Autor Thema: Joseph Conrad - Lord Jim  (Gelesen 2983 mal)

Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #60 am: 16. Dezember 2011, 18:36 »
danke für die Lorbeeren und Rückgabe derselben an euch: die Bedeutung der Farbe Weiß an Jim hätte ich ohne dich, Maria, überlesen, und du, Leibgeber, hast unsere Runde durch deine Lektüreerinnerungen und Recherchen sehr bereichert.
Das ist ja das Schöne an diesen Leserunden, dass man erstens zu mehreren viel mehr erkennt und dass man zweitens selber auch intensiver liest, weil man sich darüber austauscht.

finsbruy
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline Leibgeber

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #61 am: 18. Dezember 2011, 12:47 »
Alles in allem ein toller Roman, dem das Streichen von 50 Seiten Redundanzen moralischer Ergüsse noch mehr Wucht verliehen hätten.

Jeder liest ein Buch anders.
Ich hab's nicht als Moralisiererei empfunden.

Ich wäre interessiert, zu wissen, auf welche Passagen ihr euch bezieht.

Ich hab mich selten so oft, wie bei JC, selber drauf gestoßen, dass es gilt, einen Unterschied zu machen zwischen dem Autor, und den Personen, denen er seine Geschichte in den Mund legt.
Hier ja ganz wörtlich – Marlow erzählt sie (den größten Teil davon) einem Kreis von Zuhörern.

Und mag sein, dass, was wir als Weitschweifigkeit und Moralisiererei empfinden, so sein MUSS.
Weil Marlow so ist.
Ein in seiner Gesetztheit (wie alt ist der eigentlich?) manchmal etwas nervender Typ.

Wir haben zwei, die moralisieren. Marlow, und, durch seine Erzählung, Stein.
Und wir haben Jim.
Mag sein, Jim + Marlow + Stein = ich (Conrad) ?

Was mich eher gestört hat, ist das Ungleichgewicht der beiden Teile, überhaupt die sehr offenkundige Zweiteilung. Wenn es so ist, dass ursprünglich nur die Pilgerschiff-Episode da war, dann mag es JC nicht gelungen sein, beides richtig miteinander zu verstricken.

Wie es am Anfang der "Author's Note" steht
Zitat
When this novel first appeared in book form a notion got about that I had been bolted away with.
Fritz Lorch übersetzt: der Roman sei mit ihm durchgegangen

Und wie JC es so fast 20 Jahre später aufschreibt, finde ich nicht unwitzig.

Also, meiner Ansicht nach ist er mit ihm durchgegangen.
Das Werk ist nicht so geschlossen, wie der (umgangreichere) "Nostromo" oder "Sieg."

Ich halte JC aber zugute, dass "Lord Jim" ein frühes Werk ist.
Die vorherigen "Almayers Wahn" und "Herz der Finsternis" sind vielleicht kompositorisch besser, aber ja auch kürzer.
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
(G. C. Lichtenberg)

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #62 am: 18. Dezember 2011, 20:23 »

Wir haben zwei, die moralisieren. Marlow, und, durch seine Erzählung, Stein.
Und wir haben Jim.
Mag sein, Jim + Marlow + Stein = ich (Conrad) ?


durch die verschiedenen Erzähler gibt es doch auch oft Wiederholungen, des gleichen gesagten. Dadurch bekam ich einen Eindruck des Moralisierens, getrennt genommen ist es vielleicht garnicht so oft vorgekommen.

Es drehte sich um das Ergründen des "Geheimnisses", dass dann ja doch "nur" des Rätsels Lösung in der Romantik des Helden lag (?). Dieses Kreisen hatte seine Längen.


Zitat von: Leibgeber
Was mich eher gestört hat, ist das Ungleichgewicht der beiden Teile, überhaupt die sehr offenkundige Zweiteilung. Wenn es so ist, dass ursprünglich nur die Pilgerschiff-Episode da war, dann mag es JC nicht gelungen sein, beides richtig miteinander zu verstricken.


ja, ich finde auch man merkt der Geschichte an, dass Marlow erst im Nachhinein als Erzähler eingefügt wurde. Es wirkt etwas wie ein Flickwerk, obwohl es immer noch eine starke Geschichte ist.

Viele Grüße
Maria

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Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #63 am: 18. Dezember 2011, 20:27 »
Alles in allem ein toller Roman, dem das Streichen von 50 Seiten Redundanzen moralischer Ergüsse noch mehr Wucht verliehen hätten.

Jeder liest ein Buch anders.
Ich hab's nicht als Moralisiererei empfunden.

Ich wäre interessiert, zu wissen, auf welche Passagen ihr euch bezieht.

Das ist nur meine Meinung. Maria hat sich dazu meines Wissens nicht geäußert*.


Ich hab mich selten so oft, wie bei JC, selber drauf gestoßen, dass es gilt, einen Unterschied zu machen zwischen dem Autor, und den Personen, denen er seine Geschichte in den Mund legt.
Hier ja ganz wörtlich – Marlow erzählt sie (den größten Teil davon) einem Kreis von Zuhörern.

Und mag sein, dass, was wir als Weitschweifigkeit und Moralisiererei empfinden, so sein MUSS.
Weil Marlow so ist.
Ein in seiner Gesetztheit (wie alt ist der eigentlich?) manchmal etwas nervender Typ.

Wir haben zwei, die moralisieren. Marlow, und, durch seine Erzählung, Stein.
Und wir haben Jim.
Mag sein, Jim + Marlow + Stein = ich (Conrad) ?
Natürlich ist es der Erzähler, nicht der Autor, der moralisiert, aber dazu hätten ja auch ein paar Beispiele gereicht und nicht solche langen redundanten Passagen.
Das erinnert mich an eine weibliche Nebenperson in Dickens "Nicolas Nickleby", die auf naiv-dreiste Art von sich selbst überzeugt ist. Auch das ist am Anfang interesant (und lustig), aber auf die Dauer nervt es.
Steins Moralisierungen finde ich oka, eben dadurch, dass die Moral durch die Handlung deutlich wird.


Was mich eher gestört hat, ist das Ungleichgewicht der beiden Teile, überhaupt die sehr offenkundige Zweiteilung. Wenn es so ist, dass ursprünglich nur die Pilgerschiff-Episode da war, dann mag es JC nicht gelungen sein, beides richtig miteinander zu verstricken.

Wie es am Anfang der "Author's Note" steht
Zitat
When this novel first appeared in book form a notion got about that I had been bolted away with.
Fritz Lorch übersetzt: der Roman sei mit ihm durchgegangen

Und wie JC es so fast 20 Jahre später aufschreibt, finde ich nicht unwitzig.

Also, meiner Ansicht nach ist er mit ihm durchgegangen.
Das Werk ist nicht so geschlossen, wie der (umgangreichere) "Nostromo" oder "Sieg."

Ich halte JC aber zugute, dass "Lord Jim" ein frühes Werk ist.
Ich auch. Das hat mir das Lesen nicht getrübt. Übrigens halte ich, wie ich schon sagte, die Lektüre dieses Romans trotz meines "Meckerns" für einen der wichtigsten und großartigsten Lektüre diesen Jahres.

finsbury

* Während ich dies hier schrieb, dann doch!  :winken:
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Offline Leibgeber

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #64 am: 18. Dezember 2011, 21:59 »
Das erinnert mich an eine weibliche Nebenperson in Dickens "Nicolas Nickleby", die auf naiv-dreiste Art von sich selbst überzeugt ist. Auch das ist am Anfang interesant (und lustig), aber auf die Dauer nervt es.

Stimmt.
Aber Dickens kommt einem da besonders in den Kopf, weil es bei dem so auffällig ist.
Denn er verwendet immer dieselben paar Verhaltensweisen bzw. Redewendungen, um eine Person zu charakterisieren.
Klassisch bei Mr. Micawber mit seiner Redewendung von den "Einkommen 20 Pfund ...."
Was dann werweißwieoft immer wieder vorkommt.

Es drehte sich um das Ergründen des "Geheimnisses", dass dann ja doch "nur" des Rätsels Lösung in der Romantik des Helden lain Flickwerk, obwohl es immer noch eine starke Geschichte ist.

Zustimmung.

Aber über Jims Charakter grübele ich immer noch ......

Waren Marlow und Stein "auch mal Jim" und haben ihren Weg da raus gefunden?
So wie Brierly "auch mal Jim war" und den Weg nicht fand ?

Der Roman bleibt auf dem Schreibtisch, bis ich in der Biographie von F. Karl die darauf bezüglichen Passagen gelesen hab.
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
(G. C. Lichtenberg)

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #65 am: 19. Dezember 2011, 09:01 »
Aber über Jims Charakter grübele ich immer noch ......

Waren Marlow und Stein "auch mal Jim" und haben ihren Weg da raus gefunden?
So wie Brierly "auch mal Jim war" und den Weg nicht fand ?

Der Roman bleibt auf dem Schreibtisch, bis ich in der Biographie von F. Karl die darauf bezüglichen Passagen gelesen hab.

ich glaube das Problem bei Jim liegt darin, dass er eine Entscheidung nicht vorher durchdenken kann... was passiert wenn ich so handele .... jedoch sich den Konsequenzen stellt ! Mir ist nur nicht klar, ob er sich den Konsequenzen stellte, weil er ein Ehrgefühl in sich hat oder ob es zu seinem Heldenbild dazugehört. Wenn er es schon nicht schafft ein Held zu sein, so doch im Nachhinein... (oder so ähnlich). Ein schwer zufassendes Ich.


Viele Grüße
Maria
« Letzte Änderung: 19. Dezember 2011, 11:31 von JMaria »
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Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #66 am: 19. Dezember 2011, 22:04 »
Hallo Leibgeber und Maria,

Dass Marlow und Stein auch mal wie Jim waren - als auctoriale Annahme, glaube ich nicht: Marlow stellt ja immer wieder heraus, dass er Jim als ganz singulär empfindet, eben durch diese seelische Katastrophe, dass er als geborener Held im Selbstbild in die Welt einstieg als ein Feigling. Das fängt ja schon als Junge auf dem Schulschiff an. Schon da findet er nicht schnell genug den Weg, um sich in einer Rettungssituation zu bewähren. Und so geht es immer weiter, bis die "Lord"-Existenz die scheinbare Wende bringt, aber nur als sogenanntes Retardierendes Moment, als verzögernder 4.Akt, bevor es schließlich in die finale Katastrophe geht.

finsbury
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Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #67 am: 20. Dezember 2011, 14:28 »
Und so geht es immer weiter, bis die "Lord"-Existenz die scheinbare Wende bringt, aber nur als sogenanntes Retardierendes Moment, als verzögernder 4.Akt, bevor es schließlich in die finale Katastrophe geht.

finsbury

ein interessanter Gedanke, finsbury, und sehr breit verwendbar, wenn ich es mir im nachhinein überlege.
Könnte man nicht auch sagen, dass J.C. im gesamten Roman eine Retardierung einbringt durch die Erzähleinschübe, desweiteren das Leben des "Tuan" Jim, mit einem scheinbaren glücklichen Leben, was dem aber nicht so ist, wie du oben schon schreibst, aber auch die Person Jim selbst ist in einer Retardierung verhangen, als er nicht über die pubertäre Heldenphase hinausgekommen ist.

Viele Grüße
Maria
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Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad - Lord Jim
« Antwort #68 am: 20. Dezember 2011, 20:10 »
Hallo Maria,

ein interessanter Gedanke, finsbury, und sehr breit verwendbar, wenn ich es mir im nachhinein überlege.
Könnte man nicht auch sagen, dass J.C. im gesamten Roman eine Retardierung einbringt durch die Erzähleinschübe, desweiteren das Leben des "Tuan" Jim, mit einem scheinbaren glücklichen Leben, was dem aber nicht so ist, wie du oben schon schreibst, aber auch die Person Jim selbst ist in einer Retardierung verhangen, als er nicht über die pubertäre Heldenphase hinausgekommen ist.

Ja, so könnte man das auch sehen. Ich habe mich hier allerdings auf das klassische griechische Drama bezogen, wo der 4. Akt, in diesem Übertrag der Aufenthalt in Patusan, eine scheinbare Hoffnung auf Wende bringt, bevor dann im 5. Akt die Katastrophe alle diese Hoffnungen und Pläne davonspült.

finsbury
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