Hallo,
da bin ich ja immernoch ein Neuling in der Runde, habe aktuell auch gar kein Kafka gelesen, aber trotzdem wollte ich gerne von einem Erlebnis mit Kafkas "In der Strafkolonie" erzählen:
Ich war im Literaturkurs der 12. oder 13. Klasse eines humanistischen Gymnasiums. Unser Lehrer, den ich sehr schätzte, stellte ein Tonband ein, und uns wurde in einer Audioaufnahme die Kafka Erzählung vorgespielt. Ich versuche mal - ungefiltert, wirklich unreflektiert - darzustellen, was damals mit mir geschah. Kurz vorweg gesagt, mir ging es damals psychisch sehr schlecht:
Es gab das Intro, die Einführung in die Szene. Da war dann der Mann, war er nicht Wächter, der auf das Folterinstrument gespannt wurde? Langsam aber kontinuierlich wurde ihm sein Vergehen in die Haut tätowiert. Die Aufseher sahen der Ausführung zu. So hatte es seine Richtigkeit. Alles ging seinen Gang. Der Deliquent wußte nichts von seinem Verbrechen, obwohl er - was für ein Hohn - an der Eintätowierung seines Verbrechens über kurz oder lang zu Grunde gehen würde.
Es wurde ihm auf dem Leib tätowiert, überall war er davon betroffen. Das Verbrechen! Welches Verbrechen? Egal, Du hast das Verbrechen begangen, Du gehst daran zugrunde. Alle könnten es jetzt sehen, aber ich weiß' nicht, wegen welchen Verbrechens ich gerade sterbe!
Alle können es sehen, ich gehe kaputt, aber ich weiß' es nicht, was habe ich denn gemacht! Es ist an meinem ganzen Körper, aber was ist denn nun meine Schuld?
Ich sterbe, werde ich nie wissen warum?
Ausgehalten habe ich das bis zu der Stelle mit dem Abfließen des Blutes in Rinnen, dann bin ich rausgerannt und fand mich heulend auf der Damentoilette wieder. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Mir ging es schlecht, ich hatte wenige Monate davor versucht, mich umzubringen, und diese Geschichte hatte alles beschrieben: Etwas schreibt mir eine Schuld in den Körper/in die Seele, die mich umbringt, die ich nicht kenne, gegen die ich mich nicht verteidigen kann. Die nicht zu ertragen ist, die ich nie mehr los werde.
Mein Deutschlehrer hat nach meinem Auftritt die Aufnahme, wie ich hörte, abgebrochen, ich selbst lebe auch immernoch....
Aber auch gerade Kafka hat mir in Bezug auf "die Sünden der Väter..." aus der Bibel die Augen geöffnet. Das ist keine Drohung, das ist eine Beschreibung.
Die Geschichte geht auch irgendwie zuende, das habe ich später gelesen und auch wieder vergessen. Bei mir endet die Geschichte mit dem Ablaufen des Blutes. Es war das Eindringlichste, was ich je gehört habe.