" 
- Tieck Übersetzung -

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1745
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #33 am: 10. Juni 2011, 12:42 »
Zum Abschluss unserer Runde noch einige Gedanken:
Es war sicher gut, meinen geringen Fontane-Kenntnissen diesen Roman hinzuzufügen, obwohl ich ihn für den schwächsten der bislang gelesenen (Effi B., Stechlin) halte. Fontane bleibt sich, soweit ich das beurteilen kann, treu. Er nimmt Geschichten aus dem Steinbruch des Lebens und formt daraus einen Entwicklungsroman – in unserem Fall den Roman einer gescheiterten Ehe. Das ist nicht wirklich aufregend, aber er versteht sein Handwerk – und das ist etwas, das mich immer positiv für ein Buch einnimmt, unabhängig von der jeweiligen Thematik.

Die geschilderten Figuren sind glaubwürdig und authentisch. Auch das ist ein Vorzug Fontanes, den es nicht zu übersehen gilt. Dass er sein Personal erneut aus Kreisen rekrutiert, die wohlhabend sind und eigentlich keine Sorgen haben dürften, ist ihm nicht vorzuwerfen. Die Neurosen der Reichen und Mächtigen waren immer schon ein Sujet, dem man sich widmen konnte ohne allzu sehr den Geschmack des Publikums zu verfehlen.

Es bleibt trotzdem ein schaler Nachgeschmack. Der Roman wurde 1891 veröffentlicht, also in einer Zeit, in der die Literatur des sog. bürgerlichen Realismus überholt war. Zur Erinnerung: 1890 schrieb Hamsun „Hunger“, einen großartigen Roman über ein verzweifeltes Künstlerleben in der Großstadt; 1892 folgte „Mysterien“, 1894 „Pan“ - beides Studien durchgeknallter Einzelgänger; Zola verbreitete sich über relevante soziale Konflikte (nicht dass ich ihn deshalb schätze), Oscar Wilde amüsierte sein Publikum mit sarkastischen Komödien … Fontane hingegen kramt eine olle Kamelle aus – und verlegt die Handlung auch noch in weltfremde Adelskreise aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Weniger zeitgemäß vorzugehen ist fast schon nicht mehr möglich.

Das alles soll keine kleinliche Nörgelei sein. Fontane schien schlicht und einfach nicht geneigt, dem herrschenden Zeitgeist, dem Anbruch einer neuen Literatur seinen Tribut zu zollen. Vielleicht ist er deshalb heute noch der bekannteste und beliebteste deutsche „Realist“, während seine Kollegen Wilhelm Raabe und Gustav Freytag Spezialfälle der Germanistik wurden.

Euch allen frohe Pfingsten!

Tom         

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
dtv-Ausgabe von "Unwiederbringlich" ist empfehlenswert
« Antwort #34 am: 12. Juni 2011, 08:13 »
Was den vorliegenden Roman anbelangt, so ist er (zumindest in meiner neuen dtv-Ausgabe) mit einem umfangreichen Anhang ausgestattet. .........
Insofern hoffe ich für Dich, dass Du auch auf diese Ausgabe zurückgegriffen hast. 

Guckst Du hier:
http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,4356.msg46772.html#msg46772


Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Antw:"Unwiederbringlich" nach dem 34. Kapitel
« Antwort #35 am: 12. Juni 2011, 08:18 »
Trotzdem bleibt meine Frage offen, - warum schreibt der Erzähler das Gegenteil?

Nun fällt mir doch eine Erklärung ein. Vielleicht ist das alles Teil des Fontane-„Spiels“, dessen oberste Regel lautet: Nichts ist wie es auf den ersten Blick scheint. Nimm Effi Briest: Fontane manipuliert den Leser ständig in Bezug auf die Wahrnehmung der Titelfigur. .......
Wenn wir uns nun Christine und Helmuth Holk ansehen, so werden wir als Leser auch frühzeitig manipuliert durch den von Dir, Hubert, festgehalten Passus. Warum das geschieht? Vielleicht um Holks Verhalten in Dänemark zunächst einmal wie das eines moralischen Lumpen aussehen zu lassen. Nur langsam, Stück für Stück lernen wir die wahren Gefühlsdefizite des Grafen und seine Einstellung gegenüber der bigotten Gattin kennen. Können wir ihn deshalb besser verstehen? Ich nicht, denn klar scheint mir, dass er immer wusste, worauf er sich einließ, als er Christine das Jawort gab. Insofern bleibt der Leser, wie bei Effi, im Zwiespalt zwischen Ablehnung und Verständnis - und das könnte Fontane beabsichtigt haben.

Danke, Tom, für diese schöne Erklärung, ich stand hier selbst vor einem Rätsel, aber Du hast es imo glaubwürdig gelöst.    :klatschen:

LG

Hubert

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #36 am: 12. Juni 2011, 08:21 »
Hallo,
ich bin bereits seit Montag fertig,

Hallo Andre,

damit hast Du das Wettlesen für Dich entschieden. Die ersten drei Plätze:

1.   André
2.   Hubert
3.   Tom

 :zwinker:

Fludribus konnte bei der Wertung leider nicht berücksichtigt werden, Schade!


Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Weitere Empfehlungen zu Fontane
« Antwort #37 am: 12. Juni 2011, 08:26 »
In Zukunft werde ich mir noch weitere Romane von ihm vornehmen. Welche habt ihr noch von Fontane gelesen und wie gefielen sie euch?

Hi André,

empfehlenswert von Fontane: Der Stechlin - ein Roman wie ein ruhiger, träge dahinfließender Strom.
Tom

Hallo André,

Toms Vorschlag den „Stechlin“ zu lesen ist imo ein guter Vorschlag. Eine andere Möglichkeit wäre, nachdem Du jetzt zwei Ehebruchsromane von Fontane kennst (Effi Briest und Unwiederbringlich) auch noch die anderen zwei Ehebruchsromane (L’Adultera und Graf Petöfy) von ihm zu lesen

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #38 am: 12. Juni 2011, 08:32 »
Hallo Tom

Der Roman wurde 1891 veröffentlicht, also in einer Zeit, in der die Literatur des sog. bürgerlichen Realismus überholt war. Zur Erinnerung: 1890 schrieb Hamsun „Hunger“, einen großartigen Roman über ein verzweifeltes Künstlerleben in der Großstadt; ....... Zola verbreitete sich über relevante soziale Konflikte .........Fontane hingegen kramt eine olle Kamelle aus – und verlegt die Handlung auch noch in weltfremde Adelskreise aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Weniger zeitgemäß vorzugehen ist fast schon nicht mehr möglich.

Euch allen frohe Pfingsten!

Tom       


Fontane gehört ja gerade nicht zum bürgerlichen Realismus, er schreibt ja nicht über das Bürgertum, sondern immer über gehobenere Kreise, obwohl ich mir natürlich wünschen würde auch mal einen bürgerlichen Roman von Fontane zu lesen, - aber dafür haben wir ja Zola, also gut, dass es beide gibt und wir nach Lust und Laune mal einen Roman von Fontane und dann wieder einen von Zola lesen können, so wird es jedenfalls mir nicht langweilig. 

Auch von mir, die besten Wünsche für ein schönes Pfingstwochenende

LG

Hubert

Offline Lost

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1078
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #39 am: 12. Juni 2011, 21:03 »


Fontane gehört ja gerade nicht zum bürgerlichen Realismus, er schreibt ja nicht über das Bürgertum, sondern immer über gehobenere Kreise, obwohl ich mir natürlich wünschen würde auch mal einen bürgerlichen Roman von Fontane zu lesen, -

Schau dir ein Mal "Frau Jenny Treibel" und "Mathilde Möring" an. Der letztere ist leider nur ein Fragment.

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1745
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #40 am: 13. Juni 2011, 09:47 »
Fontane gehört ja gerade nicht zum bürgerlichen Realismus, er schreibt ja nicht über das Bürgertum, sondern immer über gehobenere Kreise ...

Hm, das scheint mir nicht zu stimmen, Hubert. Wenn ich das richtig sehe, hat Fontane einige "bürgerliche" Romane geschrieben. Selbst wenn seine Geschichten in "gehobenen" Kreisen spielen, so unterscheidet diese Gesellschaftsschicht sich in der verbürgerlichten Welt des 19. Jahrhunderts nicht mehr so sehr von den aufstrebenden Kaufleuten und Industriebaronen, die den Lebensstil des Adels kopierten und in einigen Fällen sogar übertrafen. Schau Dir einfach mal die Villa Hügel der Krupps in Essen an. Da wird mancher Adelssitz zur Scheune.

LG

Tom   

Offline Fludribus

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 4
Antw:Theodor Fontane „Unwiederbringlich“
« Antwort #41 am: 13. Juni 2011, 16:51 »
Hallo zusammen,

tut mir leid, dass ich nicht teilgenommen habe. Ich war so gut wie jeden Tag außer Haus, kam nach Hause, schlief und ging wieder. Daher hatte ich keine Zeit, um am PC zu lesen.
Habe zwischenzeitlich auch schon wieder vier andere Bücher begonnen, auch wenn ich mir den Vorsatz nahm, es wird wohl nichts mehr mit "Unwiederbringlich" in der nächsten Zeit.
Möchte mich dafür entschuldigen, dass ich zugesagt habe und dann nicht teilnahm, wird nicht wieder vorkommen.

Habe mir allerdings schon diverse Meinungen zum Buch durchgelesen, scheint ja ganz gut angekommen zu sein, auf meiner Leseliste bleibts also :smile: