Zum Abschluss unserer Runde noch einige Gedanken:
Es war sicher gut, meinen geringen Fontane-Kenntnissen diesen Roman hinzuzufügen, obwohl ich ihn für den schwächsten der bislang gelesenen (Effi B., Stechlin) halte. Fontane bleibt sich, soweit ich das beurteilen kann, treu. Er nimmt Geschichten aus dem Steinbruch des Lebens und formt daraus einen Entwicklungsroman – in unserem Fall den Roman einer gescheiterten Ehe. Das ist nicht wirklich aufregend, aber er versteht sein Handwerk – und das ist etwas, das mich immer positiv für ein Buch einnimmt, unabhängig von der jeweiligen Thematik.
Die geschilderten Figuren sind glaubwürdig und authentisch. Auch das ist ein Vorzug Fontanes, den es nicht zu übersehen gilt. Dass er sein Personal erneut aus Kreisen rekrutiert, die wohlhabend sind und eigentlich keine Sorgen haben dürften, ist ihm nicht vorzuwerfen. Die Neurosen der Reichen und Mächtigen waren immer schon ein Sujet, dem man sich widmen konnte ohne allzu sehr den Geschmack des Publikums zu verfehlen.
Es bleibt trotzdem ein schaler Nachgeschmack. Der Roman wurde 1891 veröffentlicht, also in einer Zeit, in der die Literatur des sog. bürgerlichen Realismus überholt war. Zur Erinnerung: 1890 schrieb Hamsun „Hunger“, einen großartigen Roman über ein verzweifeltes Künstlerleben in der Großstadt; 1892 folgte „Mysterien“, 1894 „Pan“ - beides Studien durchgeknallter Einzelgänger; Zola verbreitete sich über relevante soziale Konflikte (nicht dass ich ihn deshalb schätze), Oscar Wilde amüsierte sein Publikum mit sarkastischen Komödien … Fontane hingegen kramt eine olle Kamelle aus – und verlegt die Handlung auch noch in weltfremde Adelskreise aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Weniger zeitgemäß vorzugehen ist fast schon nicht mehr möglich.
Das alles soll keine kleinliche Nörgelei sein. Fontane schien schlicht und einfach nicht geneigt, dem herrschenden Zeitgeist, dem Anbruch einer neuen Literatur seinen Tribut zu zollen. Vielleicht ist er deshalb heute noch der bekannteste und beliebteste deutsche „Realist“, während seine Kollegen Wilhelm Raabe und Gustav Freytag Spezialfälle der Germanistik wurden.
Euch allen frohe Pfingsten!
Tom