Hallo Bluebell!
01.04.1933: Eintritt in die NSDAP. Bei einem so frühen Eintritt muss Doderer schon Gründe gehabt haben, die Massenhysterie war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhanden. Nun, seine Frau war jüdischer Herkunft. Er hat sie 1921 nach seiner Ankunft in Wien aus der russischen Kriegsgefangenschaft kennengelernt und 1930 geheiratet. Es war eine Hass-Liebe, 1931 folgt die Scheidung und dann ein Jahr später die endültige Trennung von seiner Frau.
Nun hasst er alle Juden und schreibt so etwas in Briefen:
"Was hab ich in Wien? Kaum eine Redaktion, kaum einen Verleger mehr. Fast alles jüdisch und daher jetzt zergehend wie Eis in der Hand. "
Deshalb fährt er auch nach Deutschland (1936-38), zumal nun auch nur Autoren die in der Reichsschriftumskammer aufgenommen sind, veröffentlichen dürfen. Blöderweise sucht er sich ausgerechnet Dachau als Wohnort aus (München ist zu teuer).
1940 tritt er der katholischen Kirche bei (1930 ist er aus der evangelischen ausgetreten und bezeichnete sich seitdem als konfessionslos), der Priester, der ihn begleitet hat, wird später von den Nazis verhaftet.
Aber bevor er sich entscheiden muss, wird er glücklicherweise einberufen, zwei Tage nach seiner Taufe. Man muss auch sagen, dass er ein Offizier war, also kein normaler Gefreiter.
Aus der Partei ist er niemals ausgetreten, aber ich glaube auch, dass dies ab Herbst 1939 wohl nicht mehr so leicht war. Abgesehen von einem Visaersuch für eine Auslandsreise hat Doderer nichts vorzuweisen.
Erste Studien zur Strudlhofstiege finden sich ab 1941, so richtig damit begonnen hat er aber nach dem Krieg. Die Nazithematik würdest Du, Bluebell, eher in den Dämonen finden, an denen Doderer seit den 30ern gearbeitet hat und die er für die Nazis mit folgenden Worten schmackhaft zu machen versuchte:
"Ich glaube, dass die jüdische Welt im Osten deutschen Lebensraumes von einem rein deutschen Autor in den Versuchsbereich der Gestaltung gezogen wurde. Denn die bisher darüber schrieben (Schnitzler, Wassermann etc. etc.) waren selbst Juden und ihre Hervorbringungen können wohl seit langem schon nicht mehr ernsthaft gelesen werden. Ich versuchte, dieses Theatrum Judaicum sozusagen in drei Stockwerken vorzuführen: auf der Ebene des familiären und erotischen Lebens, auf der Ebene der Presse und der Oeffentlichkeit, und endlich auf der Eben der Wirtschaft in der Welt der grossen Banken."
Der Roman hieß auch früher "Die Dämonen der Ostmark", nach dem Krieg hat Doderer eifrigst Einschübe geschrieben, um dieses Werk zu retten.
Sehr gut zur Einführung ist die Homepage der Doderer Gesellschaft
www.doderer-gesellschaft.org und als Buchform die rororo-monographie.
Grüße
markizy