Hallo finsbury,
Wisst ihr zufällig, ob im Internet ein einschlägiger, einsichtiger und moderner Aufsatz zum Thema existiert?
Weiß ich leider nicht, aber such doch auf Google nach "oral poetry", wenn es überhaupt so einen Artikel gibt, müßte er sich finden lassen.
Hallo Hubert,
Warum sollte ein Wissenschaftler wie L. solche Dinge schreiben, wenn es nicht Argumente dafür gäbe.
Da kann ich mir einige Gründe denken:
- Weil er sich als Wissenschaftler profilieren möchte, und das nur kann, indem er etwas
Neues aufbringt
- Weil er rational nicht herleitbare (ihm aber emotional wichtige) Überzeugungen vertritt
- Weil er als kreativer Mensch seine Kollegen und/oder die interessierte Öffentlichkeit dazu motivieren will, die Dinge von einem anderen Standpunkt zu betrachten
womit ich Herrn Latacz keine dieser Motive unterstellen will. Ich bin nur für gesunde Skepsis. Ich glaube nicht, dass alles stimmt, was in einem "wissenschaftlich" daherkommenden Buch steht. Wenn es dazu noch ein Text ist, der nicht für die Fachwelt geschrieben ist, sondern sich an interessierte Laien wendet, und ich die Argumentation nicht nachvollziehen kann, werde ich mißtrauisch.
Ich jedenfalls gehe davon aus, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, der letzten 20 Jahre, die allgemein anerkannt werden, richtiger sind, als Erkenntnisse die 70 Jahre und älter sind.
Es geht aber doch gar nicht um Erkenntnisse. Was für Erkenntnisse? Weiß man heute mehr über Homer als vor zweieinhalbtausend Jahren? Es gibt doch nur mehr oder weniger plausible Theorien. Werden die Theorien besser? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wie auch immer, ich möchte die Argumente für oder gegen eine Theorie verstehen können, damit ich mir mein eigenes Urteil bilden kann.
Kann ich mich nicht auf die neuesten Erkenntnisse stützen, dann ist Wissenschaft eh in Frage zu stellen
Wissenschaft ist immer in Frage zu stellen. Die Wissenschaft selbst lebt davon, dass sie sich selber immer in Frage stellt.
Argumente wie, Homer kannte ja die moderne Erzählltheorie nicht, deshalb kann diese keine Erkenntnisse über Homer geben, finde ich insofern albern
Bei dieser Aussage stand ein Smiley...
Was ich damit sagen wollte: Mir scheint die Theorienbildung mehr ein Eingeständnis unseres Unwissens als echter Erkenntnisgewinn zu sein... Um mein "wissenschaftstheoretisches Gesetz" (Smiley!!) zu wiederholen: Je weniger man weiß, desto mehr wird spekuliert, und diese Spekulationen sagen mehr über uns aus als über Homer (und damit pointiert, meinetwegen albern: Was wußte Homer von unseren Theorien?).
Ich werde jedenfalls auch in Zukunft dafür sorgen, dass im Klassikerforum veraltete Theorien durch neuere Theorien, sofern mir diese bekannt sind, ergänzt werden.
Womit ich sehr einverstanden bin.
Das soll aber niemanden hindern, an den veralteten Theorien festzuhalten.
Ach, es geht doch nicht um neu oder alt, sondern darum, was überhaupt gesicherte Erkenntnis ist. Meine Skepsis gilt genauso den alten Theorien wie den neuen.
Bei nächster Gelegenheit werde ich mir das Buch von Latacz (Homer: Der erste Dichter des Abendlandes) vornehmen. Ich wollte sowieso die Ilias und die Odyssee wieder lesen (meine letzte Lektüre liegt mindestens fünfzehn Jahre zurück...). Dann kann ich vielleicht aus dem Zusammenhang begründeter urteilen als aus einem einzigen Zitat.
Herzlichen Gruß, Harald