Hallo Maria,
jetzt ergibt für mich auch eine Aussage aus dem 1. Kapitel mehr Sinn; dort wird von einem Fluchtverhalten Jims beschrieben.
Sein Inkognito, das so löcherig war wie ein Sieb, sollte keine Persönlichkeit, sondern eine Tatsache verbergen. Wenn die Tatsache durch das Inkognito hindurchschimmerte, verließ er schleunigst den Seehafen, und ging nch einem andern - gewöhnlich weiter nach Osten.
Ich liebe es an einem Buch, wenn so nach und nach Andeutungen aus vorherigen Kapiteln ans Licht kommen und sich erklären.
Na, dann hast du an diesem Roman bestimmt deine Freude! Mir macht es nichts aus, wenn ich schon von Anfang an weiß, worauf alles hinausläuft. Bei Literaturlexikon-geweihter Literatur lese ich auch vor der Lektüre immer erst den einschlägigen Artikel, werde mich aber ab jetzt zurückhalten, dir etwas zu verraten.
(Bei Krimis schlage ich übrigens auch meist vor dem 2. Drittel nach, wer der Mörder ist, danach macht mir die Lektüe mehr Spaß!
)Dennoch, wahrscheinlich bist du ja schon darüber hinaus: Das V. Kapitel besteht - neben den moralphilosophischen Exkursen - ja fast nur aus Andeutungen. Man erfährt, dass der Kapitän, die beiden Ingenieure und der erste Offizier Jim gestrandet oder aufgefunden worden sind und dass sie in irgendwas sehr Ehrenrühriges verwickelt sind, was das aber ist, bleibt nebulös. Auch das VI. Kapitel beginnt so und führt wieder so eine herrlich ironisch gezeichnete Nebenfigur ein, Brierly, der als erster gestehen würde,
dass es seiner Meinung nach auch nicht ein zweites Mal solch einen Kapitän gab.Auch ist interessant, wie abgestuft Conrad die vier Offiziere vom Schiff darstellt, in Bezug darauf, wie sie ihre Schuld verarbeiten. Der Kapitän, der schließlich wie auf jedem Schiff die Hauptverantwortung trägt, wird innerlich und äußerlich als Schwein dargestellt (übrigens interessant, dass er Deutscher ist; Ich weiß nicht, welches Verhältnis COnrad sonst zu den Deutschen hat, ist vielleicht nur Zufall). Er jedenfalls wird, nachdem er genügend in seiner Erbärmlichkeit vorgeführt wurde, einfach erzählerisch abserviert, indem er flieht und sich den Folgen des Prozesses entzieht. Fast ebenso sieht es mit dem 2. Ingenieur aus, der in einem der Vorkapitel schon sehr unsympathisch dargestellt wurde.
Der 1. Ingenieur jedoch, ein alter Säufer, erhält mehr Aufmerksamkeit und auch Zuwendung durch Marlow, der ihn extra aufsucht und entsetzt flieht, als er erkennt, dass das Schuldgefühl den alten Offizier nun anscheinend restlos um den Verstand gebracht hat.
Ich komme nur sehr langsam voran und hoffe ab Samstag wieder mehr Zeit zum Lesen zu finden.
finsbury