Wie wäre es mit einer steilen These zu der Vaterschaft:
Stendhal weiß' es selbst nicht. Er überläßt dem Leser die Entscheidung. Es gibt Indizien, daß Robert der Vater sein könnte, zeitliche, örtliche, Fabrizio ist so ganz anders als der alte del Dongo. Robert hingegen soll ein Leichtfuß sein, aber die Mutter wird an keiner Stelle als leichtfertig bezeichnet...
Sehe ich das richtig, daß Stendhal selbst heftige Konflikte mit seinem Vater hatte? Daß er ganz andere Ansichten als sein Vater hatte, daß er ihm sogar den Tod wünschte. Seine Mutter ist früh gestorben. Kann es nicht sein, daß Stendhal, der ja auch seinen väterlichen Namen in der Literatur ablegte, sich einen anderen Vater wünschte und Fabrizio/Fabrice diesen Ausweg bot?
Ein anderer Vater, einer, der einem näher steht, ist aber nur dann möglich, wenn die Mutter entweder untreu war oder vergewaltigt wurde. Vielleicht konnte Stendhal diesen gedanklichen Weg nicht gehen, weder für seine Mutter noch für Fabrizios Mutter, deshalb bleibt das alles Interpretationssache.
Ja, Hinweise gibt es in der Kartause - bei mir im Buch etwa in der Hälfte des ersen Kapitels "Er hat sich just auf die Welt bemüht, als die Franzosen verjagt wurden, und der Zufall wollte es, daß er als zweitgeborner Sohn des großspurigen Marchese del Dongo zur Welt kam, ..."
Dann am Ende des ersten Kapitels: "Die Marchese war über die Anmut und das liebenswürdige Benehmen ihres Sohnes erstaunt und entzückt. Sie hatte jedoch die Gewohnhiet beibehalten, zwei-, oder dreimal jedes Jahr an den General Graf d'A.... zu schreiben. So hieß nämlich jetzt der Leutnant Robert. Die Marchesa hatte einen erhlichen Abscheu davor, Menschen, die sie liebte, zu belügen; sie nahm ihren Sohn ins Gebet und war entsetzt über seine bodenlose Unwissenheit." - Also schrieb sie zu Robert über den Sohn Fabrizio. ABER, wenn sie so einen Abscheu vor der Lüge gegenüber den Menschen, die sie liebte hatte, dann hätten doch sowohl Gina als auch Fabrizio gewußt, wenn Robert der Vater gewesen wäre, oder? Vielleicht...
Wirklich, ich glaube, Stendhal überläßt dem Leser die Entscheidung, und ich glaube, er läßt ihn nach des Lesers eigenen Vorliebe wählen. Weiterhin glaube ich, er hätte lieber einen anderen Vater gehabt, aber eigentlich wußte er, daß sein eigener Vater, sein Vater war.