Autor Thema: Altgriechische Literatur  (Gelesen 9759 mal)

Offline finsbury

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Altgriechische Literatur
« am: 20. Juni 2004, 13:07 »
Wer möchte über altgriechische Literatur sprechen?

Auf Anregung von JMaria stelle ich das Thema hier vor:

Seit eineinhalb Jahren beschäftige ich mich mit den griechischen Klassikern, immer in kleinen Häppchen und nebenbei. Nachdem ich die Epiker Homer und Hesiod gelesen habe, beschäftige ich mich nun mit Aischylos und habe zuerst den "gefesselten Prometheus" und "Die Schutzflehenden" gelesen.
Ich finde dieses Thema so spannend, weil  - neben der Bibel -  von diesen Autoren eigentlich der größte Einfluss auf alle abendländischen Literaturen ausgeht. Außerdem kann man nun erkennen, woher diese ganzen Sagenstoffe, die man schon als Kind in Gustav Schwabs Fassung gelesen
hat, eigentlich kommen.
Was mich besonders interessiert, ist die Überlieferungsgeschichte, also was eigentlich von dem Kernwerk noch - und wie - auf uns gekommen ist.
 Falls sich hier also (Hobby-)Altphilologen herumtreiben, würde mich eure sachkundige Meinung sehr interessieren. :rollen:
Grüße
Finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
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Offline Holger

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Altgriechische Literatur
« Antwort #1 am: 20. Juni 2004, 13:38 »
Schwab scheint zum deutschen Bildungsfundament zu gehören. Fällt mir täglich auf. Ich selbst bekenne, ohne dieses Buch aufgewachsen zu sein und immer noch zu leben. Allerdings merke ich, dass ich mich mit der altgriechischen Mythologie daher sehr schwer tue. Vielleicht ändert sich das irgendwann... Auf jeden Fall kann ich dir nur zustimmen, finsbury!
http://wt.parsimony.net/buch332">weblog vom dauerlesen

Roquairol

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Altgriechische Literatur
« Antwort #2 am: 22. Juni 2004, 18:00 »
Ich bin Althistoriker und rede gerne über altgriechische Literatur ...
Was meinst Du mit "Kernwerk"? Einen einheitlichen dogmatischen Kanon der griechischen Mythen gab es nie - da war alles mehr oder weniger im Fluß, jeder Dichter hatte die Freiheit, die Mythen nach seinem Gusto auszuschmücken. Was interessiert Dich an der Überlieferungsgeschichte besonders?

Viele Grüße,
R.

Offline xenophanes

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Re: Altgriechische Literatur
« Antwort #3 am: 27. Juni 2004, 21:46 »
Zitat von: finsbury
Wer möchte über altgriechische Literatur sprechen?

Finsbury


Ich lese auch seit vielen Jahren altgriechische Klassiker: Homer, die Tragiker und vor allem Platon.
Dringend empfehlen würde ich auch die Lektüre von Thukydides "Geschichte des peloponnesischen Krieges", ein Buch, das mich in jeder Hinsicht beeindruckt hat.

Roquairol

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Altgriechische Literatur
« Antwort #4 am: 28. Juni 2004, 15:48 »
Sehr gut - dann können wir die ewige antike Streitfrage weiterführen: Wer ist besser, Herodot oder Thukydides?
Ich plädiere für Herodot ...

Offline xenophanes

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Altgriechische Literatur
« Antwort #5 am: 28. Juni 2004, 16:45 »
Zitat von: Roquairol
Wer ist besser, Herodot oder Thukydides?
Ich plädiere für Herodot ...


Dazu müssten wir uns erst einmal auf die Bewertungskriterien einigen. Nach modernen Maßstäben war Thukydides sicher der der bessere Historiker (Objektivität der Darstellung).
Dass Herodot aufgrund der Kombination von Erzählung / Mythologie / rationale Erklärungsansätze einen großen Charme hat, wer kann das bestreiten.

CK

Offline finsbury

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Gib Kriterien
« Antwort #6 am: 28. Juni 2004, 19:02 »
Zitat von: Roquairol
Sehr gut - dann können wir die ewige antike Streitfrage weiterführen: Wer ist besser, Herodot oder Thukydides?
Ich plädiere für Herodot ...

Na, das ist interessant!
Ich möchte mich nach den Tragikern mit Herodot beschäftigen. Erzähl doch mal, warum du ihn besser findest als Thukydides.  
 :rollen: finsbury
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Roquairol

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Altgriechische Literatur
« Antwort #7 am: 28. Juni 2004, 19:38 »
Zitat von: xenophanes


Dazu müssten wir uns erst einmal auf die Bewertungskriterien einigen.


Oder stellen  wir die Frage anders: Wer von beiden hat die größeren Verdienste?

Wie Du schon richtig dargestellt hast, hat Thukydides die Historie auf eine objektivere Grundlage gestellt.  1-0 für ihn.  - Aber Herodot hat die Historie überhaupt begründet.  Und er ist unter literarischen Gesichtspunkten das größere Lesevergnügen. Am Ende also 2-1 für Herodot ...  :klatschen:

Offline xenophanes

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Altgriechische Literatur
« Antwort #8 am: 28. Juni 2004, 22:14 »
[quote="RoquairolAber Herodot hat die Historie überhaupt begründet.  Und er ist unter literarischen Gesichtspunkten das größere Lesevergnügen. Am Ende also 2-1 für Herodot ...  [/quote]

Ich sehe in diesem gegeneinander Ausspielen eigentlich keinen Sinn. Thukydides ist literarische ebenfalls hervorragend: Im Kleinen, was die brillanten Reden angeht. Die einzelnen Abschnitte sind sorgfältig komponiert. Auch größere Themenblöcke sind erstklassig ausgeführt, etwa der "Ausflug" nach Sizilien.

Ein paar Notizen zu Thukydides:
http://www.koellerer.de/thukydides.html

Offline finsbury

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Altgriechische Literatur
« Antwort #9 am: 5. Juli 2004, 13:28 »
Zitat von: Roquairol

Was meinst Du mit "Kernwerk"? Einen einheitlichen dogmatischen Kanon der griechischen Mythen gab es nie - da war alles mehr oder weniger im Fluß, jeder Dichter hatte die Freiheit, die Mythen nach seinem Gusto auszuschmücken. Was interessiert Dich an der Überlieferungsgeschichte besonders?


Hallo,

entschuldige, dass die Antwort so lange gedauert hat, ich bin z.Z. beruflich sehr im Stress.

Mit Kernwerk meine ich nicht die Mythen selbst, sondern wie man sich zum Beispiel den Urtext von Ilias und Odyssee oder den Hesiod-Werken  vorstellen soll. Wie viel  von dem, was wir heute lesen, ist eigentlich o r i -g i n a l? Und wie werden solche Textfassungen rekonstruiert. Ich bin Germanist, habe also einen Einblick in die Komplexität der Überlieferungs-geschichte mittelalterlicher Texte, und hier muss diese Problematik auf Grund des Alters ja noch potenziert sein. Falls du darin Einblick hast oder ein nicht zu schwer verständliches Buch zu diesem Thema kennst, wäre ich für diese Informationen sehr dankbar.

Gruß finsbury[/quote]
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Roquairol

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Altgriechische Literatur
« Antwort #10 am: 5. Juli 2004, 17:24 »
Hallo finsbury,

das läuft offenbar auf die sogenannte "homerische Frage" hinaus: Wer hat Ilias und Odyssee geschrieben? Ein einzelner Autor, oder mehrere? Wer war überhaupt "Homer?" - Nach dem modernen Stand der Forschung liegen die Wurzeln der homerischen Epen in der Zeit der mündlichen Überlieferung. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zum Mittelalter - es gibt keinen Urtext, der irgendwann verschwunden ist. Mündliche Überlieferung bedeutet aber nicht Beliebigkeit: Die Träger dieser Überlieferung (in Griechenland "Rhapsoden" genannt) haben immer ein erstaunliches Gedächtnis und sind in der Lage, ein Epos über Jahrhunderte hinweg unverändert zu überliefern.  - Als die Griechen von den Phöniziern die Schrift übernahmen, um 800 v. Chr., wurden auch die Ilias und die Odyssee erstmals aufgeschrieben (und zwar ziemlich genau in der Form, die uns erhalten ist). Wenn also Homer der Mensch war, der die Epen aufgeschrieben hat, war er nur ein unkreativer "Schreiber", wenn er hingegen einer der Rhapsoden der vorliterarischen Zeit war, hat er die Epen nicht aufgeschrieben.

Offline finsbury

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Unverändert?
« Antwort #11 am: 11. Juli 2004, 15:16 »
Zitat von: Roquairol
Die Träger dieser Überlieferung (in Griechenland "Rhapsoden" genannt) haben immer ein erstaunliches Gedächtnis und sind in der Lage, ein Epos über Jahrhunderte hinweg unverändert zu überliefern.  - Als die Griechen von den Phöniziern die Schrift übernahmen, um 800 v. Chr., wurden auch die Ilias und die Odyssee erstmals aufgeschrieben (und zwar ziemlich genau in der Form, die uns erhalten ist)

Hallo, Rocquairol,

ich kann gar nicht glauben, dass diese Texte wirklich, auch unter Einkalkulierung der enormen Gedächtnisleistung der Rhapsoden, fast unverändert auf uns gekommen sind.
Wenn man bedenkt, wie sehr die mündliche Überlieferung seit der Völkerwanderungszeit, wie es zum Beispiel am Nibelungenstoff zu sehen ist, variiert, so dass wir heute u.v.a. die Völsungensage in der Edda und das mittelhochdeutsche Nibelungenlied haben, erscheint es doch unwahrscheinlich, dass zweieinhalbtausendjjährige Überlieferungen so rein sein sollen?!
Gruß Finsbury
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Offline xenophanes

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Re: Unverändert?
« Antwort #12 am: 11. Juli 2004, 17:53 »
Zitat von: finsbury
ich kann gar nicht glauben, dass diese Texte wirklich, auch unter Einkalkulierung der enormen Gedächtnisleistung der Rhapsoden, fast unverändert auf uns gekommen sind.


"Unverändert" ist relativ, da ja nur eine Art Textbaustein-Kasten überliefert wurde, der von den Sängern immer neu zusammengesetzt wurde. Zu diesem Thema gibt es eine bahnbrechende klassische Studie von einem Amerikaner (glaube ich), dessen Name mir im Moment nicht einfällt, und der "rhapsodische" Literatur auf dem Balkan untersucht hat.

CK

Roquairol

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Altgriechische Literatur
« Antwort #13 am: 12. Juli 2004, 17:22 »
Der Amerikaner müsste Milman Parry gewesen sein.

Er hat die bis in unsere Zeit fortbestehende "oral poetry" auf dem Balkan untersucht und ist zu dem erstaunlichen Ergebnis gekommen, daß die Epen dort über Jahrhunderte hinweg unverändert tradiert wurden, und zwar von Leuten, die nicht lesen konnten.  Die von Xenophanes erwähnte "Textbaustein-Technik" ist dabei eine entscheidende Hilfe. Aber es ist auch davon abgesehen sehr bemerkenswert, was das menschliche Gedächtnis zu leisten vermag, wenn es nicht durch unsere permanente Berieselung (Fernsehen usw.) zerstreut wird.

Offline xenophanes

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Altgriechische Literatur
« Antwort #14 am: 13. Juli 2004, 21:52 »
Zitat von: Roquairol
Der Amerikaner müsste Milman Parry gewesen sein.



Exakt. Danke.

Das war ein Durchbruch nicht nur in der Homerforschung.

CK