Hallo zusammen
Ich komme gerade aus Nürnberg zurück und bin erstaunt, wie kurzweilig fünf Stunden in der Oper sein können.
Hier mein spontaner Eindruck:
Die ersten beiden Akte waren eher konventionell inszeniert. Das Bühnenbild zeigte die stilisierte Nürnberger Stadtmauer, etwas Butzenscheiben-Romantik, die Kostüme im Stil des 16. Jahrhunderts - wie man es sich eben vorstellt. Im dritten Akt wurde es dann richtig interessant.
Der Nazi-Wahn hat sich ja im Dritten Reich der Oper sehr bemächtigt und sie zur "deutschen Nationaloper" erklärt, was ich nach dieser Vorstellung auch durchaus verstehen kann. Interessant fand ich nun, daß der Regisseur gar nicht erst versucht hat, diesen Aspekt auszublenden (ich denke, jeder Zuschauer, der sich etwas mit der Oper beschäftigt hat, hat ihn sowieso im Hinterkopf), sondern ihn im Gegenteil sogar in seiner Inszenierung thematisiert. Anstatt der Silhouette Nürnbergs, wie Wagner in seiner Regieanweisung vorschreibt, sehen die Zuschauer als Hintergrundbild ein Dia des Reichsparteitagsgeländes, die Standarten der Handwerkszünfte sind exakt den Standarten der einzelnen Gaue bei den Reichsparteitagen nachgebildet und im Programmheft wurde darauf hingewiesen, daß die Chöre im 3. Akt in den Original-Kostümen der Inszenierung von 1935 auftreten! Ich befürchtete schon das Schlimmste

Als dann Hans Sachs seine Laudatio auf die "deutschen Meister", auf alles, was "deutsch und wahr" ist singt, kam mir spontan Paul Celans "Todesfuge" in den Sinn, in der es heißt, daß auch der Tod ein MEISTER aus Deutschland sei. Doch dann erhebt sich während der Arie im Hintergrund ein riesiger Bundesadler, wie er im Bundestag hängt, aus dem Boden und schiebt sich vor das Dia. Gleichzeitig senkt sich eine nachgebildete Reichstagskuppel über die Bühne, die Handwerksmeister ziehen während des Schlußchores ihre Mäntel aus und darunter kommen die modernen Businessanzüge von Managern zum Vorschein - die heutigen Meister. Hans Sachs erschrickt nach seiner Arie so darüber, daß er die Flucht ergreift. Das ist nicht mehr seine Welt. Dieser Spagat zwischen dem 16. Jahrhundert über das Dritte Reich in die Berliner Republik hat zumindest mich ziemlich überrascht und beeindruckt. Insgesamt fand ich die Inszenierung sehr gelungen, mit einem diskussionswürdigen Ende, das zum Nachdenken anregt. Und so soll es schließlich sein.
Ich glaube mein nächstes Projekt habe ich heute Abend auch gefunden

Nächstes Jahr im Sommer wird nämlich in Nürnberg "Der Ring des Nibelungen" aufgeführt und ich denke, daß es ein lohnendes Objekt sein könnte. Das Nibelungenlied habe ich noch nie gelesen und das wäre ein guter Anlaß, mich damit endlich einmal zu beschäftigen. Das werde ich wohl machen.
Viele Grüße
ikarus