Hallo zusammen,
nachdem ich inzwischen 3. Kapitel gelesen habe, will ich mal mit ein paar Notizen den Anfang machen. Im ersten Kapitel wird der Kommerzienrat Ezechiel van der Straaten vorgestellt. Ich musste erst einmal nachsehen was ein Kommerzienrat ist:
Kommerzienrat war ein Ehrentitel der im Deutschen Reich an Persönlichkeiten der Wirtschaft nach erheblichen „Stiftungen für das Gemeinwohl“ verliehen wurde. 1919 wurde der Titel abgeschafft: Nichtakademische Titel dürfen in Deutschland nur noch verliehen werden, wenn sie ein Amt oder einen Beruf bezeichnen. In Österreich wird dagegen der Kommerzialrat noch immer verliehen.
Ezechiel so erfahren wir hasste es sich zu genieren und sich zu ändern und er hatte eine Vorliebe für drastische Sprichwörter und „geflügelte Worte“ und liebte es lyrische Zitate einzustreuen wie z.B. „O rühret, rühret nicht daran“ aus einem Liebesgedicht von Emanuel Geibel:
http://www.poesie-liebesgedichte.de/geibel/ruehret-nicht-daran.htmDer 42-jährige van der Straaten hatte die 17-jährige Schweizer Adlige Melanie de Caparoux geheiratet, deren Vater kurz zuvor gestorben war und nur Schulden hinterließ. Inzwischen sind 10 Jahre vergangen, das Ehepaar hat zwei Töchter und Melanie, die Ezechiels ganzer Stolz ist lebt wie eine Prinzessin im Märchen.
Im 2. Kapitel wird die Kopie eines Gemäldes angeliefert, dass das Ehepaar bei einer Venedigreise gesehen hatte:
Ich will dir übrigens zu Hilfe kommen... Ein Tintoretto.«
»Kopie?«
»Freilich«, stotterte van der Straaten etwas verlegen. »Originale werden nicht hergegeben. Und würden auch meine Mittel übersteigen. Dennoch dächt' ich...«
Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes mit ihrem Lorgnon gemustert und sagte jetzt: »Ah, l'Adultera!... Jetzt erkenn' ich's. Aber daß du gerade das wählen mußtest! Es ist eigentlich ein gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der Spruch... Wie heißt er doch?«
»›Wer unter euch ohne Sünde ist...‹« Das Gemälde illustriert eine Stelle aus dem Johannesevangelium, nämlich Kapitel 8, Vers 1 – 11:
http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/jh%208,1-11/Sehr interessant ist das folgende Gespräch zwischen den Eheleuten: Melanie sieht was Ermutigendes darin, Ezechiel eine ständige Erinnerung, dass sein Glück nicht beständig sein kann.
Im 3. Kapitel informiert Ezechiel seine Frau, dass ein Logiergast ins Haus steht: Ein Volontär, ältester Sohn eines befreundeten Frankfurter Hauses: Ebenezer Rubehn:
»Ebenezer Rubehn«, wiederholte Melanie langsam und jede Silbe betonend. »Ich bekenne dir offen, daß mir etwas Christlich-Germanisches lieber gewesen wäre. Viel lieber. Als ob wir an deinem Ezechiel nicht schon gerade genug hätten! Und nun Ebenezer. Ebenezer Rubehn! An dieser Stelle ist mir erst klar geworden, dass nicht nur der neue Logiergast, sondern auch der Kommerzienrat jüdischer Abstammung ist. Es wird zwar nicht direkt ausgesprochen und beide sind auch getauft, aber nomen est omen
Der Roman „L’Adultera“ basiert ja auf einer Skandalgeschichte im Berlin der wilhelminischen Ära: Louis-Fréderic Jacques Ravenè war von seiner Frau wegen eines jüngeren Mannes einem Assessor Simon verlassen worden. Der Liebhaber war ein Jude, der Ehemann allerdings nicht. Warum ist Fontane hier von der realen Story abgewichen? Wahrscheinlich wollte er nicht, dass in seinem Roman ein Jude einem Nichtjuden die Frau wegnimmt. Ein paar Jahre später hätte er diese Änderung wohl nicht mehr vorgenommen, sein Verhältnis zum Judentum hatte sich drastisch verschlechtert.