Es ist schon ein Elend! Wenn man einmal anfängt, bestimmte Stellen in einem Werk nachzulesen, liest man sich mehr oder weniger automatisch fest – und zwar grundsätzlich in Kapiteln, die mit der ursprünglichen Leseabsicht nichts mehr zu tun haben. So erging es mir gestern mit Goethes „Dichtung und Wahrheit“. Eigentlich wollte ich die im 10. Buch festgehaltene erste Begegnung mit Herder noch einmal Revue passieren lassen in der Hoffnung, etwas Klarheit in die Beziehung der beiden jungen Denker zu bringen. Stattdessen blieb ich im 7. Buch hängen, wo Goethe mit der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts Schlitten fährt. Recht interessant das Ganze: viele Namen, die mir nichts sagen und die heute vermutlich zurecht vergessen sind; aber auch solche, die einen zweiten Blick evtl. lohnen. Wer, wie ich, das 18. Jahrhundert mehr oder weniger über die französischen Aufklärer Montesquieu, Voltaire, Rosseau, Diderot kennenlernte, staunt jedenfalls nicht schlecht über die Vielfalt der deutschen Literatur in der Vorgoethezeit, die aus mehr bestand als Klopstock und Lessing.
Zurück zu unserem Freund J.G. Herder. Ich bin das bisher Gelesene (bis S. 31) noch einmal mit dem Bleistift durchgegangen. Dabei stieß ich auf die unterschiedlichen Vorstellungen, die sich der junge Stürmer und Dränger bezüglich seiner selbst macht. Mal wünscht er als Reformator wirken zu können, als zweiter Zwingli, Calvin oder Luther die Barbarei zu zerstören; dann möchte er Lehrer und Prediger einer verbesserten evangelischen Religion sein („... ein Prediger der Tugend deines Zeitalters!“); kurz zuvor sah er sich als Sammler europäischer Mythen, um daraus eine philosophische Theorie zu ziehen; eng damit verknüpft ist seine Vorstellung, als Geschichtsschreiber „ein Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Cultur der Erde!“ zu verfassen. Ein buntes Projektgemisch, von dem wir heute wissen, welchen Weg es nahm.
Wie weit seid Ihr, liebe MitstreiterInnen?