Alles in allem ein toller Roman, dem das Streichen von 50 Seiten Redundanzen moralischer Ergüsse noch mehr Wucht verliehen hätten.
Jeder liest ein Buch anders.
Ich hab's nicht als Moralisiererei empfunden.
Ich wäre interessiert, zu wissen, auf welche Passagen ihr euch bezieht.
Ich hab mich selten so oft, wie bei JC, selber drauf gestoßen, dass es gilt, einen Unterschied zu machen zwischen dem Autor, und den Personen, denen er seine Geschichte in den Mund legt.
Hier ja ganz wörtlich – Marlow erzählt sie (den größten Teil davon) einem Kreis von Zuhörern.
Und mag sein, dass, was wir als Weitschweifigkeit und Moralisiererei empfinden, so sein MUSS.
Weil Marlow so ist.
Ein in seiner Gesetztheit (wie alt ist der eigentlich?) manchmal etwas nervender Typ.
Wir haben zwei, die moralisieren. Marlow, und, durch seine Erzählung, Stein.
Und wir haben Jim.
Mag sein, Jim + Marlow + Stein = ich (Conrad) ?
Was mich eher gestört hat, ist das Ungleichgewicht der beiden Teile, überhaupt die sehr offenkundige Zweiteilung. Wenn es so ist, dass ursprünglich nur die Pilgerschiff-Episode da war, dann mag es JC nicht gelungen sein, beides richtig miteinander zu verstricken.
Wie es am Anfang der "Author's Note" steht
When this novel first appeared in book form a notion got about that I had been bolted away with.
Fritz Lorch übersetzt: der Roman sei mit ihm durchgegangen
Und wie JC es so fast 20 Jahre später aufschreibt, finde ich nicht unwitzig.
Also, meiner Ansicht nach ist er mit ihm durchgegangen.
Das Werk ist nicht so geschlossen, wie der (umgangreichere) "Nostromo" oder "Sieg."
Ich halte JC aber zugute, dass "Lord Jim" ein frühes Werk ist.
Die vorherigen "Almayers Wahn" und "Herz der Finsternis" sind vielleicht kompositorisch besser, aber ja auch kürzer.