Hallo Ikarus
Ich muß mich bei Dir bedanken, daß Du mich auf dieses wundervolle Bändchen aufmerksam gemacht hast.
bin ich froh, daß der Tipp mit Fontane bei dir gut ankam. Eine Bekannte von mir war eher enttäuscht von diesen Brieffragmenten. Vielleicht muß man auch ein begeisterter Leser von Fontane sein, um dieses Büchlein zu schätzen. Mir hat er jedenfalls zugesprochen und ich kann mir vorstellen, wenn man gerade im Urlaub ist, dann macht es noch mehr Spaß darüber zu lesen, wie es anderen vor ca. 100 Jahren oder länger erging
Es wäre mir mit Sicherheit entgangen.
Dann möchte ich nochmals auf die Sammlung 'Italienische Impressionen' von Fontane aufmerksam machen. Die würden dir dann sicher auch gefallen
Ich habe es im Urlaub gelesen und mich sehr amüsiert. Das Schöne daran ist, daß man das Buch nicht von vorn bis hinten durchlesen muß (vielleicht nicht einmal sollte) sondern einfach wahllos eine Seite aufzuschlagen kann, ein paar kurze Kapitel liest, das Buch dann wieder weglegen und es so häppchenweise geniesen kann.
was für eine gute Idee, dazu ist das Büchlein bestens geeignet.
Manches was Fontane beschreibt kommt einem zwar befremdlich vor, aber vieles scheint sich auch in über 100 Jahren nicht geändert zu haben. Vor allem wenn er über das ungebührliche Verhalten von Mitreisenden und Germanen im Ausland erzählt mußte ich ihm doch zustimmen. Absolut nicht zustimmen konnte ich ihm allerdings beim Kapitel "Das Beste ist fahren":
"Mit offnen Augen vom Coupé, vom Wagen, vom Boot, vom Fiacre aus Dinge an sich vorüberziehen lassen, das ist das A und O des Reisens."
Oh nein, lieber Fontane! Das hat Johann Gottfried Seume in seinem "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" richtiger erkannt:
"Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Wo alles fährt, geht alles sehr schlecht, man sehe sich nur um! Sowie man im Wagen sitzt hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt...Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft."
Jawohl! Genau so ist es! Das hat sicher vor 200 Jahren schon gestimmt und stimmt heute mehr denn je.
Seume kenne ich nicht, aber mir fallen dazu ein paar Worte von Goethe ein, als er nach Italien fuhr:
Die Postillons fuhren, daß einem Sehen und Höhren verging, und so leid es mir tat, diese herrlichen Gegenden mit der entsetzlichsten Schnelle und bei Nacht wie im Fluge zu durchreisen, so freute es mich doch innerlich, daß ein günstiger Wind hinter mir herblies und mich meinen Wünschen zujagte..
Was würden diese Schriftsteller wohl heute zu den Reisemöglichkeiten sagen?
Fontane würde womöglich den ICE lieben, mit garantiert keinen Achsenbrand
Für ihn war Reisen sehr wichtig, denn in seinen Romanen finden wir diese Gegenden wieder, das war ihm wohl sehr wichtig, identisch zu schreiben.
Der Pastor mit seiner schwindsüchtigen Frau in dem stickigen Abteil war doch eklig beschrieben. Ich kann Fontane verstehen, daß er sauer war und Hals über Kopf früher ausstieg.
Wie haben dir die Auszüge aus 'Jenseit des Tweed' in dem Büchlein gefallen?
Die beblümten Teppiche auf Flur und Treppen hatten längst ihren Blumenfrühling hinter sich, und die altmodischen Bettstände mit ihren verschossenen Quasten und Damastgardinen standen unheimlich da wie in alten Schlössern aufgekaufte Paradebetten, in denen Lords und Häuptlinge von Geschlecht zu Geschlecht das Zeitliche gesegnet hatten. Das sind nicht Bilder, die den Schlaf leicht und die Träume heiter machen....Weniger freilich als der leise Schauer, der uns angesichts dieser blutroten Bettvorhänge überläuft, will uns der Fettbrodem gefallen, der, aus der Küche aufsteigend, alle Etagen des Hauses durchdringt, und nur widerwillig erinnern wir uns des korrespondierenden Satzes: man ißt überall, wenn man nur hungrig ist.
Schön, daß du wieder da bist
CU Maria