Autor Thema: Juli 2003: Jens Peter Jacobsen - Niels Lyhne  (Gelesen 4514 mal)

Offline Hubert

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„Niels Lyhne“, nach Kapitel VI
« Antwort #15 am: 14. September 2003, 18:13 »
Hallo liebe Amelie,

so, ich habe den Thread jetzt verschoben und ich hoffe Du musstest nicht lange suchen. Ich bewundere Dich, dass Du die alte deutsche Schrift lesen kannst, ich tue mir da immer sehr schwer und vermeide es, wenn es geht. Ich komme jetzt zum 7. Kapitel und wenn alles klappt, lese ich heute abend noch bis Kapitel 9. Wie Du schon sagtest, das Buch liest sich sehr schnell.. Das 7. Kapitel fängt bei mir sehr schön, wie folgt an: „Es war an einem Frühlingsabend; die Sonne schien so rot ins Zimmer hinein, sie war im Begriff unterzugehen. Die Flügel der Mühle oben auf dem Wall jagten ihre Schatten über die Fensterscheiben und über die Wände des Zimmers, sie kamen, sie schwanden in einförmigem Wechsel von Dämmerung und Licht: - eine Sekunde Dämmerung, zwei Sekunden Licht."

Solche Stellen lese ich sehr gern, etwas schwerer tue ich mir wenn Jacobsen gesprochene Dialoge wiedergibt. Ich will mal ein Beispiel geben. Im 3. Kapitel hat Bigum vergeblich seine Liebe zu Edele offenbart:

„Und Sie können mich gar nicht lieben?“ stöhnte Bigum fast unhörbar; „ach, das ist furchtbar, es gibt nichts in meiner Seele, das ich nicht morden, entwürdigen würde, wenn ich Sie dadurch gewinnen könnte. Nein, würde mir der Wahnsinn geboten und besäße ich Sie, besäße Sie in den Gesichten des Wahnsinns, so würde ich sagen: hier ist mein Gehirn, grabe mit schonungsloser Hand in seinem Bau und zerreiße jeden feinen Faden, mit dem mein Geist an den strahlenden Triumphwagen des Menschengeistes gebunden ist, und laß mich in den Morast der Materie hinabsinken, unter das Rad des Wagens, und laß die andern die Wege ihrer Herrlichkeit zum Lichte emporziehen! .....

Kannst Du dir vorstellen, dass jemand aus dem Stegreif so redet, oder bin ich da jetzt zu unromantisch? Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass wir das Buch nicht nur zusammen lesen, sondern uns auch darüber unterhalten wollen. –  :zwinker:

Weichen die von mir wiedergegebenen Textstellen, stark von Deiner Übersetzung ab, oder ist es ähnlich?

Ich will im Laufe der Woche noch im Forum „Chronik“ einen Thread über Jens Peter Jacobsen und sein Werk anlegen. Diesen Thread kannst Du dann natürlich mit weiteren Informationen ergänzen. Oder falls Du Lust hast, kannst Du natürlich auch diesen Thread anlegen.
 
Liebe Grüße

Hubert

Offline amelie

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September 2003: Jens Peter Jacobsen: „Niels Lyhne“
« Antwort #16 am: 15. September 2003, 10:49 »
Hallo Hubert!
Also ich kann mir schon vorstellen, dass jemand (oder auch ich) imÜberschwang der Leidenschaft so spricht. Dasliegt vielleicht daran, dass ich sehr viel lese und auch sehr viel Thomas Mann gelesen habe, wobei dieser ja für seine Schachtelsätze bekannt ist. Das hatte zur Folge, dass es in meiner ersten Geschichte ähnlich aussah, weshalb viele diese unverständlich fanden. Aber ich finde es schöne, wenn man sich gewählt und auch kompliziert ausdrückt und denke, dass man, wenn man lange genug "übt", irgendwann auch in Situationen größten Gefühls, bei denen man geneigt ist die Kontrolle zu verlieren, eine solche Sprache anwendet.
Die "Windmühlenstelle" mochte ich auch sehr, ich finde es immer schön, wenn die Natur oder dieUmgebung beschrieben wird.
Was hältst du denn von unserem guten Herrn Bigum ? Ich denke, er versäumt das Leben, da er sich in einer Liebe ergeht, von der er niemals erwarten kann, dass ihm etwas gegeben wird. Ausserdem isoliert er sich durch seine Geisteshaltung und fühlt sich ungerecht behalndelt. Aber er unternimmt nichts, sondern fügt sich in sein Schicksal und klagt lieber. Finde ich nicht so erstrebenswert.
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Offline Hubert

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Tante Edele und Herr Bigum
« Antwort #17 am: 16. September 2003, 20:51 »
Hallo Amelie,

wenn sich jemand gewählt ausdrückt, finde ich das auch schön und ich bin ganz Deiner Meinung, dass man durch lesen guter Bücher, seine eigene Sprache verbessern kann und soll. Thomas Mann zu lesen ist da sicher auch ganz sinnvoll. Ich lese ihn ja auch sehr gerne und habe gar nichts gegen Schachtelsätze. Mich hat auch nicht die grammatikalische Struktur der Dialoge von Jacobsen gestört, da kenne ich sowohl aus Büchern, als auch aus Gesprächen Schlimmeres. Ich habe mich nur gewundert, dass Bigum, nachdem er gerade eine Abfuhr erhalten hat, sein Gehirn gegen Edeles Liebe tauchen will. Bei aller Liebe – ich würde das nicht anbieten.

Was ich von Herrn Bigum halte? Nun, ich sehe ihn nicht so negativ wie Du.. Warum soll man nicht etwas Unerreichbares lieben können? Wahrscheinlich immer noch besser, als wenn man überhaupt nicht liebesfähig ist. Meiner Meinung nach, ist das letztere Edeles eigentliche Krankheit, Unfähigkeit zur Liebe, an der sie letztendlich auch stirbt. Wie siehst Du das? –

Ich frage mich, was die beiden überhaupt in Niels Lyhnes Geschichte verloren haben? Würde der Roman anders verlaufen ohne die Beiden, oder wäre er nur um ein Kapitel kürzer? Ich vermute mal Jacobsen wollte hier einfach zwei Personen zeigen, von denen die eine, geliebt wird aber nicht lieben kann, der andere nicht geliebt wird aber liebt. Was ist besser?      

Gruß

Hubert

Offline amelie

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September 2003: Jens Peter Jacobsen: „Niels Lyhne“
« Antwort #18 am: 17. September 2003, 15:07 »
Naja, das Problem ist auch nicht so sehr, dass Herr Bigum etwas unerreichbares verfolgt, sondern eher, dass er dabei nicht glücklich ist. vielleicht wirst du sagen:"dabei kann man ja auch nur unglücklich werden!" aber das ist nicht so. ich denke(oder habe es schon selbst erlebt), man kann sich trotzdem freuen, dass man überhaupt liebesfähig ist und aufnahmebereit für die schönheit des seins und lebens. allerdings muss man auch zur rechten zeit zu dieser unerfüllbaren liebe distanz beziehen, sie darf nicht das ganze leben einnehmen. diesen punkt hat herr bigum versäumt, er ergeht sich in seiner lethargie anstatt sich durch andere dinge aufzuwerten. so macht er sich immer wertloser und abhängiger von den launen des fräuleins.

das mit den schachtelsätzen hatte ich nur aufgegriffen, um deine frage zu beantworten, ob ich mir vorstellen könne, dass jemand im efühlsstrom wirklich so redet.
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Offline Lucien

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September 2003: Jens Peter Jacobsen: „Niels Lyhne“
« Antwort #19 am: 17. September 2003, 16:03 »
salut amelie, hallo Hubert,

würde mich gerne an eurer Diskussion über das Buch beteiligen... Habe das Buch zwar schon im Mai gelesen, aber keine Sorge ich will nichts vorweg nehmen...

Dieser Herr Bigum ist natürlich eine sehr bemitleidenswerte Gestalt. Sie erinnert mich sehr an den kleinen Herrn Friedemann. Thomas Mann hat den Niels Lyhne übrigens auch gut gekannt, und es würde mich nicht wundern, wenn davon auch etwas in seine spätere Erzählung mit eingeflossen ist...
Ich denke viele Schriftsteller schaffen solch' eine Figur wie den Herrn Bigum, weil sie damit ihre eigene theoretisch-intellektuelle Ausrichtung auf das Leben, problematisieren wollen. Diese nur "abstrakte" Sicht auf die Welt (wie sie im Roman genannt wird) fällt augenblicklich in sich zusammen und wird als nichtig erkannt, wenn es zu einem Einbrechen der Triebwelt, der erotischen Fixierung oder ähnlichem kommt...

Für den jungen Niels Lyhne, der diese Szene verfolgen muss, ist das natürlich ein entscheidendes Erlebnis, was ja auch sehr gut und
eindringlich beschrieben wird... Eine mögliche Flucht vor der Lebensproblematik in die Geistigkeit wird ihm damit schon früh als nicht erstrebenswert vorgeführt...

Also, ich persönlich halte diese Szene für die beste literarische Darstellung einer Abfuhr, die ich überhaupt jemals gelesen habe... Hart, ehrlich, anschaulich, die ganze Tragik einer aussichtslosen Liebe auf den Punkt gebracht.

Bleibt am Ball,
und nicht zu schnell lesen: der Jacobsen schreibt unheimlich kompakt, da ist beinahe kein Satz nur so dahingeschrieben...

Grüsse,
Lucien

Offline Hubert

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Niels Lyhne (mitten im 9. Kapitel)
« Antwort #20 am: 18. September 2003, 03:26 »
Hallo zusammen,

vorab: da Ihr, Amelie und Lucien, mich noch nicht so gut kennt, will ich mal was klarstellen. Wenn es vielleicht, durch meine kritischen Äußerungen so scheint, als würde mir der Roman von Jacobsen nicht gefallen – Nein, er gefällt mir insgesamt recht gut und ich will eigentlich nur die Diskussion etwas anregen. Insbesondere meine Bemerkung über Jacobsens Dialoge müsste ich jetzt im 9. Kapitel sowieso revidieren. Die Abschiedsszene von Niels mit Frau Boye finde ich z.B. Klasse:

„Du sollst es wissen, - du weißt nicht, wie ich dich liebe, was ich gelitten, wie ich entbehrt habe. Könnten die Stuben am Wall sprechen! Tema!“
„Was könnten die Stuben sagen, Niels?“
„Tema, könnten sie zehntausendmal sagen und noch mehr, sie könnten in diesem Namen beten, in diesem Namen rasen, seufzen, schluchzen; Tema, sie könnten auch drohen.“
„Könnten sie das“


@amelie
aufnahmebereit für die schönheit des seins und lebens. allerdings muss man auch zur rechten zeit zu dieser unerfüllbaren liebe distanz beziehen, sie darf nicht das ganze leben einnehmen. diesen punkt hat herr bigum versäumt, er ergeht sich in seiner lethargie anstatt sich durch andere dinge aufzuwerten. so macht er sich immer wertloser und abhängiger von den launen des fräuleins.

Das Problem, das mir Herr Bigum macht ist folgendes: Er taucht mit rund 40 Jahren im Roman auf und wir wissen überhaupt nichts über seine Vorgeschichte. Welche Enttäuschungen hat er vielleicht vorher schon erlebt? – Und dann erleben wir ihn ja auch nur kurze Zeit, und was wird danach aus ihm? Wir wissen es nicht. Deshalb wage ich nicht, so ein endgültiges Urteil über ihn abzugeben.

@Lucien
Sorry, Lucien, ich glaube ich habe Dich bis jetzt überhaupt noch nicht richtig begrüßt hier bei uns im Klassikerforum. Also Du bist hier herzlich willkommen. Und wenn Du Amelie und mir bei der Lektüre von Niels Lyhne zur Seite stehst, finde ich das ganz toll.

Bleibt am Ball, und nicht zu schnell lesen: der Jacobsen schreibt unheimlich kompakt, da ist beinahe kein Satz nur so dahingeschrieben

Mit Deiner Ermahnung, hast Du sicher recht. Normalerweise lese ich auch sehr langsam und intensiv, in diesem Fall wollte ich natürlich Amelie möglichst bald einholen. Aber von nun an lese ich wieder gründlicher. Versprochen.

Viele Grüße von Hubert


Offline Hubert

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September 2003: Jens Peter Jacobsen: „Niels Lyhne“
« Antwort #21 am: 26. September 2003, 23:17 »
Der Botaniker, Romancier und Lyriker Jens Peter Jacobsen (1847 bis 1885) ist nach Andersen und Kierkegaard der dritte dänische Autor mit großer internationaler Resonanz. Auf das frühe Werk deutscher Autoren um 1900 (Thomas Mann, Gottfried Benn u.a.) hat er eine erstaunliche Wirkung ausgeübt. Rilke pries ihn gar als seinen geistigen Mentor („Er war mir ein Begleiter im Geiste und eine Gegenwart im Gemüt“). Das vielschichtige Werk Jacobsens entfaltet sich in der Spannung von Naturalismus und Symbolismus, Atheismus und Naturmystik, Lebenslust und Lebensangst. Mit 38 stirbt Jacobsen an Tuberkulose.

Einen Lebenslauf findet man unter:

http://www.robert-morten.de/baseportal/Redaktionssytem/britannia_mini_detail&Id==2475


Lebenslauf und Bibliographie aus dem Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon

http://www.bautz.de/bbkl/j/jacobsen_j_p.shtml


HAUPTWERKE (daneben gibt es weitere Novellen und Gedichte)

1868/69 Gurrelieder

Gedichtzyklus der einen in dänischen Volksliedern überlieferten Sagenstoff gestaltet. Zu Lebzeiten Jacobsens unveröffentlicht. Im Nachlass fand sich die Fragment gebliebene Novelle „Ein Kaktus erblüht“ in deren Rahmenhandlung fünf junge Dichter dem Gastgeber und seiner hübschen Tochter aus ihren Manuskripten vorlesen, während man auf das Aufblühen eines Kaktus wartet, der nach neunjähriger Pflege eine Blüte bekommen hatte, die sich im Laufe der Nacht erschließen würde. In einer Episode wird in Versen die Geschichte des dänischen Schlosses Gurre erzählt, eine mittelalterliche Legende mit historischem Kern im Stil an  „Gothic fiction“ erinnernd: Der Dänenkönig Waldemar liebt die schöne Tove und lässt sie auf seine Burg Gurre bringen. Die eifersüchtige Königin Helvig lässt das Mädchen umbringen, worauf der König Gott verflucht und zur Strafe nach seinem eigenen Tod jede Nacht mit seinem Gefolge aus den Gräbern steigen und umherreiten muß.

1897 erschienen die Gurrelieder in Wien in einem Band „Gedichte von Jens Peter Jacobsen“, übersetzt von R.F.Arnold. Diese Übersetzung Arnolds benutzte Arnold Schönberg als textliche Vorlage für seine „Gurre-Lieder“, durch die dieser Zyklus Jacobsens in den Konzertsälen der Welt berühmt wurde. Schönbergs Vertonung entstand zwischen 1900 und 1902 ein Werk zwischen Liederzyklus und Oratorium mit riesiger Besetzung. Die „Gurrelieder“ sind Schönbergs wichtigster Beitrag zur Musik der Spätromantik. Ihre Uraufführung am 23.2.1913 war der überwältigendste Erfolg in der Laufbahn von Arnold Schönberg.

1872 Mogens

Naturalistische Novelle mit symbolistischen Zügen. Die Novelle zeigt einerseits wie Jacobsen in der Tradition von Andersen und Heine steht, andererseits auch moderne, impressionistische Stilmittel. Am bekanntesten ist die Regenwetter-Szene, über die 1902 Rilke in seiner Worpsweder Monographie schrieb: „Mogens wurde aufgeschlagen, und schon war man mitten drin in der frohen, flimmernden, atemlosen Lebendigkeit dieses unvergesslichen Regenschauers.“

1876 Frau Marie Grubbe

Historischer Roman mit Episoden-Struktur. Porträt einer Frau, die zuerst mit einem Adligen, zuletzt mit einem Stallknecht verheiratet war.

1880 Niels Lyhne

Entwicklungsroman mit absteigender Lebenslinie (wie schon im ersten Roman). Den Bezugsrahmen bilden die Theorien von Darwin und Kierkegaard. Dargestellt werden ausgewählte Abschnitte aus Niels Lyhnes Leben von der Geburt, über die Begegnung mit fünf Frauen (Edele, Tema Boye, Fennimore, Madame Odéro, Gerda), die jeweils eine Entwicklungsstufe im Leben des Helden prägen, bis zu seinem Tod.

Bengt Algot Sörensen schreibt in seiner Jacobsen Biografie über den Roman: „Die geheime Mitte des Romans ist .... die existentielle Lebensproblematik der Titelfigur – wie in „Mogens“ und wie in „Frau Marie Grubbe“. Den Titelfiguren dieser drei Werke gemeinsam ist denn auch ihre Lebenssehnsucht, die vor allem in der Liebesleidenschaft zum Ausdruck kommt, sich aber auch als naturmystische Einheitssehnsucht äußern kann. Für Jacobsen bestand, ..., kein grundsätzlicher Unterschied zwischen der Natur um den Menschen und der Natur in dem Menschen. Natur und Psyche waren für ihn unmittelbar verbunden, da sie auf derselben Grundlage ruhten.“.

Offline Hubert

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Niels Lyhne (mitten im Kapitel XI.)
« Antwort #22 am: 26. September 2003, 23:21 »
Hallo zusammen,

Entgegen Luciens Meinung, dass das Buch gegen Ende abbaut, finde ich, dass es eigentlich immer besser wird (ich bin natürlich noch nicht am Ende). Jetzt würde mich mal interessieren, ob das objektiv so ist oder nur mein subjektives Empfinden, vielleicht auch dadurch hervorgerufen, dass ich am Anfang zu schnell gelesen habe.

Im Thread-Chronik habe ich noch zwei Links zum Leben von Jacobsen und ein paar Informationen zu seinem sonstigen Werk eingestellt. Kennt jemand andere Werke von Jacobsen, z.B. den Roman „Frau Marie Grubbe“?

Grüße von Hubert

Offline Lucien

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September 2003: Jens Peter Jacobsen: „Niels Lyhne“
« Antwort #23 am: 27. September 2003, 10:03 »
hallo Hubert,

erstmal Danke für deine freundliche Begrüßung; leider schaffe ich es im Moment nicht, mir das kleine Büchlein nochmal zu beschaffen, deshalb kann ich mich nicht mehr ausreichend hineinlesen, um Beispiele anzuführen oder inhaltich ein bisschen besser argumentieren zu können...

Aber es freut' mich, dass auch du Freude an dem Buch hast... Und wenn es vielleicht gerade die Teile des Buches sind, die mir persönlich eher schwach vorkamen, na dann umso besser.

Ich denke mein Problem mit dem Ende des Buches bestand in der Zeitraffung. Da wo am Anfang noch ausführliche, interessante Dialoge waren (ich denke an das Gespräch mit Fr. Boye oder auch die Gespräche und die Schilderung von Fennimore) da wird am Ende so schnell und unreflektiert über alles hinweggegangen. Auf wenigen Seiten heiratet er, stirbt seine Frau, zieht er in den Krieg... Ich habe mir beim Lesen gedacht, wie schade, dass doch ist, denn hätte er diesselbe Sorgfalt, die er am Beginn gegenüber seinem Helden hat, bis ans Ende durchgezogen, hätte das wahrlich ein ganz, ganz großer Roman werden können. So kam der Roman über den Status eines Geheimtips unter sensiblen Intellektuellen leider nie hinaus...

Sonst kenne ich von Jacobsen nur ein paar Erzählungen, z.B. "Die Pest von Bergamo", die ganz annehmbar waren, mehr aber auch nicht...

Ciao ciao,
Lucien

Offline Hubert

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Niels Lyhne (nach Kapitel 12)
« Antwort #24 am: 3. Oktober 2003, 17:35 »
Hallo Lucien,

bei meinem letzten Posting war ich ja mit dem 11. Kapitel noch nicht fertig und jetzt nachdem ich das 12. Kapitel zu Ende gelesen habe, verstehe ich was Du mit der Zeitraffung meinst, allerdings beurteile ich es im Moment noch etwas anders als Du.

Das Gespräch mit Frau Boye war sicher eine Steigerung gegenüber der Edele-Episode und die Fennimore-Episode war nochmals eine Steigerung zu Frau Boye. Fennimore war meiner Meinung nach Niels große Liebe, also auch tatsächlich eine Steigerung gegenüber der kindlichen Schwärmerei für Edele oder der ersten „erotischen“ Erfahrung des Jugendlichen mit der erfahrenden Frau Boye. Zwangsläufig muß ja jetzt nach dem Scheitern der großen Liebe ein Einbruch im Leben Niels kommen und Jacobsen hat dies auch in seiner Erzählweise nachvollziehbar gemacht. Ich finde es einfach genial, dass die kurze, mehr zufällige Begegnung zweier Enttäuschter (Niels und Madame Odéro) von Jacobsen auch nur eher beiläufig (ohne Dialoge) erzählt wird. Es war ja auch im Leben der Beiden eine unbedeutende Episode. Vielleicht ändere ich meine Meinung aber noch beim weiterlesen. Jedenfalls bin ich jetzt sehr gespannt auf die zwei letzten (auch sehr kurzen) Kapitel.

Die Erzählung „Die Pest von Bergamo“ habe ich jetzt zwischendurch auch gelesen und muss sagen, dass mich selten eine Erzählung so ratlos zurück gelassen hat. Was will Jacobsen uns mit der Erzählung sagen?

@amelie
Hallo amelie,

bist Du noch dabei, oder hast Du "Niels Lyhne" schon zu Ende gelesen?

Ciao Hubert

Offline Hubert

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Niels Lyhne (Fazit)
« Antwort #25 am: 11. Oktober 2003, 19:25 »
Hallo zusammen

Karin, Du hattest über das Buch geschrieben:

Wehmutig, melancholisch, suchend...niemals findend...

Deinem Urteil kann ich eigentlich voll zustimmen. Interessant, wäre natürlich, darüber zu reden, warum Niels „niemals findet“. Aber wahrscheinlich würde das die Grenzen eines Literaturforums sprengen. Also, Karin, vielen Dank für Deinen Lesetipp. Es hat sich gelohnt. Willst Du nicht mal mit uns zusammen ein Buch lesen?  

Lucien hatte geschrieben:

Aber auf jeden Fall sehr zu empfehlen (für Rilke-Begeisterte sogar ein "Muss" !).    

Auch Dir, Lucien, kann ich nur zustimmen und möchte Deine Empfehlung sogar noch erweitern: nicht nur für Rilke-Begeisterte, sondern für alle, die sich für deutsche Literatur Ende 19. Jahrh. / Anfang 20. Jahrh. interessieren. Jacobsens Einfluß auf diese Literatur ist nicht zu übersehen:

- Rilkes „Malte Laurids Brigge“ ist ein Bruder im Geiste von Niels Lyhne, und wetteifert in seinen melancholischen Reflexionen mit diesem Vorbild.
   
- Thomas Manns „Tonio Kröger“ ist ebenfalls ein geistiger Nachfahre von Niels Lyhne. Seine Freundschaft zu Hans Hansen entspricht exakt der Freundschaft zwischen Niels und Erik. (Bei Jacobsen heißt es z.B. „Was Niels aber meistens zu diesem lieblosen Treiben veranlasste, war Eifersucht, denn schon seit dem ersten Tage liebte er Erik, ..“ und bei Thomas Mann: „Die Sache war die, dass Tonio Hans Hansen liebte und schon viel um ihn gelitten hatte.)
   
- Und wenn Jacobsen seinen Erzähler im 11. Kapitel ausrufen lässt: „Arme Fennimore!“, so erinnert das nicht nur zufällig an Fontane der 15 Jahre nach Jacobsen seinen Erzähler mitfühlend das Geschehen  mit „Arme Effi“ kommentieren lässt. ..
   
Grüße von Hubert  



Offline amelie

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September 2003: Jens Peter Jacobsen: „Niels Lyhne“
« Antwort #26 am: 12. Oktober 2003, 15:06 »
Hallo ihr lieben!
Sry, dass ich so lange nichts von mir habe hören lassen, aber in letzter zeit ist so viel passiert, dass ich einfach nicht zum schreiben(und lesen) kam.ich habe jtzt angefangen zu studieren und deshalbhabe ich mich erstmal auf die einführung und orientierung in der uni konzentriert und bin noch dabei.
wollte euch nur mitteilen, dass ich euch nicht vergessen habe!

lg, amelie
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Offline Lucien

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September 2003: Jens Peter Jacobsen: „Niels Lyhne“
« Antwort #27 am: 29. Oktober 2003, 17:48 »
hallo amelie,

wenn es deine Zeit erlaubt, dann schreib' uns doch ruhig noch ein paar Zeilen wie Dir das Buch gefallen hat...

ansonsten gutes Gelingen für dein Studium,
Grüße,
Lucien