Autor Thema: August 2011: M. Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän  (Gelesen 8572 mal)

Offline Jaqui

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #30 am: 25. August 2011, 11:06 »
Frisch selbst lässt später seinen Protagonisten das  Pleistozän als Entstehungszeit angeben, aber ich glaube nicht, dass es eine bewuste Irreführung des Lesers ist, sondern dass mit dem Holozän das Auftauchen des Menschen als bewusstem Menschen mit der Möglichkeit zur Reflektion  und  Geschichtlichkeit gemeint ist.

Ich bin ja mal gespannt ob im Text noch mal vorkommt, warum das Buch dann diesen Namen trägt. Die Erklärung mit der Reflexion finde ich sehr gut. Das könnte natürlich eine Möglichkeit sein.


Vorher aber eine Frage: In meiner WerkausgabE steht auf Seite 219, das entspricht ungefähr der  12. Textseite:
"Herr Weiser glaubte nicht an Sintflut."
Ich denke, das ist ein Tippfehler, wollte aber nochmal mit euch vergleichen.

Ja, das ist ein Tippfehler. In meiner Ausgabe steht Herr Geiser (Seite 26).

Katrin

Offline Jaqui

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #31 am: 25. August 2011, 11:22 »
Vergisst Herr Geiser jetzt schon was er selbst aufgeschrieben hat?

Der Zettel von Seite 74, also die Blitzgeschwindigkeit, die Jungsteinzeit und die Verwandlung vom Menschen steht in genau gleichen Worten bereits auf Seite 35. Soll damit dargestellt werden, dass er schon vergässlich wird und sich einer Demenz nähert?

Ansonsten scheint das Wetter immer stärker zu werden, immerhin rutschen jetzt schon die Hänge, auch wenn sich der Rest des Dorfes noch immer keine Sorgen macht. Aber Geisers Handlungen bleiben dennoch für mich nicht nachvollziehbar.

Katrin

Offline sandhofer

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #32 am: 25. August 2011, 21:31 »
Die Amis haben ja die Qualität dieses Werkleins lange vor den Deutschen erfasst. Reich-Ranicki versuchte es gar totzuschweigen.

Warum? Weißt Du mehr darüber?

Nein, tut mir leid. Jugenderinnerung ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #33 am: 25. August 2011, 21:33 »
[...] ich dachte es läuft auf die grundsätzliche Endlichkeit hinaus

Hrn. Geisers Endlichkeit ist grundsätzlich. Wenn er nicht mehr ist, wer wird dann noch "Gott" denken - oder "die Welt"?
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Offline sandhofer

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #34 am: 25. August 2011, 21:34 »
Vergisst Herr Geiser jetzt schon was er selbst aufgeschrieben hat?

Ja.  :breitgrins:
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Offline Jaqui

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #35 am: 25. August 2011, 21:46 »
Ich habe das Büchlein heute beendet, enthalte mich aber noch eines letzten Kommentars, weil ich nichts vorweg nehmen will. Nur so viel sei gesagt: Es hat mich sehr beeindruckt.

Bisher habe ich um Frisch, warum auch immer, einen großen Bogen gemacht. Das wird sich nun ändern.

Katrin

Offline Sir Thomas

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #36 am: 26. August 2011, 10:05 »
Es hat mich sehr beeindruckt.

Mich auch. Ein beängstigender Blick auf die existentiellen, das Menschsein infrage stellenden Bedrohungen im Alter, ein Blick frei von Libido-Kalamitäten ...  :breitgrins: Well done, Mr. Frisch!

Trotzdem mag ich diesen Autor nach wie vor nicht. Er langweilt mich einfach zu sehr.

LG

Tom

Offline Anita

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #37 am: 26. August 2011, 11:16 »
[...] ich dachte es läuft auf die grundsätzliche Endlichkeit hinaus

Hrn. Geisers Endlichkeit ist grundsätzlich. Wenn er nicht mehr ist, wer wird dann noch "Gott" denken - oder "die Welt"?

Sehr schön, ja so dacht (und denk) ich auch, vielleicht gar der einzige der im Holozän erscheint  :breitgrins: und habe meinen Spaß. In deiner Rezi kommt das aber nicht rüber, einzig das Autobiographische, wogegen sich Frisch gewährt hat, obwohl er es auch nicht abstreiten kann.

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline sandhofer

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #38 am: 26. August 2011, 11:37 »
In deiner Rezi kommt das aber nicht rüber, einzig das Autobiographische, wogegen sich Frisch gewährt hat, obwohl er es auch nicht abstreiten kann.

Es täte mir leid, wenn mein Posting so wirkt, als ob Frisch in Der Mensch erscheint im Holozän autobiografisch geschrieben hätte. Es ist ein sehr intimes Porträt eines Zerfalls, des Alterns, ja. Autobiografisch? Mag sein, aber solche Dinge interessieren mich in einem literarischen Werk nicht. (Ausser es stünde aussen am Buch von Autor autorisiert "Autobiografie" drauf  ;)  .)
 
Ein beängstigender Blick auf die existentiellen, das Menschsein infrage stellenden Bedrohungen im Alter, ein Blick frei von Libido-Kalamitäten ...  :breitgrins:

Vor allem letzteres ist ein Genuss ...  :winken:
 
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Offline finsbury

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #39 am: 26. August 2011, 14:10 »
Auch beendet,

zunächst zu Herrn Geisers Versuch, das Tal zu verlassen (?).
Gerade weil diese Unternehmung vorher überhaupt nicht erwähnt wird, erhält sie eine besondere Stärke. Ohne irgend jemanden zu informieren, ja bedacht auf Verschwiegenheit, bricht Herr Geiser auf, ob nun um sein Tal zu verlassen oder nur einen Blick ins Nachbartal zu werfen, wird nicht deutlich artikuliert.
Aber was für eine Beschreibung! Jeder, der gerne im Gebirge wandert, wird diesen Textabschnitt als Kabinettstück der Erzählkunst empfinden:  Orientierung, (mangelnde) Versorgung und körperliche Reaktion werden dicht verwoben. Besonders der Abstieg im Dunkeln zurück ins heimatliche Tal ist sehr intensiv geschildert: Man ist wirklich dabei.
Nach dieser heftigen körperlichen Anstrengung, die zeigt, dass Herr Geiser bisher durchaus noch von seiner Leistungsfähigkeit her Herr seines Schicksals war, folgt der Zusammenbruch.
Wenn  bisher sporadisch Wiederholungen in den handschriftlichen Zetteln vorkamen, werden diese nun stärker, die Themen scheinbar abgelegener. Aber dass sich Geiser besonders mit Erosion, mit dem Aussterben der Dinosaurier beschäftigt, weist ja auf sein Ende, die Erosion seines Geistes, dessen Absterben hin.
Er verweigert sich nun völlig seinen Mitmenschen und möglicher Hilfe. Hat er bei seinem "Ausbruchversuch" noch aktiv mit der Möglichkeit gespielt, seine Situation zu ändern, lehnt er nun auch jeden Versuch ab, ihm zu helfen: er verschließt sein Haus, schüttet die neu gebrachte Minestrone weg, ja tötet sogar den Salamander und schließlich auch seine Katze Kitty --> Ein Versuch, tabula rasa zu machen?
Als seine Tochter kommt, ist er schon längst das Opfer eines irreparablen Schlaganfalls, er nimmt nun nur noch passiv wahr.

Eine tolle Erzählung!

finsbury
« Letzte Änderung: 27. August 2011, 13:17 von finsbury »
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline thopas

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #40 am: 27. August 2011, 09:56 »
Ich habe das Buch schon vor ein paar Tagen beendet und es jetzt noch auf mich wirken lassen. So im Nachhinein kommt die Angst vor dem Altern und dem geistigen Verfall ziemlich gut heraus. Sehr knapp und nüchtern bringt Frisch das rüber. Wobei sich die Ereignisse ja mit der Zeit ziemlich beschleunigen. Nach Geisers Fluchtversuch, dem letzten Aufbäumen gegen das Schicksal quasi, geht dann alles ganz schnell... bisweilen kann es einen da schon gruseln...

Viele Grüße
thopas

Offline Lost

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #41 am: 27. August 2011, 19:42 »
Wie geplant habe ich jetzt etwa die Hälfte gelesen.

Bis jetzt erkenne ich 3 Zeitskalen: Die kurze von Herrn Geiser, die erdgeschichtliche, geologische Skala und die Besiedlungsgeschichte des Tals, die ins späte Holozän passt, denn selbst die Römer haben keine Spuren hinterlassen. Also: Der Mensch erscheint im Holozän im Tal.
Mal sehen, ob sich das in der zweiten Hälfte bestätigt. Der Erzähler und Geiser beschreiben so detailiert, dass sonst noch Frühzeitfunde auftauchen müssen.

Offline Jaqui

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #42 am: 28. August 2011, 22:09 »
Weil mich dieses Buch so fasziniert hat, habe ich zu einem weiteren Frisch gegriffen und habe endlich mal Andorra gelesen. Da das Stück sehr kurz ist habe ich es in zwei Stunden gelesen, aber sonderlich begeistert hat es mich nicht.

Da war kein Sog wie beim Der Mensch erscheint im Holozän. Die Story plätscherte dahin und es war alles sehr vorhersehbar. Nun werde ich noch Biedermann und die Brandstifter lesen, mal sehen ob das besser ist.

Mein Name sei Gantenbein habe ich nach zehn Seiten weglegen müssen, weil ich mich überhaupt nicht zurecht gefunden habe. Mal sehen ob ich das weiterlese.

Katrin

Offline Sir Thomas

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #43 am: 29. August 2011, 08:47 »
Hallo Katrin,

Andorra ist wirklich ein ödes Stück, das in nahezu jeder Zeile danach schreit, im Deutschunterricht behandelt zu werden - was in meiner Schulzeit leider auch der Fall war.

Freunde Dich mit dem Gedanken an, dass Du mit Der Mensch erscheint im Holozän Frischs bestes Werk gelesen hast.

LG

Tom 

Offline Jaqui

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Antw:Max Frisch - Der Mensch erscheint im Holozän
« Antwort #44 am: 29. August 2011, 10:14 »
Andorra ist wirklich ein ödes Stück, das in nahezu jeder Zeile danach schreit, im Deutschunterricht behandelt zu werden - was in meiner Schulzeit leider auch der Fall war.

Also eigentlich hätte ich das in meiner Schulzeit auch lesen müssen, aber ich habe es nie gelesen. Und da ich sonst immer alles begeistert mitgemacht habe, ist es der Lehrerin gar nicht aufgefallen, dass ich im Grunde keinen Tau von dem Stück hatte.  :redface:


Freunde Dich mit dem Gedanken an, dass Du mit Der Mensch erscheint im Holozän Frischs bestes Werk gelesen hast.

Damit komme ich klar. Denn das war wirklich ein tolles Werk.

Katrin