Autor Thema: Altgriechische Literatur  (Gelesen 9764 mal)

Offline finsbury

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Re: Aischylos: Orestie
« Antwort #60 am: 1. September 2010, 16:46 »
Hallo,

aus Anlass meiner aktuellen Lektüre hole ich nochmal meinen alten Thread aus der Versenkung und zitiere mich auch noch selbst  :entsetzt:.


dass alles miteinander zusammenhängt, ist mir wohl auch klar. Dennoch können wir wohl heute nicht mehr von einer so unmittelbaren Wechselwirkung zwischen Kultur und Verwaltung wie damals ausgehen.
Das ist jetzt natürlich wieder nur eine These, aber es scheint doch wahrscheinlich, dass sich Legislative, Exekutive, Judikative und Kulturschaffende viel stärker persönlich untereinander kannten und austauschten, schon allein wegen der viel größeren Überschaubarkeit des
Staats- und Kulturwesens. Ich denke, bei allem Respekt und Leidenschaft für Kunstwerke jeder Art ist die Einflussnahme derselben auf die "Polis" heute doch im Einzelfall  in der Regel nicht so hoch einzuschätzen.


Momentan lese ich eine Anthologie altgriechischer Lyrik (auf Deutsch) und stelle wieder fest, was ich vor Jahren hier postete. In der Antike war es z.B. wohl üblich, dass man die jungen Männer vor einer Schlacht per Lyrik auf ihre vaterländischen Pflichten aufmerksam machte und zwar, im Gegensatz zu den leider auch heute noch üblichen Schlachtgesängen durch eine sauber aufgeführte, wenn auch für den Friedliebenden von falschen Prämissen ausgehende Argumentation (Tyrtaios aus Sparta, 7. Jh. v.C.).
Ja, sogar der allseits bekannte Wegbereiter der athenischen Demokratie, Solon, ebenfalls 7. Jh., hat einen Teil seiner politischen Lehren in lyrischer Form hinterlassen. Und das sind nicht einfach Lehrtexte in gebundener Sprache, sondern Reflexionen des lyrischen Ichs über sein politisches Handeln. 

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline finsbury

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Antw:Altgriechische Literatur
« Antwort #61 am: 31. Juli 2011, 11:52 »
Hallo,

habe nun meine Anthologie altgriechischer Lyrik beendet und dabei wieder mal einen Vorgänger für bekannte Inhalte neuzeitlicher Lyrik gefunden.
Das folgende Gedicht stammt laut Quelle von Herder, ist aber von diesem nur übersetzt worden: Sein Autor ist der hellenistische Dichter Moschos aus dem 2. JH. v.C.

Liebe und Gegenliebe.
 
Sehnend liebete Pan die nahe Echo; die Echo
 Liebte den tanzenden Satyr; der Satyr glühte für Lyda.
 Aber so wenig die Echo für Pan, so wenig entbrannte
 Für die Echo der Satyr und für den Satyr die Lyda.

 
5
 Jegliches liebt’ ein Andres; so viel es den Liebenden haßte,
 
Ward es gehaßet und litt’ die Strafe der Wiedervergeltung.
      Diese Lehren erzähl’ ich den Liebentfremdeten. Liebet
 Die euch lieben: so werdet ihr liebend wieder geliebet.

Erinnert euch das  nicht ganz stark an Heine?


Ein Jüngling liebte ein Mädchen
 Das hat einen andern erwählt.
 Der andre nahm eine andre
 und hat sich mit dieser vermählt.
 
Das Mädchen nahm aus Ärger
 den ersten besten Mann,
 der ihm in den Weg gelaufen.
 Der Jüngling ist übel dran.
 
Es ist eine alte Geschichte,
 doch ist sie immer neu.
 Und wem sie just passieret,
 dem bricht das Herz entzwei.
 

Der Inhalt ist identisch, nur die Schlussfolgerung anders. Dabei halte ich die des Griechen für deutlich weniger lebensbedrohlich!  :zwinker:

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