Autor Thema: Joseph Conrad - Lord Jim  (Gelesen 2983 mal)

Offline JMaria

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Joseph Conrad - Lord Jim
« am: 6. November 2011, 10:16 »
Hallo zusammen,
hallo finsbury,

morgen beginnt die Leserunde "Lord Jim". Möchte sich uns noch jemand anschließen?

Das Buch wurde 1900 im Blackwood's Magazine zum ersten Mal publiziert. Eine moralische, aber auch eine Abenteuer-Geschichte. Wir dürfen gespannt sein.

Hier gehts zur Materialiensammlung:
http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,4470.0.html

Gruß,
Maria
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Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #1 am: 6. November 2011, 14:57 »
Hallo Maria,

danke dass du alles schon so schön eingerichtet hast. Morgen Abend habe ich hoffentlich Zeit, mit dem Lesen zu beginnen. Bis dann ein schönes Restwochenende.

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #2 am: 6. November 2011, 20:52 »
Hallo finsbury,

stress dich nicht, ein Tag hin oder her, macht ja nichts. Ich beginne entweder morgen abend oder am Dienstag.

Gruß,
Maria
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Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #3 am: 7. November 2011, 18:53 »
Halllo Maria,

habe anfangen können. Sofort dieser Conrad-Salzwasser-Sog!

Aber was ich  nicht verstehe: In meiner Ausgabe (S. Fischer TB von 1998) sagt Conrad in seinem Vorwort zu einer 17 Jahre später erscheinenden Auflage, dass die Leser Probleme mit der Erzählperspektive gehabt hätten: alles aus der Sicht des hinlänglich bekannten Kapitän Marlow, der dies alles erzählt. Ich habe nun aber die ersten vier Erzählabschnitte gelesen, und die sind aus der Sicht eines anonymen Er-Erzählers geschrieben. Hmmm ....
Ansonsten: Schon Jims erste Erlebnisse auf dem Schulschiff deuten darauf hin, dass er Schwierigkeiten haben wird, seine Träume von Ruhm und Ehre angesichts seiner Reaktionen auf Gefährdungen aufrecht erhalten zu können.

finsbury
« Letzte Änderung: 8. November 2011, 18:17 von finsbury »
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
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Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #4 am: 8. November 2011, 10:10 »
Hallo finsbury,


Aber was ich  nicht verstehe: In meiner Ausgabe (S. Fiscger TB von 1998) sagt Conrad in seinem Vorwort zu einer 17 Jahre später erscheinenden Auflage, dass die Leser Probleme mit der Erzählperspektive gehabt hätten: alles aus der Sicht des hinlänglich bekannten Kapitän Marlow, der dies alles erzählt. Ich habe nun aber die ersten vier Erzähleabschnitte gelesen, und die sind aus der Sicht eines anonymen Er-Erzählers ge-schrieben. Hmmm ....


bisher lässt sich noch nichts auf Marlow schließen. Allerdings heißt es, dass man in Erlebter Rede nicht immer weiß, wer erzählt. Theoretisch müsste sich das Rätsel noch lösen. Das finde ich bereits sehr geheimnisvoll.


ich war auch sofort in einem Sog ( Conrad-Salzwasser-Sog - genau ! )
in den ersten 3 Kapiteln, die ich nun gelesen habe, erfährt man bereits alles notwendige über Jim. Er ist ca. 180 cm groß, stammt aus einem Pfarrhaus, als Wasserkommis trägt er weiß (träumerische Unschuld?), war makellos sauber, seinen Spitznamen "Lord" hat er von den malaiischen Eingeborenen bekommen. In diesem Zusammenhang (weiß) fand ich auch den Ausdruck "schwarzer Undank" im 1. Kapitel sehr auffallend.

Zitat
Ansonsten: Schon Jims erste Erlebnisse auf dem Schulschiff deuten darauf hin, dass er Schwierigkeiten haben wird, seine Träume von Ruhm und Ehre angesichts seiner Reaktionen auf Gefährdungen aufrecht erhalten zu können.


das Träumen über Heldentum wiederholt sich auf der Patna.

Zu solchen Zeiten waren seine Gedanken ganz bei herzhaften Taten: er liebte diese Träume und das Gelingen seiner eingebildeten Handlungen. Sie waren das Beste vom Leben, seine geheime Wahrheit, seine verborgene Wirklichkeit.


mit der unbunten Farbe "Schwarz" hat es der Autor auffallend; weiteres Beispiel:

Und das Schiff zog, schwarz und qualmend, unentwegt seine Bahn, ausgedörrt von den Flammen, mit denen ein erbarmungsloser Himmel es geißelte.



In seinen Sätzen über das Meer kann man wirklich versinken.


Gruß,
Maria


« Letzte Änderung: 8. November 2011, 12:31 von JMaria »
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #5 am: 8. November 2011, 18:32 »
Hallo Maria und alle,

mein Problem mit Marlow hat sich nun geklärt:
In Kap. IV, der Gerichtsverhandlung, tritt Marlow, zunächst noch ohne namentliche Bezeichnung, als Zuhörer auf und übernimmt dann ab Kap. V - zumindest zunächst - die Schilderung des Geschehens aus seiner Sicht.
Mich stört nicht, was Conrad selbst im Vorwort rechtfertigt, dass eine Person nicht so lange am Stück sprechen würde. Diese Fiktion unterstellen viele Autoren in einer Rahmenhandlung. Dass der Roman allerdings in der personalen Erzählweise ohne Ich-Kommentator beginnt, finde ich doch etwas unlogisch.

Ansonsten ist Conrads Verwendung von Farbsymbolik wirklich auffällig, Maria: weiß, schwarz und auch immer wieder blau  werden miteinander kontrastiert, wobei schwarz für die Nemesis stehen könnte, weiß, wie du es gedeutet hast, und blau, die Farbe des Meeres, aber auch der Augen des einen - verständnisvollen  - Gerichtsbeisitzers, könnte Klarheit, ja sogar Aufgehobenheit einerseits bedeuten, aber
auch die Unendlichkeit der Natur. Blau wird häuifg nicht als Farbe benannt, aber Conrad spricht oft vom Leuchten des Himmels oder der spiegelnden Meeresfläche ( besonders in Kap.3).

Nun muss ich leider los, hab noch einen Abendtermin.

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #6 am: 8. November 2011, 21:22 »
Hallo finsbury,

bin nun bei der Stelle, wo sich Marlow gerne den Geschichtenerzähler gibt und wenn es nur darum geht "die Zeit nach Tisch zu vertreiben".

Sie rekeln sich in deinen guten Stühlen und denken bei sich selbst: 'Zum Teufel mit allen Anstrengungen. Lassen wir diesen Marlow reden!'

ähnlich wie in "Jugend" und "Herz der Finsternis"; nur dass Marlow in diesem Buch zuerst nicht namentlich auftritt, wie du bereits erwähnt hast.

Mir fiel außerdem der Begriff "faule Stelle" im Anfang 5. Kapitel auf, das ähnelt dem Begriff aus dem 2. Kapitel ... "den faulen Fleck, das Bemühen, sich ohne Anstrengung und Gefahr durchs Leben hindurchzuwinden."

Ich habe mit dem 5. Kapitel begonnen, werde aber heute abend nicht sehr weit kommen, frage mich aber bereits, was mit den 800 Pilgern passiert ist.

Gruß,
Maria
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #7 am: 9. November 2011, 14:02 »
Hallo finsbury,

ich möchte kurz aus einem Vorwort zitieren, das ich in "Der Spiegel der See" fand und sehr gut hierher passt, wegen J.Cs große Liebe zur See:

(...)Damit habe ich hier wohl genug über diese meine Abschiedsworte, über das letzte Aufflammen meiner großen Leidenschaft für die See gesagt. Ich nenne sie groß, denn für mich war sie es. Andere mögen sie eine törichte Verblendung nennen. Solche Worte werden bei jeder Liebesbeziehung gebraucht. Aber was auch immer es sein mag, die Tatsache bleibt bestehen, dass es etwas viel zu Großes war, um es in Worten zu fassen.... (...) J. C.

er hat es versucht und wir können es genußvoll annehmen.

Edit:
Kennst du den deutschen Marinemaler Hans Peter Jürgens? Seine malerischen Impressionen zu Textauszügen von J.C. sind sehenswert.

http://www.amazon.de/Spiegel-See-andere-Geschichten/dp/3782208811/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1320841563&sr=8-1

http://www.flensburg.de/imperia/md/images/asp/flensburg/bildung/schiffahrtsmuseum/priwall_home_500x370.jpg
http://www.entdecken-sie-ihre-raeume-neu.de/home3.htm




Gruß
Maria
« Letzte Änderung: 9. November 2011, 14:27 von JMaria »
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #8 am: 9. November 2011, 15:43 »
nochmals hallo,

@finsbury,
jetzt ergibt für mich auch eine Aussage aus dem 1. Kapitel mehr Sinn; dort wird von einem Fluchtverhalten Jims beschrieben.

Sein Inkognito, das so löcherig war wie ein Sieb, sollte keine Persönlichkeit, sondern eine Tatsache verbergen. Wenn die Tatsache durch das Inkognito hindurchschimmerte, verließ er schleunigst den Seehafen, und ging nch einem andern - gewöhnlich weiter nach Osten.

Ich liebe es an einem Buch, wenn so nach und nach Andeutungen aus vorherigen Kapiteln ans Licht kommen und sich erklären.

Gruß,
Maria
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #9 am: 10. November 2011, 19:09 »
Hallo Maria,

jetzt ergibt für mich auch eine Aussage aus dem 1. Kapitel mehr Sinn; dort wird von einem Fluchtverhalten Jims beschrieben.

Sein Inkognito, das so löcherig war wie ein Sieb, sollte keine Persönlichkeit, sondern eine Tatsache verbergen. Wenn die Tatsache durch das Inkognito hindurchschimmerte, verließ er schleunigst den Seehafen, und ging nch einem andern - gewöhnlich weiter nach Osten.

Ich liebe es an einem Buch, wenn so nach und nach Andeutungen aus vorherigen Kapiteln ans Licht kommen und sich erklären.

Na, dann hast du an diesem Roman bestimmt deine Freude! Mir macht es nichts aus, wenn ich schon von Anfang an weiß, worauf alles hinausläuft. Bei Literaturlexikon-geweihter Literatur lese ich auch vor der Lektüre immer erst den einschlägigen Artikel, werde mich aber ab jetzt zurückhalten, dir etwas zu verraten.
(Bei Krimis schlage ich übrigens auch meist vor dem 2. Drittel nach, wer der Mörder ist, danach macht mir die Lektüe mehr Spaß!  :redface:)

Dennoch, wahrscheinlich bist du ja schon darüber hinaus: Das V. Kapitel besteht - neben den moralphilosophischen Exkursen - ja fast nur aus Andeutungen. Man erfährt, dass der Kapitän, die beiden Ingenieure und der erste Offizier Jim gestrandet oder aufgefunden worden sind und dass sie in irgendwas sehr Ehrenrühriges verwickelt sind, was das aber ist, bleibt nebulös. Auch das VI. Kapitel beginnt so und führt wieder so eine herrlich ironisch gezeichnete Nebenfigur ein, Brierly, der als erster gestehen würde,

dass es seiner Meinung nach auch nicht ein zweites Mal solch einen Kapitän gab.

Auch ist interessant, wie abgestuft Conrad die vier Offiziere vom Schiff darstellt, in Bezug darauf, wie sie ihre Schuld verarbeiten. Der Kapitän, der schließlich wie auf jedem Schiff die Hauptverantwortung trägt, wird innerlich und äußerlich als Schwein dargestellt (übrigens interessant, dass er Deutscher ist; Ich weiß nicht, welches Verhältnis COnrad sonst zu den Deutschen hat, ist vielleicht nur Zufall). Er jedenfalls wird, nachdem er genügend in seiner Erbärmlichkeit vorgeführt wurde, einfach erzählerisch abserviert, indem er flieht und sich den Folgen des Prozesses entzieht. Fast ebenso sieht es mit dem 2. Ingenieur aus, der in einem der Vorkapitel schon sehr unsympathisch dargestellt wurde.
Der 1. Ingenieur jedoch, ein alter Säufer, erhält mehr Aufmerksamkeit und auch Zuwendung durch Marlow, der ihn extra aufsucht und entsetzt flieht, als er erkennt, dass das Schuldgefühl den alten Offizier nun anscheinend restlos um den Verstand gebracht hat.

Ich komme nur sehr langsam voran und hoffe ab Samstag wieder mehr Zeit zum Lesen zu finden.

finsbury
 
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #10 am: 11. November 2011, 11:14 »
Hallo finsbury,

du brauchst dich nicht zurückzuhalten. Bei Klassikern ist es für mich wichtiger, wie der Autor mich durch sein Werk führt. Also keine Angst vor Spoilern :-)


Dennoch, wahrscheinlich bist du ja schon darüber hinaus: Das V. Kapitel besteht - neben den moralphilosophischen Exkursen - ja fast nur aus Andeutungen. Man erfährt, dass der Kapitän, die beiden Ingenieure und der erste Offizier Jim gestrandet oder aufgefunden worden sind und dass sie in irgendwas sehr Ehrenrühriges verwickelt sind, was das aber ist, bleibt nebulös. Auch das VI. Kapitel beginnt so und führt wieder so eine herrlich ironisch gezeichnete Nebenfigur ein, Brierly, der als erster gestehen würde,

dass es seiner Meinung nach auch nicht ein zweites Mal solch einen Kapitän gab.


Brierly als Kontrast zu Jim.

Die Geschichte mäandert um Nebenfiguren und um Geheimnissen, bewundernswert, dass der Autor alle Fäden immer wieder zusammenbringt. Jeder von den Figuren birgt ein Geheimnis, um den Wesenskern des Lebens. Doch auch Marlow kann nicht alle Geheimnisse aufdecken.

Ich komme zum 9. Kapitel.

Gruß,
Maria
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« Antwort #11 am: 11. November 2011, 20:08 »
Hallo finsbury,

heute bin ich nicht zum Lesen gekommen. Ich wollte dich kurz noch fragen, ob du auch findest, dass Jim nur schwer zu fassen ist. Selbst Marlow sagt, dass der Bursche aussehe wie ein neuer Sovereign, aber es war ein teuflischer Zusatz in seinem Metall. Dennoch ist Marlow gerne bereit ihn zu trösten, ich glaube er ist von dessen Aussehen beeindruckt. Sein Charakter bleibt doch sehr verschwommen.

Gruß
Maria
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #12 am: 12. November 2011, 11:26 »
Hallo Maria,

konnte erst in der Nacht zu heute weiterlesen und stecke nun im VIII. Kapitel, bin also weniger weit als du.
Brierly als Kontrast zu Jim.
Ich glaube, dass Brierly eher eine Parallele zu Jim darstellen soll. Anscheinend hat er ja auch irgendwie Schuld auf sich geladen, an die er durch Jims Prozess erinnert wird und begeht dann Selbstmord ohne jede Erklärung, also auch ohne ein Schuldeingeständnis, genau so, wie auch Jim nicht fähig ist, sich seine Schuld einzugestehen, sondern immer noch davon träumt, ein heldenhaftes Leben zu führen.
Die Situation auf dem Dampfer ist tatsächlich schwierig. Wie würde ein mutiger und heldenhafter Mensch damit umgehen? In aller Schnelle, Frauen, Kinder, junge Leute zuerst in die Boote und mit den anderen versuchen, das Schott zu verstärken?
Dem Leser wird einerseits durch Jims Erzählung vermittelt,  dass das Sinken eine Frage von Sekunden gewesen sei, andererseits wird die Zeit durch die moralischen Exkurse so gedehnt, dass ich mich unwillkürlich  fragte, ob man nicht doch locker Zeit zum Abfieren der Rettungsboote gehabt hätte. So können einen Erzählzeit und erzählte Zeit in die Irre führen.

Ich wollte dich kurz noch fragen, ob du auch findest, dass Jim nur schwer zu fassen ist. Selbst Marlow sagt, dass der Bursche aussehe wie ein neuer Sovereign, aber es war ein teuflischer Zusatz in seinem Metall. Dennoch ist Marlow gerne bereit ihn zu trösten, ich glaube er ist von dessen Aussehen beeindruckt. Sein Charakter bleibt doch sehr verschwommen.

Ja, das geht mir auch so. Vor allem dieser Charakterzug, dass er immer noch davon träumt, ein Held zu sein, obwohl er doch nun gerade so kläglich gescheitert ist, ist für mich schwierig zu verstehen. Dass er seine eigene moralische Schuld verdrängt, kann ich psychologisch nachvollziehen, aber dieses gleichzeitige Bewusstsein, eigentlich ein mit allen Wassern gewaschenener Held sein zu können, hmm.

finsbury
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Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #13 am: 12. November 2011, 12:28 »
Ja, das geht mir auch so. Vor allem dieser Charakterzug, dass er immer noch davon träumt, ein Held zu sein, obwohl er doch nun gerade so kläglich gescheitert ist, ist für mich schwierig zu verstehen. Dass er seine eigene moralische Schuld verdrängt, kann ich psychologisch nachvollziehen, aber dieses gleichzeitige Bewusstsein, eigentlich ein mit allen Wassern gewaschenener Held sein zu können, hmm.

finsbury

Hallo finsbury,

genauso empfinde ich es auch. Vertanen Situationen nachzutrauern, kann man ja verstehen, aber die Verdrängung der Schuld irritiert mich ebenso. Es macht aber auch weiter neugierig auf die Entwicklung der Geschichte.


Zitat
Dem Leser wird einerseits durch Jims Erzählung vermittelt,  dass das Sinken eine Frage von Sekunden gewesen sei, andererseits wird die Zeit durch die moralischen Exkurse so gedehnt, dass ich mich unwillkürlich  fragte, ob man nicht doch locker Zeit zum Abfieren der Rettungsboote gehabt hätte. So können einen Erzählzeit und erzählte Zeit in die Irre führen.


gut, dass du das erwähnst. Ich habe mich schon etwas in die Irre führen lassen, stell ich gerade fest. Vielleicht aber auch ein gewollter Kniff des Autors (?)


Zitat
Ich glaube, dass Brierly eher eine Parallele zu Jim darstellen soll. Anscheinend hat er ja auch irgendwie Schuld auf sich geladen, an die er durch Jims Prozess erinnert wird und begeht dann Selbstmord ohne jede Erklärung, also auch ohne ein Schuldeingeständnis...


eine gute Erklärung. Das war mir bis jetzt unklar.

Gruß,
Maria
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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #14 am: 13. November 2011, 12:35 »
Die Situation auf dem Dampfer ist tatsächlich schwierig. Wie würde ein mutiger und heldenhafter Mensch damit umgehen? In aller Schnelle, Frauen, Kinder, junge Leute zuerst in die Boote und mit den anderen versuchen, das Schott zu verstärken?
Dem Leser wird einerseits durch Jims Erzählung vermittelt,  dass das Sinken eine Frage von Sekunden gewesen sei, andererseits wird die Zeit durch die moralischen Exkurse so gedehnt, dass ich mich unwillkürlich  fragte, ob man nicht doch locker Zeit zum Abfieren der Rettungsboote gehabt hätte. So können einen Erzählzeit und erzählte Zeit in die Irre führen.

Mag sein, die Lage ist schwierig.
Nur ist das, insbesondere für Landeier  :zwinker:  ja gar nicht so klar.
Frage ist: wie wäre eine andere Mannschaft damit umgegangen?

Ich hab, als ich noch jung war, eine Unmenge Seefahrer-, Entdecker-, Piratenliteratur verschlungen.
Und erinnere mich ganz genau:

das Schimpflichste überhaupt ist, wenn die Mannschaft vor den Passagieren das Schiff verlässt.
Und der Kapitän hat es als letzter zu verlassen.

Und deshalb hat Jim versagt, und zwar schon zum zweiten Male, nach der Situation auf dem Schulschiff im ersten Kapitel.

Davon abgesehen: abwarten ...   :zwinker:
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
(G. C. Lichtenberg)