Hallo zusammen,
worüber streitet Ihr eigentlich?

Im Fall Mozart besteht doch nun wirklich kein Zweifel darüber, dass er seine Werke unter kommerziellen Gesichtspunkten schreiben musste, und zwar in großer Zahl, weil es noch keine Tantiemen gab. In zahlreichen Briefen berichtet er von seinen erhofften oder erfolgten Einnahmen. Ebenfalls zweifelsfrei ist, dass er diese Rücksichten mit seinen kompositorischen Absichten genial zu verbinden wusste.
Beethoven hatte es etwas leichter, weniger Rücksichten zu nehmen, weil er unter adeliger Protektion stand, bzw. in Wien sehr etabliert war. Mozart dagegen verlor in dem Moment, wo er keinerlei Rücksichten auf Konventionen mehr nahm, fast alle Subskribenten in Wien.
Dass Mozart verarmt jeden Auftrag hinterher gelaufen ist (dachte darauf willst du hinaus), hat die Mozartforschung inzwischen widerlegt. Das kann man sehr schön in Braunbehrens "Mozart in Wien" nachlesen.
Zum Mozartjahr 1991 gab es eine von den Sparkassen veranstaltete Wanderausstellung, die die materielle Hinterlassenschaft des Komponisten auflistete. Daraus kann man nicht unbedingt auf Verarmung schließen. Dem wiederum stehen die berühmten, verzweifelt wirkenden Briefe an den Logenbruder Puchberg gegenüber, mit der Bitte um Geldzuwendungen.
Wenn es um eine Entscheidung zwischen künstlerischer Qualität und Profit gegangen ist, hat sich Mozart doch fast immer für ersteres entschieden (Nebenwerke mal ausgenommen). Sonst hätte er nicht die Oper revolutioniert, sondern brav koventionelle italienische Opern für den Wiener Adel komponiert, was sicher gewinnmaximierend gewesen wäre.
Mozart hat sicher nie nur um des Geldes willen komponiert. Auf keinen Fall war er aber ein musikalischer Revolutionär und wollte es auch gar nicht sein. Richtig neu, nicht revolutionär, war er eigentlich nur in der „Entführung“, bei der es in dem erwähnten Buch von Braunbehrens heißt:
„…..ihm eine Opernform gestatteten, die sich nicht in der Erfüllung überlieferter Gattungsformen erschöpfte, sondern ihm die Möglichkeit gab, …….Gattungsregeln und verkrustete Opernschemata zu sprengen und ein zeitgenössisches Musiktheater zu entwickeln.“ (S. 88) Das Zitat bezieht sich auf das deutschsprachige Nationalsingspiel. Mit finanziellem Erfolg konnte man mit einer „Türkenoper“ damals ohnehin rechnen.
Der Figaro, Don Giovanni, Così dagegen enthielten weitgehend noch Elemente der typisch italienischen Oper, sogar der Commedia dell’ arte, also auch erfolgversprechend. Und ich schließe mich an:
Ästhetisch ist Mozart hier komplett neue Wege gegangen. In der Operngeschichte gab es nichts vergleichbares. Spricht IMO auch nicht wirklich für eine Profitmaximierungs- bzw. Angst-vor-Konkurrenz-These.
Beim Figaro stimmt dies, denn zufällig herrschte zu dem Zeitpunkt ein Mangel an neuen Opern. Doch kurz danach schon erzielte Martins „Cosa rara“ den größeren Erfolg (weil simpler) und der Figaro verschwand zunächst in der Versenkung. Konkurrenz gab es.
Der „Mozartpapst“ und große Mozartforscher Alfred Einstein schreibt über die Musik Mozarts:
„….Aber ihre Tiefe ist….musikalisch und persönlich. Dem widerspricht nicht im mindesten, dass Mozarts Werk, mit ganz wenigen Ausnahmen, Gelegenheitswerk ist, dass es bestellte (kursiv vom Verfasser) Musik ist, dass es noch ganz jener Epoche angehört, in der man……nicht aus innerem Impuls, das heißt ins Blaue komponierte.“ Na ja, Bartok, den die Oberen seines Volkes als Nationalkomponist vereinnahmen wollten, d. h., von ihm verlangten, gefällige Volksmusik zu schreiben, konnte es sich leisten, dem nicht nachzukommen. Zum Glück!
Ich finde also, Euer Disput steht 1:1.
@ Wispel: Kürzer ging's nicht, leider!
Grüße,
Gitta