Hallo,
habe nun auch weiter gelesen.
Zunächst zum Titel: Das Holozän begann laut Internetquelle vor ca. 11.000 Jahren v.u.Z.. Die Abtrennung der menschlichen Linie von unseren gemeinsamen Vorfahren mit den Menschenaffen und das Entstehen menschlicher Eigenschaften begann bereits vor 1.5 Mio. Jahren (z.B. Olson).
Frisch selbst lässt später seinen Protagonisten das Pleistozän als Entstehungszeit angeben, aber ich glaube nicht, dass es eine bewusste Irreführung des Lesers ist, sondern dass mit dem Holozän das Auftauchen des Menschen als bewusstem Menschen mit der Möglichkeit zur Reflektion und Geschichtlichkeit gemeint ist.
Nun habe ich etwas weniger als die Häfte des Textes gelesen und verstehe jetzt auch eure Kommentare zu Geiser besser.
Vorher aber eine Frage: In meiner Werkausgabe steht auf Seite 219, das entspricht ungefähr der 12. Textseite:
"Herr Weiser glaubte nicht an Sintflut."
Ich denke, das ist ein Tippfehler, wollte aber nochmal mit euch vergleichen.
Zu josmar und anderen:
Ich denke schon, dass diese Erzählung viel mit dem Reflexionsstand alter, abgeklärter Menschen zu tun hat.
Aus dem, was ich im Gespräch mit alten Menschen oft erfahren habe, entnehme ich, dass sich bei vielen eine Distanz zur Welt einstellt, ein Sichfügen in das von ihnen als unabänderlich Erlebte. So vergewissert sich auch Geiser seiner bzw. der Stellung des Menschen, des Weltausschnittes in dem er lebt, im Ganzen, bleibt aber gegenüber dem eigenen Schicksal zumindest bis jetzt ziemlich unberührt.
Z.B. überlege ich, was er überhaupt isst, da er das ganze Eingefrorene und Angetaute den Dorfbewohnern geschenkt hat und vieles von den Konserven nicht essen mag. Die Katze Kitty muss hungern, das wird deutlich, doch wie es ihm in dieser Beziehung geht, erfahre ich auf den ersten fünfzig Seiten nicht.
Inzwischen habe ich natürlich auch erlesen, dass Geiser seine Texte aus Büchern ausschneidet und anheftet, ein Verfahren, für das er sich selber ein wenig schämt und wobei er sich nicht ertappen lassen will. Dennoch finde ich auch weiterhin nicht, dass diese Texte und seine handschriftlichen Versicherungen zufällig sind. Sie orientieren sich an seiner Welt, der Entstehung der ihn beherbergenden Gebirgslandschaft, seiner Selbstvergewisserung bezüglich seines Gedächtnisses und seiner Leistung sowie an Umwelteindrücken, die er unmittelbar erlebt, wie dem Auftauchen der Feuersalamander in seiner Wohnung.
Wenn ich schrieb, dass Geiser für Frisch nicht die Abschilderung eines realen Charakters bedeutet, sondern paradigmatisch sein soll, heißt das nicht, dass dieser Charakter nicht nachvollziehbar sein kann. Ich muss zur Zeit selbst miterleben, wie alte Menschen versuchen, sich ihrer selbst und ihrer Umgebung zu vergewissern und finde in diesem Text viel Entsprechendes, auch und gerade darin, dass sich diese Selbst- und Umweltvergewisserung immer loser gestaltet.
finsbury