Autor Thema: Goethes Faust: »Was die Welt im Innersten zusammenhält«  (Gelesen 5719 mal)

Offline H.-P.Haack

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An dieser Frage war Faust gescheitert. In der Eröffnungsszene von »Faust II« steht -in Analogie zu »Faust I« - wieder ein großer Monolog Fausts, in dem Goethe unter der Hand eine Antwort gibt.

In der Morgendämmerung erwartet Faust den Aufgang der Sonne. Als sie endlich hinter einer Bergschulter hervortritt, trifft ihr »Flammenübermaß« seine Augen so schmerzhaft, dass er sich abkehren muss. Doch lässt das »Feuermeer« in ihm eine Erkenntnis aufblitzen, die er sich erschrocken als Frage formuliert. »Ist´s Lieb´? Ist´s Hass? Die glühend uns umwinden, / Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer, / So daß wir wieder nach der Erde blicken, / Zu bergen und im jugendlichsten Schleier.« (Verse 4711 – 14)

Das »ewige Licht« der Sonne steht für Erkenntnis. Goethe paraphrasiert hier das Höhlengleichnis Platons.* Setzt man für die Dichterworte »Lieb´« und »Hass« die Begriffe Sozialität und Aggressivität, hat man das Spannungsfeld, in dem Leben sich verwirklicht, die Pole, zwischen denen es alterniert,  - im Kleinen wie im Großen. Die beiden gegensätzlichen Elementar-Triebe treiben die Evolution voran. Sie sind sie von gleichem Gewicht wie Mutation und Selektion.
* -> [http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hlengleichnis]

Mit »Lieb'« und »Hass«  (Sozialität und Aggressivität), die »glühend uns umwinden« (unentrinnbar) trifft Goethe eine anthropologische Aussage. Aggressivität (sublimiert als Konkurrenz, Wettbewerb) und Sozialität (Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftsgefühl) sind in jedem Menschen angelegt, auch bei nicht domestizierten Säugetieren, die in sozialen Verbänden leben. Am stärksten entwickelt sind sie beim Menschen, dem Zoon politikon. Im günstigsten Falle halten sich beide Antriebe die Waage. Doch das Mischungsverhältnis kann sehr unterschiedlich ausfallen. Im Extrem bleiben nur Egoismus und Konkurrenzdenken, vielleicht mit einem gelegentlichen Anflug von sozialem Empfinden. Das andere Extrem ist soziales Engagenment bis zur Selbstaufgabe.

Die missionierende These "Ohne Christentum keine Moral" trifft nicht zu. Soziale Antriebe, die Wurzeln der Moral, sind älter als das Christentum. Es kodifiziert lediglich die Bedürfnisse nach Sozialität (der Appell Jesu Christi „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“) und perhorresziert Aggressivität (das mosaische Gebot „Du sollst nicht töten“). Gefordert wird hier und dort, was anthropologisch bereits angelegt ist. "Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange  / Ist sich des rechten Weges wohl bewußt." (Faust I, Prolog im Himmel).

Heute sucht die Physik nach einer mathematischen Erfassung der Welt, nach der ´Weltformel´ und wendet auf dieses Bemühen das Goethewort von ihrem innersten Zusammenhalt an. Fausts Suche dagegen hatte der Lebensdynamik gegolten (»Des Lebens Fackel wollten wir entzünden«). Sein schreckhaftes Erkennen der geheimen Doppelnatur des Menschen löst sogleich Abwehr aus, "So daß wir wieder nach der Erde blicken, / Zu bergen uns im jugendlichsten Schleier", d. h. in Nichtwissen.

In den maßgebenden, von Albrecht Schöne zusammengetragnen Kommentare zu Goethes Faust [Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1994] werden die Verse 4711 -14 nicht kommentiert.



Abbildung des Monologs im Erstdruck (1828):  ->
[http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Goethe_Faust_II_Des_Lebens_Pulse_schlagen_frisch_lebendig.jpg#Beschreibung]
« Letzte Änderung: 14. Januar 2009, 09:31 von H.-P.Haack »
"Trau deinen Augen" (Otto Dix)

Offline uhu

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Re: Goethes Faust: »Was die Welt im Innersten zusammenhält«
« Antwort #1 am: 22. April 2008, 21:12 »
Ich kann diese Interpretation gut nachvollziehen. Für "Aggressivität" und "Sozialität" liesse sich wohl auch Logos und Eros oder einfach männlich und weiblich setzen.

Zu ähnlichen Schlüssen betr. das Sonnenlicht kommt Irene Gerber-Münch in ihrem Buch Goethes Faust - Eine tiefenpsychologische Studie über den Mythos des modernen Menschen: Die Konfrontation mit dem ewigen Wissen, für welches symbolisch die Sonne steht, birgt die Gefahr der Inflation in sich. Hier bewahrheitet sich Mephistos Aussage in Vers 2050: "Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!" Sodann ist die Abkehr nicht nur negativ (i.S. der Abwendung vom Licht) zu verstehen, sondern (mit der Sonne im Rücken, V. 4715) auch positiv, in der Hinwendung zum eigenen Schatten.
Das Universum, das andere die Bibliothek nennen [...] (J.L. Borges, Die Bibliothek von Babel)

Offline H.-P.Haack

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Re: Goethes Faust: »Was die Welt im Innersten zusammenhält«
« Antwort #2 am: 4. Mai 2008, 09:03 »
Hallo Uhu,

danke für die Anmerkung und die Mail. 

Mir war es nicht so sehr um die Symbolik und Metaphorik des Lichts gegangen, als vielmehr um Fausts Erschrecken, als er, gleichsam von einem Feuermeer ´umschlungen´, sich der bangen Frage nicht erwehren kann, glühend ´umwunden´ zu sein in "Lieb" und "Haß". - "Glühend uns umwinden" lese ich als ´unentrinnbar´. 

"[...] in jugendlichstem Schleier":´Schleier´ist mit´Verschleiern´konnotiert.  Das naheliegende Wort ´Schatten´ vermeidet Goethe hier.

"Zur Erde blicken": "Erde" versus "ewigen Lichts" könnte auch für´Mutter Erde´stehen, für die ursprüngliche Gäa, "dem niemals wankenden Sitz der Unsterblichen", d. h. dem Fundament der Götter, - die alle nach ihr kamen; auch das Licht kam nach ihr (Hesiod, Theogonie).  Schopenhauer sieht ebenfalls das Primäre im Willen (Materie und Bios), die Vorstellung (die Welt des Geistes) ist ihm sekundär. Alle diese Assoziationen entsprechen der von Dir zitierten Lesart.

Nochmals herzlichen Dank für Dein Interesse!

Mit allen guten Grüßen!
« Letzte Änderung: 4. Mai 2008, 09:54 von H.-P.Haack »
"Trau deinen Augen" (Otto Dix)

Offline uhu

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Re: Goethes Faust: »Was die Welt im Innersten zusammenhält«
« Antwort #3 am: 4. Mai 2008, 12:23 »
Hallo Herr Haack

Betr. Symbolik und Metaphorik des Lichts wollte ich auf Ihren Satz "Das »ewige Licht« der Sonne steht für Erkenntnis." reagieren. Was Fausts Erschrecken angeht, bin ich mit Ihnen einig. Allerdings sehe ich die Situation nicht als unentrinnbar. Faust dreht sich doch gerade zu dem Zwecke um, um dem "Flammenübermass", dem "Feuermeer" zu entrinnen.

Goethe verwendet das Wort "Schatten" nicht. Aber es ist genau der eigene Schatten, den man sieht, wenn man die Sonne im Rücken hat und zur Erde blickt. In einer psychologischen Deutung ist es wichtig, dass Faust seinen Schatten nun zu erkennen beginnt. Im Teil 1 ist es ein grosses Problem, dass Fausts Schatten, verkörpert durch Mephisto, völlig unabhängig ist und ihn in Bann schlägt (vgl. Vers 1535ff, wo Faust sich dem Mephisto anpasst: Mephisto ist Herr des Geschehens, nicht Faust).

Ich glaube bestimmt, dass mit dem "zur Erde blicken" auch die Mutter Erde gemeint ist. Licht=Feuer, männlich / Erde, weiblich. Alle Elemente sind hier vertreten, auch Luft (männlich) und Wasser (weiblich). Licht und Wasser vereinigen sich im Regenbogen: die Vereinigung von Feuer und Wasser, mit welcher das Werk schliesslich endet:

"Das Unzulängliche,/Hier wird's Erreichnis;/Das Unbeschreibliche,/Hier ist's getan;/Das Ewig-Weibliche/Zieht uns hinan."

Die vier Elemente kommen im Faust natürlich an verschiedenen Stellen vor. In diesem Zusammenhang scheint mir von Bedeutung der Traum im ersten Teil, V 1447ff., der schon den Bogen zum zweiten Teil spannt und Fausts Sehnsucht nach der Unendlichkeit vorwegnimmt, die im ersten Teil noch unbewusst ist und darum im Traum vorkommt.

Schönen Sonntag!

Uhu
« Letzte Änderung: 4. Mai 2008, 12:30 von uhu »
Das Universum, das andere die Bibliothek nennen [...] (J.L. Borges, Die Bibliothek von Babel)